| Northern Lite |
Jeder
Erfolg mehr wäre "nett"
"Wer hat die Nudeln bestellt?" Der Pizza-Bote in Rot blickt unsicher in die
Runde. Ob er weiß, wen er da vor sich hat? Hätte er es gewusst, wäre er jetzt
garantiert in Besitz eines von Northern Lite signierten Joeys-Pizza-Belegs. Es
hat ihm keiner verraten. Er verlässt das Radio-Top-40 Studio zu Weimar mit
leeren Händen.
Die Jungs sitzen lässig auf der von unzähligen prominenten Hintern abgewetzten
Bretz-Couch im hinteren Teil der Redaktion, nur "Boon" (Sebastian Bohn, 31,
ledig, wohnhaft in Erfurt) muss vorne im Studio live on air auflegen. Andreas "The
Voice" Kubat (33, ledig, wohnhaft in Erfurt) eruiert, wer nun was bestellt hat,
bezahlt und lässt dann alles warmstellen. Erst wird gequatscht! Danke. Ich nutze
das kurze Durcheinander und parke meinen Popo ebenfalls auf der prominent
belagerten Couch, unschlüssig, ob ich das überhaupt darf. Egal! Mädchenbonus!
Fertig! Es gibt so viele Themen, die es wert sind mit, über und contra Northern
Lite diskutiert zu werden, fast zu viele. Und weil es mir mehr um die Menschen
hinter Northern Lite geht, als um Major Deals, VIVA und MTV, frage ich zuerst,
was ich nicht fragen darf. Die Jungs lachen, und beinahe einstimmig wird
hinausposaunt: "Wir haben keinen Sex, konsumieren keine Drogen und gehen nie auf
Parties!" "Ja, nee, is' klar", grinse ich zurück, und wir fangen dann doch beim
Promotion-Anlass für das Interview an: "Unisex" heißt die neue Scheibe, 13
Titel, jeder eine Sensation, von Kritikern gefeiert, von Fans sehnsüchtig
erwartet. Andreas meint resümierend: "Das Beste, was wir je gemacht haben. Wir
sind zwar anfangs mit unserer Zeit etwas schlampig umgegangen, dafür haben wir
uns halt die letzten sieben Monate nur noch im Studiolicht, jenseits der
Tageszeiten, gesehen. So hart haben wir noch nie auf etwas hingearbeitet, wie
bei diesem Album."
Sascha Littek, der Saitenmann (33, ledig, wohnhaft in Erfurt) stimmt ihm zu:
"Freizeit ist in den letzten Jahren eh immer mehr zum Fremdwort geworden. Aber
das gehört dazu, weil: Von nix kommt nix." Kommen musste auf jeden Fall etwas,
denn mal ganz davon abgesehen, dass alle Fachzeitschriften und Insider der
Meinung waren, dass bereits die letzte Veröffentlichung der Erfurter qualitativ
nicht mehr zu toppen sei, haben die Jungs jetzt einen so genannten Major Deal
abgeschlossen. Quasi vom selbstgegründeten Erfurter Home-Base-Label First Decade
zum Viva- und MTV-Türen öffnenden Mega-Label Universal.
Werden Northern Lite jetzt zu Popstars? "Ich werde nie bei The Dome spielen",
feixt Andreas, "Ich spiele nur da, wo live gespielt wird!" Gott sei Dank, denke
ich und konfrontiere ihn trotzdem mit einem drei Jahre alten Zitat seiner
selbst: "Weil wir aber an uns geglaubt haben, haben wir uns Geld geborgt und
unser eigenes Label First Decade gegründet. Jetzt stellt sich heraus, dass das
die beste Entscheidung der letzten Jahre war. Das Label hat mehrere Künstler
unter Vertrag ... Und Bands, die gut sind und an sich glauben, sollten das
genauso machen. Wenn man gute Sachen produziert und live präsent ist, wird man
von alleine bekannt. Dazu braucht man keinen Major. Die wissen ja nicht mal, wo
die Fans für unsere Musik sind. Jedenfalls nicht dort, wo man sie mit Werbung
bei Media Markt und Sat 1 zu erreichen glaubt. Die Leute, die uns mögen, sitzen
nicht um 15 Uhr vor der Glotze und gucken VIVA. Wir wollen eine Band sein, die
gefunden wird."
Und jetzt du, fordere ich Andreas heraus. Er lacht: "Dazu stehe ich nach wie
vor, nur weil wir jetzt mit First Decade bei Universal unter Vertrag sind, heißt
das noch lange nicht, dass wir nächste Woche bei Gülcan auf der VIVA-Couch
sitzen und uns von 14jährigen Mädels toll finden lassen. Sollte VIVA irgendwann
ein Sendeformat bereithalten, mit dem wir konform gehen, dann sind wir
sicherlich auch dabei. Nur gibt es das halt bis jetzt noch nicht!" Gut gekontert
und charmant rübergebracht. Ich hab es hier mit Idealisten durch und durch zu
tun. Mitschreiben macht bei diesem Interview schon lange keinen Sinn mehr, es
würde nur die Kommunikation an sich versauen. "... das ist wie mit dem Sex! Die
Kollegen kommen auf uns zu, wenn sie etwas remixed haben wollen, andersrum
würden wir uns das nicht wagen", meint Frithjof Rödel (37, der neue, vierte
Mann, ausgeliehen aus Acoustica-Reihen, Gitarre, hat bei drei Titeln auf
"Unisex" Zuarbeit geleistet), und Andreas erklärt mit einer für meine Begriffe
wirklich zu tief gestapelten Bescheidenheit, dass es sich hierbei um die
Zusammenarbeit mit Rammstein handelt.
Cut! Ein Handy klingelt! Wessen Handy das ist, wird auch mir nach zwei Takten
Klingelton klar: Andreas hat sich die neue Northern-Lite-Single "What You Want"
auf sein Handy geladen. Ich bin beruhigt, als zwei Minuten später klar ist, dass
man diesen Ton nicht für 2,99 Euro bei Jamba kaufen kann.
Northern Lite sind keine Popstars, obwohl sie es geschafft haben. Nur definieren
sie dieses "geschafft haben" auf ihre völlig eigene Art. Boon, der inzwischen
mit Auflegen fertig ist und seine Nudeln mit Tomatensauce verdrückt, fragt mich:
"Hab ich es denn nur geschafft, wenn ich 'nen Ferrari vor meiner Tür stehen
hab?" "Nein, Depeche Mode und Jonny Cash, die haben es geschafft, weil sie mit
Ihrem eigenen Stil erfolgreich sind, und das nicht erst seit gestern", fällt ihm
Andreas ins Wort, während Frithjof anfängt, über Megadeath in Konkurrenz zu
Metallica zu sinnieren. Sie meinen alle das selbe, und ich versuche es in Worte
zu fassen: "Ich kann anziehen, was ich will, wann ich will, wo ich will und
keiner kackt mir auf den Kopf?!" "Richtig! Wir sind frei! Wir haben es
geschafft!"
Northern Lite, das ist Andreas, der die letzten zehn Minuten vor jedem Live-Gig
absolute Ruhe braucht, nie eine Gesangsausbildung gemacht hat, die
Old-School-Klamotten von Adidas in Schwarz am liebsten mag, es gelassen
hinnimmt, dass man ihn im Radio-Top-40-Studio nicht hat rauchen lassen, der
weiß, dass Northern Lite sein eigener Stilbruch ist und das dieses auch so
bleiben wird, unabhängig von dem, was drumherum passiert.
Northern Lite ist Sascha, der wie seine Kollegen vor jedem "Heimspiel" am
meisten aufgeregt ist, aber auch SonneMondSterne vergangenes Jahr als einen der
absoluten Adrenalin-Höhepunkte bezeichnet: "Vor über 10.000 Leuten in diesem
Zelt! Du hast da unten irgendwann nur noch die Security gesehen, die versucht
hat, das Ganze einzudämmen. Das war Wahnsinn!" Und Sascha weiß genau wie seine
Kollegen um die Vergänglichkeit des Ruhms, der Populariät. Sie genießen diesen
Zustand, er ist keine Last. Interviews machen noch Spaß.
Northern Lite - das ist Boon. Das Technical Brain, der kleine Typ, der
klarstellt, dass er von dem, was er macht, leben kann und dass dies völlig
ausreicht. Jeder Erfolg mehr wäre, so Original-Ton Sebastian Bohn: "Nett".
Und Frithjof Rödel, der neue und älteste der Jungs? Der blickt auf eine
erfolgreiche Produzentenkarriere zurück, die sicherlich noch lange nicht
beendet ist. Frithjof findet Schweinfurt scheiße und Köln musikalisch genauso
effektiv wie Erfurt, nur dass in Erfurt die Wege kürzer sind: "Wenn ich 'n
Sample brauch, dann ruf ich schnell den Clueso an. Das dauert zehn Minuten und
funktioniert eben nur hier."
Keiner von ihnen würde Erfurt für Berlin oder Köln aufgeben, aber jeder weiß
auch um das Provinzielle der Landeshauptstadt und genießt Aufenthalte jenseits
der Landesgrenzen. Sie sind auf einer mittlerweile neun Jahre andauernden Reise
und wissen verdammt gut, wo sie herkommen. Sie haben sich irgendwann selbst
erfunden, mit dem Ziel sich finden zu lassen. Mit "Unisex" ist ihnen erneut ein
Meisterwerk gelungen, nur ist irgendwie alles anders. Der Sound ist Northern
Lite, neu ist nur, dass jemand sie gesucht und gefunden hat. Hoffentlich lassen
sie sich nicht mitnehmen.
Kristina Hentsch sprach am 31. August bei Radio Top40 für
BLITZ! mit Northern Lite
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| Wort: Kristina Hentsch / Bild: Niklas Hoffa, P.D. |
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