| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
nächstbaldig (um eine beliebte Wendung maschinell erstellter Schriftstücke zu
benutzen), besonders jetzt, wo mit dem Elch bereits das Tier des Jahres gekürt
worden ist, in absehbarer Zeit also, werden sich um die Klarheit unserer Rede
bemühte Sprachforscher wieder auf die Suche nach dem Wort des Jahres begeben,
werden in die rhetorischen Abgründe kleinkarierter Kommunalpolitiker
hinabsteigen, und auf dem öden Kopfsteinpflaster nichts sagenden
Alltagsgeschwätzes wandeln, werden unter schmerzhaften Zuckungen Talkshows
analysieren und im Beisein von Notärzten den Moderatoren privater Rundfunksender
lauschen. Selten werden ihre Bemühungen in Erfolg münden, kaum einmal wird es
ihnen wie Schuppen von den Augen fallen, nahezu nie werden sie eine spontane
Erleuchtung erfahren. Vollkommen unbrauchbare, deplatzierte, nichtrepräsentative
Formulierungen wie "Gesundheitsreform" oder "Weltmeister der Herzen" werden sie
in die illustre Runde aus Linguisten und Semantikprofessoren werfen, abwägen und
als zu leicht befinden, als banal, unwürdig, unbrauchbar. Verzweifelt werden sie
feststellen, dass sie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können, dass ihnen mit
der beklagenswerten Verarmung unserer Sprache die Worte ausgehen, dass sie auf
faule Kompromisse zurückgreifen müssen, auf Ungesagtes, Verschwiegenes,
Wortloses. Deshalb, aus dem ehrenwerten Bestreben, etwas Gutes zu tun, mich
nützlich zu machen, konstruktiv zu sein, wage ich, mich von meinem unberufenen
Platz aus einzuschalten, ihnen auf die Spur zu helfen, Hilfestellung zu geben,
zumal es für mich auf der Hand liegt, dass in diesem Jahr nur einem Wort die
Krone zuerkannt werden kann, nur ein einziger Begriff auf die Zustimmung der
gesamten Nation stoßen wird: Gammelfleisch. Ja, Gammelfleisch ist uns allen zu
einem so liebenswerten Produkt geworden; kaum jemand, der es nicht mag, kaum
jemand, den es nicht danach verlangt, darüber zu sprechen, dem die Freude
abgeht, stündlich und öfter bei ihm zu verweilen, sich mit einem wohligen
Grausen die absonderliche Geschmacksnote, den exotischen Geruch oder nicht
sonderliche Konsistenz desselben zu imaginieren. Gammelfleisch hat uns in diesem
Jahr sowohl an den heißen Julitagen, als auch über den verregneten August hinweg
die gute Laune erhalten, und verspricht dies auch in den bevorstehenden grauen
Herbsttagen zu tun. Die ungeheuere Begeisterung für Gammelfleisch ausnutzend,
erwägen Fleischereien und Großmärkte ja bereits, ihre lang geübte Praxis zu
ändern, und es nun auch in ihr offizielles Angebot aufzunehmen. Schließlich ist
dafür kein allzu großer Aufwand nötig, man kann seine bereits vorhandenen
Vorräte nutzen, und muss sie nur ein paar Tage länger als gewöhnlich vor sich
hin gammeln lassen. Gammeln lassen! Welche andere Formulierung klingt so rigoros
komisch, erregt so spontan Heiterkeit? Gammeln! Das ganze Wort ein einziger
Witz! Es scheint wenig wahrscheinlich, dass es mit seinem unentwegt Frohsinn
verströmenden Klang unserer Muttersprache entstammt, weit eher könnte es eine
Erfindung der IKEA-Werbung, oder eine im Beisein von großen Fischen
praktizierte, norwegische Lautmalerei sein, auch besteht die Vermutung, dass es
von betrunkenen Seeleuten aus Ghana eingeschleppt wurde, wo dieses Wort extrem
häufig benutzt wird, obwohl seine Bedeutung niemandem bekannt ist. Nein, es
besteht nicht der geringste Zweifel: Das Wort des Jahres heißt Gammelfleisch.
Sagt es, sagt es immer wieder! Gammelfleisch, Gammelfleisch! Beginnt damit, den
A-Vokal auszukosten und lasst dann völlig überraschend die beiden M-Konsonanten
folgen, sprecht die Buchstaben E und L beinahe tonlos, hängt schließlich ein
kurzes prägnantes "Fleisch" an und spürt die wohltuende Wirkung eines solchen
Vorgehens, wenn der düstere Herbst Euch die Stimmung zu verderben droht! Soweit
meine heutige Empfehlung!
Euer Doktor Hackfleisch Döner Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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