Vorsicht Thiel!

Vorsicht Thiel!Nicht lukrativ

Ich nahm den Telefonhörer und meldete mich mit meinem Namen. Das tat ich aus einem ganz bestimmten Grund: Weil das Telefon klingelte.


An dieser Stelle könnte ich erwähnen, dass es sich nicht um ein Siemens-Handy handelte. Eigentlich um gar kein Handy, es war nämlich mein Festnetztelefon, welches nach mir rief. Apropos Siemens: Die halten ihre Handy-Sparte für nicht lukrativ, verkaufen sie an ein asiatisches Unternehmen (BenQ), geben denen auch noch Geld (Okay, nicht viel, nur ein paar hundert Millionen Euro), damit die die überhaupt nehmen und sind nun überrascht, dass der neue Besitzer das deutsche Handy-Werk schließen will. Mit der Begründung, die auch Siemens schon zum Verkauf benutzte: Nicht lukrativ! Jetzt sind die Siemens-Manager völlig betroffen, denn dass man ein Werk aus diesem Grund verschleudert, finden sie normal. Aber schließen? Die Asiaten hatten doch so einen sympathischen Eindruck gemacht. Alle waren frisch geduscht, hatten schicke Anzüge an und Tischmanieren, die man in Asien nur noch selten findet. Auch die Füllfederhalter, mit denen der Vertrag unterzeichnet wurde, waren definitiv nicht vom Euro-Pfennig-Luchser. Und dann so eine menschliche Enttäuschung …
Dabei hatten die Asiaten beim Champagnerschlürfen noch versichert, das Werk nicht schließen zu wollen. Weil man sich so toll verstand, hat man als Vertrauensbeweis natürlich nichts davon im Vertrag verankert. Man ist ja eine Gesellschaft von Ehrenmännern, wo das besoffene Wort noch was zählt! Da möchte man rufen: Liebe Siemens-Kunden, fechtet Eure Rechnungen an und beruft Euch auf mündliche Zusagen vom Management. Zum Glück hatten sich die Siemens-Bosse vor kurzem ihre Bezüge um 30 Prozent erhöht, wodurch sie nun in der Lage sind, diese Erhöhung in einen Hilfsfonds für die verarschten ehemaligen Siemens-Arbeiter hineinzuspenden. Schade, dass die Erhöhung nur 30 Prozent betrug.
Oh, ich trieb vom Thema ab! Ich meldete mich also am Telefon. Am anderen Ende war ein Herr "Name nicht verstanden", von der Agentur "Name nicht verstanden". Vielleicht lag es daran, dass mir sein Dialekt nicht geläufig war. Jedenfalls wartete ich erstmal ab, was er wollte, schließlich hatte er mich angerufen. "Herr Thiel, Sie sind ja beruflich sehr eingespannt …" Pause. Wohl, weil ich diese Feststellung nicht für eine Frage hielt. Hätte ich die Call-Center-Head-Hunter-Schulung besucht, wäre mir klar gewesen, dass das ein Einstieg war. Nach einer Weile des Schweigens kam mir eine Idee: "Sicher können Sie mir sagen, was ich beruflich so mache?" "Darum geht es gar nicht! Auf Grund ihres Engagements möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen." Super. "Und wo engagiere ich mich beruflich?" Vielleicht verrät er es mir. "Das ist doch nebensächlich. Ich möchte Ihnen etwas anbieten, und zwar einen Posten in der Führungsebene eines mittelständischen Unternehmens." Hoffentlich weiß er wenigstens, in welcher Branche sein Unternehmen arbeitet. "Und was ist das für ein Unternehmen?" "Herr Thiel, das sagte ich Ihnen bereits, es handelt sich um ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen. Und ich biete Ihnen eine Stelle für 200.000 Euro an." Was hieß das jetzt? Bot er mir die Stelle für den kleinen Beitrag von 200.000 Euro an, den ich überall unkompliziert einzahlen konnte? Oder bekomme ich das Geld, wenn ich die Stelle nehme? Und für mich ganz wichtig: Ist das im Monat oder im Jahr? Man will sich ja nicht verschlechtern … Noch mal zum Mitschreiben: Ein mir völlig fremder Mensch ruft mich an, bietet mir einen Führungsjob für 200.000 Euro und denkt, ich finde das normal? "Warum kommen sie gerade auf mich?" "Weil Sie so engagiert sind." Könnte ich das auch schriftlich bekommen? Stattdessen: "Und woher haben Sie meine Nummer?" "Sie sind mir empfohlen worden." "Von wem?" "Von meiner Chefin." Schnell ging ich alle Frauen durch, die mich hätten empfehlen können. "Und wer ist das?" "Das darf ich Ihnen nicht sagen." Na klar, wer kennt schon den Namen der Frau, die einem das Telefonbuch hinlegt. Jedenfalls ging mir der Typ langsam auf die Nüsse, weshalb ich ihn anbrüllte: "Sie kennen mich nicht, wissen gar nichts von mir, bieten mir trotzdem einen hochbezahlten Job an und glauben dann noch, ich gehe darauf ein? Halten Sie mich für völlig bescheuert?" Jetzt war der andere aber enttäuscht. "Herr Thiel, wissen Sie was, ich denke, Sie haben ein Ego-Problem und sind zutiefst unglücklich. Jedenfalls kann ich Ihnen nicht helfen. So ein Angebot bekommen Sie nie wieder." Und legte auf. Soviel Frechheit regte mich auf, also rief ich noch ein paar Tiernamen in den unbesetzten Hörer, nur um mich langsam wieder einzuholen. Dennoch ließ mich dieser Anruf nicht los. Da macht mir jemand ein offensichtlich unseriöses Angebot, definitiv nur, um sich selbst zu bereichern, glaubt, ich fliege darauf rein und wird dann noch beleidigend, weil ich das unverschämt finde! Aber eigentlich kann ich noch ganz zufrieden sein, denn ich konnte den Schweinehandel ablehnen, im Gegensatz zu den Siemens-Arbeitern …
Stinksauer, Euer Mario


"Vorsicht! Thiel!" am 19. Oktober, 20 Uhr, Kabarett Breschke & Schuch mit Joachim Schlese, dem Cheforganisator und Regisseur des Historischen Festumzuges zur 800-Jahr-Feier, und Thomas Nicolai vom Quatsch Comedy Club Berlin, Musik wie immer von 2HOT
Kartentelefon 4904009

www.vorsicht-thiel.de
 
Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade