Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,
die im Verlauf des Novembers in unseren Breiten schlagartig einsetzende Dunkelheit, jene, zumeist völlig überraschend über uns hereinbrechende, bereits die frühen Nachmittagsstunden schwärzende, spätherbstliche Finsternis verleitet den normal empfindenden, durchschnittlichen Chemnitzer zu extremer Häuslichkeit, zu einem Rückzug aus der Turbulenz lärmender Alltagsgeschäfte in die schützende Atmosphäre der eigenen vier Wände. Der orkanartige, unentwegt die Straße der Dr. Winters KolumneNationen entlang fauchende Wind tut das Übrige, einem den ansonsten immer genussvollen Aufenthalt vor der geschmackvoll dekorierten Preisbombe oder einer anderen, in unmittelbarer Nähe des Opernhauses gelegenen Restpostenverkaufstelle zu vermiesen. Nur die nötigsten, die unentbehrlichsten, das blanke Überleben sichernden Schritte werden noch im Freien getan. Eine frostige, gähnende Leere breitet sich auf dem Falkeplatz aus, nahezu unbewohnt windet sich die Zwickauer Straße in Richtung Grüna, karg und eisig ragt das Massiv des Sonnenberges in das stupide Grau des Großstadthimmels, und mit beängstigender Monumentalität erstrecken sich die ehemaligen Kasernen der Sowjetarmee bis hin zum entlaubten Astwerk des Zeisigwaldes. Aber im Schutz farbenfroher Neubaublocks, unter den liebevoll restaurierten Dächern von Kaßberg-Villen, in den wohltemperierten Etagenwohnungen unweit des Heizwerkes herrscht ein unerwartet munteres Treiben, rottet man sich zusammen, um gemeinsam der monatelangen Abstinenz des Lichtes zu trotzen. Mit Feuereifer nimmt man sich dem lange Zeit Ungetanen, Liegengebliebenen, Vernachlässigten an, holt beinahe Vergessenes hervor, erinnert sich an Begabungen, Steckenpferde, an besondere Fähig- und Möglichkeiten, denen man das Potenzial unterstellt, die Zeit bis zum Sommer vernünftig ausfüllen zu können. Viele kennen dabei kein Erbarmen, widmen sich solch komplizierten, nur mit größter Selbstdisziplin zu bewältigenden Beschäftigungen wie dem Fernsehen, zwingen sich dazu, die Fernbedienung nicht wieder aus der Hand zu legen, bis der erste Föhneinbruch den unwirtlichen Verhältnissen ein Ende bereitet, andere üben sich mit unglaublicher Geduld darin, wochenlang stark konzentriert aus dem Fenster zu blicken, wieder andere vervollkommnen ihr Talent für Beziehungskrisen oder Nachbarschaftsstreitigkeiten. Überall bietet sich eine Fülle von Vergnügungen dieser Art, mit einem einigermaßen offenen Auge begegnet man unentwegt einer Vielzahl von Menschen in Ausübung solch fantasievoller Tätigkeiten, nahezu ständig sieht man Personen, die den ganzen Winter hindurch unaufhörlich das Treppenhaus scheuern, die im Minutentakt Nahrung aufnehmen, sich am linken Bein kratzen oder in einem atemberaubenden Tempo den Kopf schütteln, die sich über Politik oder das Wetter beschweren, und dabei oft genug die eine für das andere verantwortlich machen, die so lange Kaugummi kauen, bis von ihm nichts mehr übrig ist, die vor dem Wohnzimmerschrank auf und ab gehen, und sich an etwas zu erinnern versuchen, wovon sie noch nie etwas gehört haben. Es gibt Leute, die angesichts der nicht enden wollenden Nächte nichts anderes tun, als ihre Einsamkeit zu bejammern, und andere, die deswegen von morgens bis abends bedauern, dass sie mit jemandem zusammen leben müssen, und dann gibt es noch Leute wie mich, die in dieser Zeit vollkommen damit ausgelastet sind, immer nur zu frieren. Man sieht, der Variationsfreude und Originalität solch eindeutiger Äußerungen ungebremster Vitalität sind keine Grenzen gesetzt. Auch in dieser dunklen Jahreszeit muss uns die Trübsal nicht übermannen, gibt es ausreichend Anlass, sein Dasein mit sinnvollen und optimistischen Aktionen auszufüllen, kann das Leben schön und reich sein. Mit diesem trostspendenden Appell will ich mich für heute von Euch verabschieden und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Winter Winter Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC