| Jürgen Vogel in |
Ein Freund von mir
Man kommt in diesem Jahr einfach nicht um ihn herum, um den Mann mit den
nicht gerade schönsten Zähnen und der auch nicht mehr ganz voll-ständigen
Haarpracht, um den Mann, der so herzerfrischend lachen kann, dass man ihm den
Kumpel von nebenan hundert Mal mehr abnimmt als jedem anderen. Die Rede ist von
Jürgen Vogel.
Im Moment ist es ja schon fast der Overkill. Vogel hier, Vogel da. Kaum ein
deutscher Film ohne Vogel. Allein in diesem Jahr war er im Berlinale-Beitrag
"Der freie Wille" schon zu sehen - die seelische Berg- und Talfahrt läuft grad
noch in den Kinos. Für diese künstlerische Sonderleistung als Hauptdarsteller,
Drehbuch-Co-Autor und Produzent erhielt er einen der Silbernen Bären. Fast
zeitgleich mit dem "Freien Willen" startete auch der bezaubernde Streifen "Emmas
Glück" in unseren Kinos. Hauptrolle ebenfalls: Jürgen Vogel. In diesem Film
spielt er einen jungen Mann, der, als er erfährt, dass er nicht mehr lange zu
leben hat, Geld stiehlt, um in Mexiko noch einmal richtig loszulegen. Auf der
Flucht landet er aber statt in Mittelamerika auf dem verlotterten Hof einer
jungen Frau und findet dort sein endliches Glück. Ja, und dann ist Vogel zur
Zeit noch in einem Kinderfilm besetzt, in "TKKG". Mal ist er der Fiesling, mal
der Verlierer, mal der nette Herr Unauffällig. Aber immer ist er unheimlich
präsent. Seine Rollen sitzen jedes Mal wie angegossen. Und ist es nicht gerade
das, was einen wirklichen Schauspieler ausmacht?
Einen, dem man die
verschiedensten Rollen abnimmt und der sich in seinem Spiel nicht ständig
wiederholt oder sein Markenzeichen gar darin sieht, möglichst wenig zu tun und
immer mit den gleichen Gesichtsausdrücken oder Gesten unterschiedliche Figuren
darzustellen versucht. Das allerdings dann in der Regel mit einem sozusagen
makellosen Gesicht. Wie langweilig!
Das wird uns bei Jürgen Vogel nicht passieren. Und so können wir uns auf seinen
neuen Film "Ein Freund von mir" richtig freuen. Keine Angst vor zuviel Vogel in
diesem Falle! Der Film lohnt den Kinobesuch, ist witzig, spritzig und berührend
zugleich. Nicht nur Jürgen Vogel, sondern auch sein Gegenspieler Daniel Brühl -
den zumindest hatten wir schon eine Weile nicht mehr - und der weibliche Part,
Sabine Timoteo, tragen zum Gelingen dieses sehenswerten deutschen Streifens bei.
Brühl ist Karl, ein junger, aufstrebender Büromensch, der allerdings kaum
Gefühle hat und nichts preisgibt. Von seinem Chef provoziert, arbeitet er für
ein paar Tage in einer Autovermietung und trifft dabei auf den stets fröhlichen
Hans. Der sieht in Karl schnell einen Freund, auch wenn der diese Gefühle nicht
so rasch oder überhaupt nicht entwickeln kann bzw. will. Die beiden haben eine
verrückte Zeit, fahren nackt Porsche, suchen die Königin unter den Frauen und
finden zu sich selbst. Regisseur Sebastian Schipper überzeugt erneut, nachdem er
das schon mit "Absolute Giganten" getan hatte.
Wenn Jürgen Vogel den verklemmt wirkenden Karl das erste Mal unter seine
Fittiche nimmt und ihn zum Mitfahren in seinem arg ramponierten Auto auffordert,
ist richtig Stimmung im Kino angesagt. Schiebedach kaputt - was soll der Geiz in
der kalten Jahreszeit, wozu wurden denn sonst Mützen und Decken erfunden, fragt
man sich da. Die Sache mit der Überführung der beiden Porsche ist auch ganz
nett, und das nicht nur, weil Karl und Hans die nagelneuen Edelflitzer nackt
vorm Flughafen absetzen. Und so hat der Film einige witzige Ideen, aber auch
sehr nachdenkliche Momente. Man nimmt diesen beiden Hauptdarstellern einfach ab,
dass da Freunde agieren. Und Vogel nimmt man es ab, dass er sich gar nicht
vorstellen kann, keinen Spaß am Leben zu haben und nicht täglich mit einem Plan
aufzustehen und sich auch wieder zu Bett zu legen.
Im wahren Leben ist Vogel allerdings schon ein ernsthafter Mann, einer mit
Familie und viel Arbeit. Er meint, er müsse einfach so viel drehen, schließlich
brauche er die Kohle für seine Kinder. Vier hat er, verheiratet ist er und seine
Familie hat Vorrang. Die Kohle verdient er sich dann allerdings durchaus
ehrlich. Seit 1984 steht er nun vor den Kameras, hat es inzwischen auf gut 90
Filme gebracht. Der Mann ist erst 37. Vom ersten Film mit 15 bis heute liegen da
im Schnitt vier, fünf Produktionen pro Jahr an. So viel dreht nicht jeder. Und
dann hat er auch fast durchgehend nur gute Kritiken bekommen für sein
Schauspiel. Das ist schon bewundernswert und mag vor allem daran liegen, dass
Vogel von sich selbst sagt, er müsse sich immer ein wenig in die Rolle, die er
gerade geben soll, hineindenken. Nicht absolut darin aufgehen, aber ein
Stückchen sich selbst darin finden und das dann darstellen. So etwas spürt der
Zuschauer, nimmt ihm ab, was er macht. Wenn er in "Ein Freund von mir"
beispielsweise mit Brühl von weiten auf eine Gruppe von Mädchen blickt und
beginnt, so zu tun, als ob er sie synchronisieren würde, hat man als Zuschauer
das Gefühl, direkt daneben zu stehen. Und wenn er später auf einem Dach steht,
spürt man förmlich seine Einsamkeit. Oder besser, die der Filmfigur. Das geht
nahtlos ineinander über, macht das Spiel und damit den Film unheimlich
menschlich.
Jürgen Vogel ist eines der lebenden Beispiele dafür, dass man keine
Schauspielschule besuchen muss, um vor der Kamera ein guter Akteur zu sein. Auf
der Schauspielschule hat er es gerade mal einen Tag lang ausgehalten. Wäre er
länger geblieben, so meint er, wäre er Voll-Alkoholiker geworden. Da war ihm
einfach zuviel Gleichschaltung, nichts Individuelles, was ihn ja bekanntlich
auszeichnet.
Seine Rollen sind nicht die der glatten Typen. Meist ist er der Kantige, an dem
man sich reibt, aber mit dem man eben auch unheimlich mitfühlen kann,
gleichgültig, ob er in "Kleine Haie" mitwirkt oder in "Nackt", in "Stille Nacht"
oder "Fette Welt" oder auch in "Keine Lieder über Liebe" (da singt er übrigens
auch noch ganz passabel). Mag es daran liegen, dass er aus dem proletarischen
Milieu stammt und sich auch nicht mehr ganz wohl in seiner Familie fühlte, als
er mit 15 aus dem Haus ging. Wie dem auch sei, Talent hat er jedenfalls.
Und keine Skandale, keine Ausbrüche unangenehmer Art, keine Nabelschauen, mit
denen Jürgen Vogel auf sich aufmerksam machen muss. Einfach nur ein guter
Darsteller sein. Den Begriff des Schauspielers mag er nicht so sehr. Recht hat
er, schließlich ist er keiner, der sich zur Schau stellt.
|
| Wort: Carola Kinzel / Bild: X-Verleih |
|