Madrid

MadridMit Rad und Bahn durchs große Dorf

Majestätisch und vornehm begrüßt Spaniens Metropole ihre Besucher an der Puerta de Alcalá, dem Stadttor Karls III. und Wahrzeichen der Kapitale. Der Schein trügt nicht: Madrid, obwohl touristisch im Schatten der Kanaren, Andalusiens oder Barcelonas stehend, entpuppt sich als atemberaubend.


Ohne Zögern wirft sich Pablo Nunoz in das Verkehrsgetümmel, das von frühmorgens bis weit nach Mitternacht die schmalen Straßen um den Plaza Mayor beherrscht. Ich folge ihm mit gehörigem Respekt, komme mir vor wie die Spanier bei der Eroberung Mexikos zu Pferde. Unser Anblick ist völlig ungewohnt - blonde Nordeuropäer auf einem Drahtesel haben für Spanier offenbar etwas Außerirdisches. Das stellt sich alsbald als Vorteil dar: So erweisen uns die hektischen Madrilenen allen Respekt, wenn wir auf unseren Rädern die Fußwege befahren, autogefüllte Alleen queren oder vor dem Königsschloss auftauchen. Nur das aufgebrezelte Ross bläht irritiert die Nüstern, als es mich beim Wachwechsel wittert.
Drei Dutzend Fahrräder bietet Bike Spain Tours aus einer Wohnung im dritten Geschoss unweit des Schlosses zur Ausleihe an (www.bikespain.info). Viel mehr dürfte es in Madrid nicht geben, mir kam jedenfalls keines zu Gesicht. Ein Rad zu leihen, kostet zwölf bis 15 Euro am Tag. Weil Madrid der Eiffelturm oder ein breiter Strom zur Orientierung fehlt, empfiehlt sich im Straßengewirr der Innenstadt eine der von Pablo und seinen Mitstreitern geführten Touren am Wochenende. MadridNicht ganz zufällig ist es ein Deutscher, der im Madrider Stadtrat die einseitige Politik für das Auto kritisiert. Christian Kisters tritt für Stellplätze, Radwege und Wegweiser sowie die offizielle Zulassung von Fahrrädern in den Fußgängerzonen ein.
Einfacher fällt die Orientierung auf den zwölf Linien des exzellent ausgebauten U-Bahn-Netzes. Eine Zehner-Karte ist am Kiosk für 6,15 Euro zu haben! Kein Wunder bei diesen Preisen, dass jeder Einwohner die Metro statistisch 200 Mal im Jahr nutzt. Etwa um am Abend, das heißt hier gegen Mitternacht, in den vielen Tabernas des Literatenviertels oder des Stadtteils Lavapiés zu versacken. Äußerlich sind die Bars an ihrer leuchtend roten Eingangsverkleidung zu erkennen.
Zwar verbreiteten sich die Tapas in den vergangenen Jahren über ganz Europa wie zuvor die Pizzen, Hamburger oder Sushi. In Madrid aber sind die Tabernas Tradition. Als ein ARD-Team kürzlich im "Casa Labra" in der Straße Tetuán 12 drehen wollte, setzte der Wirt die verdutzten Kameraleute umgehend auf die Straße. Touristenrummel sei ihm abhold. Als Relikt der Franco-Zeit hängt im "Casa Labra" noch das Emailleschild "Prohibido cantar y bailar". Den Spaniern das Singen und Tanzen zu verbieten, das konnte nicht gut gehen. Hier am Tresen gründete Pablo Iglesias während der Franco-Diktatur die Sozialistische Partei des Landes.
Das spanische Verb tapar bedeutet bedecken. MadridDie Tapas sollen nämlich ihren Ursprung als kleine Deckel zum Abhalten der Fliegen von den Biergläsern haben. Um den Tellern eine Funktion zu geben, legten die Wirte einige Häppchen darauf. Mit vollen Mägen vertrugen die Gäste auch mehr Alkohol. Klassisch steht in den Tabernas, heute verbreitet sich auch in Madrid die Bezeichnung Tapas-Bar, nur ein Tresen. Sein Bier, das caña, genießt der Gast im Stehen. In jüngster Zeit weitet sich der gastronomische Bereich aus, kommen mehr Leute zum Abendbrot. Lecker geräucherte Schinken an der Wand machen Appetit. Wobei es den Einwohnern Madrids nicht einfallen würde, den ganzen Abend in einer Taberna hängenzubleiben. Hat doch jeder Wirt seine eigene Spezialität: Mojama ist getrockneter Thunfisch, der wie Schinken schmeckt und förmlich auf der Zunge zergeht. Oder die Madrider Kutteln, Callos genannt, Kabeljau-Kroketten, marinierte Sardellen sowie Schinken- und Käsesorten. Eines ist dabei selbstverständlich: Ohne Oliven geht gar nichts.
Ein ganz anderes Madrid umwirbt den Besucher beidseits des Prachtboulevards Paseo del Prado mit einer überbordenden Vielfalt an klassischer und zeitgenössischer Kunst. Unter den zwölf größten Kunsttempeln des Europas befinden sich allein drei in der spanischen Metropole: Vom Prado hat ein jeder schon gehört. El Greco, Velazquez und Goya sprechen für sich. Was im Prado fehlt, bietet schräg gegenüber die Sammlung Thyssen-Bornemisza. Die Präsentation reicht von deutscher Renaissance über russischen Konstruktivismus bis zur Pop-Art. Schwerpunkt des dritten Museums von Weltgeltung, der Reina Sofía, sind die zeitgenössischen Spanier. Hier ist das berühmteste Werk des 20. Jahrhunderts beheimatet, Picassos "Guernica".
Unweit des Prado, im Südosten des Zentrums, befindet sich Atocha, der größte Umsteigebahnhof der Stadt. Im März 2004 explodierten hier zehn Bomben in Vorortzügen, was dem Knotenpunkt zu trauriger Berühmtheit verhalf. Auf der vorgelagerten Glorieta de Carlos V. baut Madrid derzeit eine Gedenkstätte, während im Retiro-Park für jedes der 191 Opfer ein Olivenbaum oder eine Zypresse gepflanzt wurde.
MadridMadrid wurde nie das Stadtrecht zuteil. Böse Zungen in der ewigen Rivalin Toledo - jahrhundertelang die Hauptstadt Spaniens - spötteln daher abschätzig über "das Dorf". Nun, von ländlicher Atmosphäre wird der Besucher in Madrid wenig spüren. Der Pomp der Franco-Ära an den vielgeschossigen Fassaden - hierzulande würde man dazu Zuckerbäckerstil sagen - wirkt eher erschlagend. Oder die Geschwindigkeit der Stadt. Wo gestern um die Gran Vía noch Filmtheater zum abendlichen Besuch einluden, leuchten inzwischen die Reklametafeln der Musicaltheater. Nördlich der Prachtstraße bietet sich ein ganz anderes Bild: Im Szeneviertel Barrio Chueca offerieren so genannte "Muestrarias" preisgünstige Schuhe und Lederwaren. Allerdings ist Spanien längst kein Billigpreisrevier mehr. Recht günstig werden weiterhin Weine, Obst und Gemüse verkauft. Wenn die Läden schließen, verschwindet das Publikum in den kleinen Kneipen und Bars. Im Kontrast zu den klassischen Tabernas geben sich die Lokale in Chueca kosmopolitisch und ausschweifend.
Die Studenten bevorzugen hingegen das westliche Viertel Moncloa nahe der Universität mit seinen zahlreichen Bars und Diskotheken. Ein Problem gibt es hinterher zu lösen. Leicht benebelt verlasst Ihr die soundsovielte Kneipe, die Straßen quellen im nächtlichen Verkehr über und Ihr müsst entsetzt feststellen: Wie anderswo fallen auch in Madrid 1.30 Uhr die stählernen Gitter und versperren den Zugang zur Metro. Also heißt es, den einheimischen Nachtschwärmern in die nächste Bar oder Taberna zu folgen und dem ersten Zug in der Morgenstunde bei einigen cañas oder copas, also Wein, entgegenzufeiern.
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Wort und Bild: Uwe Schieferdecker