Anne Clark

Anne ClarkDer Wert der Kunst

Im Jahr 1982 erschien die erste Veröffentlichung von Anne Clark. Nur zwei Jahre später gehörte die Britin zur Speerspitze der Independent-Musikszene. Ihre wütenden Hits "Sleeper in Metropolis" und "Our Darkness" brachten alternative Tanzsäle zum Beben und beeinflussten zahlreiche Musiker der Technoszene nachhaltig, wie das 1997er Remix-Album "Wordprocessing" eindrucksvoll belegt.

Entnervt vom zunehmenden Erwartungs-druck und enttäuscht von der Gier des Musikgeschäfts zog sich Anne Clark Ende 1987 nach Norwegen zurück. Ihre Musik wurde zusehends stiller, wenn auch nicht fröhlicher. 1994 ging Anne Clark das Wagnis ein, mit einer rein akustischen Band zu touren und hatte damit Erfolg. Seither sind lediglich zwei Alben mit neuen Songs erschienen, doch viele Fans halten der Pop-Poetin auch nach fast 25 Jahren die Treue. Wir hatten die Gelegenheit, ein ausführliches Gespräch mit ihr zu führen.

BLITZ!: Du bist derzeit auf Tour. Nach den Regeln des Musikgeschäftes müsste es also bald ein neues Album geben. Stimmt das?
A.C.: Ich arbeite daran, schon sehr lange. Ich hoffe, es wird irgendwann nächstes Jahr fertig. Derzeit passiert ziemlich viel.

BLITZ!: Wird es wieder ein akustisches Album oder gehst du "back to the roots"?
A.C.: Es wird eine Mischung aus beiden Elementen. Für das Album und die Tour arbeite ich mit meiner Akustik-Band - Niko Lai, Murat Parlak und Jann Michael Engel - und zwei Elektronik-Musikern zusammen. Der eine ist Rainer von Vielen, der andere Manuel Richter von Xabec. Sie sind beide sehr unterschiedlich, aber auf ihre Art einfach überwältigend. Rainers Energie ist unglaublich, und Manuel arbeitet wie ein Maler, wie ein Bildhauer mit elektronischen Klängen und Einfällen.

BLITZ!: Weißt Du schon, wo das Album erscheint?
A.C.: Nein. Ich würde es gern auf einem größeren Label veröffentlichen. Das ist aber Teil meines Problems. Es gibt von allem so viel: Musik, Bücher, Sachen in den Läden… Ich frage mich, ob ich wirklich noch etwas zu dieser Konsum-Welt beitragen will. Es gibt tausende wunderbare Künstler, Leute, die erstaunliche Dinge tun und begraben sind unter dieser Überproduktion von allem. Ich fühle mich auch als Konsument überfordert, als jemand, der Bücher liebt und Musik. Alles hat so eine kurze Lebensdauer, und ich frage mich, wo der Wert all dieser Sachen geblieben ist.

BLITZ!: Auf der anderen Seite musst Du etwas veröffentlichen, um noch als Künstlerin wahrgenommen zu werden...
A.C.: Ja, und ich denke, genau das ist die Frage für mich, ob ich das noch tun will. Ich verstehe wirklich nicht, wohin der Wert der Kunst entschwunden ist, ich frage mich, welche Rolle sie im Leben der Menschen noch spielt.

BLITZ!: Welche Ansprüche stellst Du an Kunst?
A.C.: Kunst sollte etwas sein, das sich selbst aufrechterhalten kann. Etwas, das ein tiefes und kraftvolles Leben in sich birgt. Es ist unglaublich, wenn man zurückschaut, was Hunderte von Jahren überlebt hat. Es gibt Werke, die den Menschen noch heute Freude bereiten. Heute scheint der Zweck der Kunst eine kurze Explosion zu sein, und dann kommt schon das nächste Ding. Ich liebe Pop-Musik, aber ich denke, diese Eile ist am Ende der Ruin für etwas Tieferes.

BLITZ!: Du bist 2004 beim Wave Gotik Treffen in Leipzig aufgetreten. Gemeinsam mit David Harrow hast Du da vor allem alte Songs gespielt. Welches Gefühl hattest Du dabei?
A.C.: Ehrlich gesagt hat es mir nicht gefallen. Auf mich wurde über die Jahre hinweg Druck ausgeübt: Warum spielst Du nicht wieder mit David Harrow? Wir haben in den 1980ern einige fantastische Dinge gemacht, das war auch das kommerziell erfolgreichste Material. Die Sache ist aber, dass wir aufhörten, zusammen zu arbeiten, weil wir gemerkt haben: Das war's! Wir versuchten es nach mehr als 15 Jahren erneut, und ich denke, dass es nicht sehr gut funktioniert hat. Nach zwei, drei Konzerten hat es mir wirklich gereicht.

BLITZ!: Deine Songs wurden schon häufig remixed. Hast Du dadurch ein neues Publikum gewonnen?
A.C.: Ja, ich bin jedes Mal überrascht. Bei Konzerten sehe ich immer wieder bekannte Gesichter, aber auch Leute von 18, 19, 20 Jahren. Ich weiß nicht, woher sie kommen, aber ich freue mich über sie.

BLITZ!: Kann sein, dass sie etwas anderes erwarten …
A.C.: Die müssen das nehmen, was sie kriegen (lacht). Wenn sie es nicht mögen, zwingt sie niemand, wiederzukommen.

BLITZ!: Im Booklet zur 1988er Live-Platte "R.S.V.P." grüßt Du auch Deine ostdeutschen Fans. Hattest Du vor der Wende schon Kontakt hierher?
A.C.: Sehr wenig. Aber nach dem Kollaps war es einfach überwältigend, eine regelrechte Flutwelle an Kommunikation. Ich spiele immer noch sehr gern im Osten, die Leute sind anders; etwas zurückhaltend, aber auch sehr leidenschaftlich, sehr intensiv in ihren Gefühlen und in ihrem Ausdruck. Ich liebe es, hier zu spielen.

Wer mehr über Anne Clark erfahren will, dem sei das Buch "Notes taken, traces left" empfohlen, das auf Deutsch im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen ist.


Termine
21.11. Halle, Steintor-Varieté
30.11. Erfurt, Stadtgarten
01./02.12. Dresden, Lukaskirche
 
Wort: Ullrich Bemmann / Bild: Oleg