| Claudia Ehrenberg |
"Was das Fahrzeug einmal verschluckt hat, ist weg"
Pünktlich
um 6 Uhr in der Frühe stehe ich in der Fahrzeughalle des Abfallentsorgungs- und
Stadtreinigungsbetriebes der Stadt Chemnitz (ASR). Zumeist kräftige Männer
laufen an mir vorbei und wünschen freundlich Guten Morgen. Das Orange ihrer
Arbeitskleidung leuchtet schon von Weitem. Dann kommt eine zierliche Frau mit
blonden Haaren auf mich zu: "Wir sind verabredet? Ich bin die Claudia." Ihr
Händedruck ist entschlossen, genau wie ihr Gang.
Kurz nach sechs fahren wir los. Heute ist das Schlosskarree dran. Dort sind
Claudia und zwei Kollegen im Auftrag der WeTraC (Wertstoff-Transport Chemnitz
GmbH), einer Tochtergesellschaft der ASR, für die Entsorgung der gelben Tonnen
zuständig.
Vom Führerhaus des LKW hat man einen guten Blick auf die Dinge. Claudia
Ehrenberg ist die einzige Frau im Bereich Großtechnik. Ob ihre Freunde oder
Kollegen anfangs skeptisch reagierten, frage ich sie: "Gar nicht, im Gegenteil.
Viele waren überrascht. Klasse, dass du das machst. Bei den Kollegen bin ich
angesehen. Es ist alles gut, und das Klima stimmt."
Bevor
sie für die WeTraC Tonnen entsorgte, hat sie für den ASR Kehrmaschinen gefahren
und war im Winterdienst tätig. 1996 begann sie ihre Lehre als
Berufskraftfahrerin beim ASR (der damals noch ASC hieß). Direkt nach der Lehre
wurde sie übernommen, was sie sehr gefreut hat. "Für mich stand schon immer
fest, dass ich das machen will. Das war auch als Kind mein Traum. Ich hab immer
nach den Müllautos geguckt."
Während wir uns unterhalten, läuft die Arbeit wie am Schnürchen. Die Handgriffe
sitzen. Während der eine Kollege die Wertstofftonnen an den Straßenrand rollt,
kümmert sich der andere ums Ausleeren. So geht es voran. Claudia fährt den
Kraftwagen und rangiert ihn souverän, auch in enge Häusereinfahrten, und
vollführt diverse Wendemanöver. Aufrecht sitzt die 27jährige hinter dem
ausladenden Lenkrad, hat es fest im Griff, dreht und kurbelt mit viel Kraft.
"Ich bin eben wirklich sehr gerne auf Arbeit", sagt sie, und das merkt man. Seit
zehn Jahren ist sie dabei und seit zehn Jahren fährt sie unfallfrei, wie ich von
ASR-Pressesprecherin Beate Bodnár erfahre: "Da können sich manche männlichen
Kollegen noch eine Scheibe abschneiden."
Bevor die Tonnen vorgeräumt werden, erfolgt ein prüfender Blick auf den Inhalt.
Nicht alle gelben Tonnen werden entleert, manche bleiben mit einem roten
Aufkleber zurück: "Abfuhr verweigert", bedeutet das. Wegen Papiers oder Biomüll.
"Das können wir nicht mitnehmen, da kriegen wir Ärger. Es gibt Stellen, wo man
die roten Kleber immer braucht", erklärt Claudia, Wohnhäuser, deren Bewohner
beständig falsch trennen. Was bei den Müllfahrern auf Unverständnis stößt,
schließlich ist das nicht so schwer. Nicht umsonst gibt der ASR Broschüren zum
Thema Abfalltrennung heraus. Dennoch sind Claudia und ihre Kollegen nicht
verlegen, auch mal tiefer in die Tonne zu greifen, um zu sehen, ob das nur eine
Tüte ist oder doch mehr. Denn: "Was das Fahrzeug einmal verschluckt hat, ist
weg". Andere würden da längst die Nase rümpfen. Ob es sie anfangs geekelt hat,
will ich wissen: "Was heißt eklig?! - Wir sind jetzt schon abgehärtet."
Während der Tour trifft man Hausbewohner, die die Müllfahrer schon erwarten und
begrüßen. Auch für einen kurzen Wortwechsel bleibt Zeit. Man kennt sich.
Passanten werfen manchen Blick ins Fahrerhaus und staunen ob der Frau, die
hinter der Frontscheibe zu sehen ist.
"Die Leute sind oft positiv überrascht, wenn eine Frau am Steuer sitzt. Manche
winken auch und freuen sich. Das ist manchmal ein Glücksgefühl." Claudia macht
ihre Arbeit mit Leib und Seele, weil sie das schon immer so wollte. Aber auch
andere Wege führen in den Beruf. Von ihrem Kollegen erfahre ich, dass er
gelernter Fleischer ist, als Verkäufer tätig war und ausgebildet hat. Nachdem er
seinen Job verlor, ist er "hier hängen geblieben", wie er selbst sagt, aber es
gebe keinen Grund sich zu beklagen.
Um halb elf kehren wir zum ASR zurück, für eine kurze Pause. Für mich endet die
Tour hier, für Claudia und die Kollegen ist erst 14.30 Uhr Feierabend.
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| Wort und Bild: Lydia Mayer |
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