Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,
Tausende und Abertausende haben sich in den vergangenen Wochen auf der Suche nach Entspannung und Erholung in weit entfernte, sonnige Gefilde begeben, um abseits der Tretmühle tagtäglicher Maloche neue Kräfte schöpfen zu können, um in aller Ruhe und Abgeschiedenheit frischen Elan zu tanken, um sich fit zu machen für Fron und Knechtschaft des kommenden Jahres, und mussten alsbald feststellen, dass diese ehrenwerte Absicht durch lästige, aufdringliche Geschöpfe vereitelt wurde, Personen, die anfänglich einen durchaus angenehmen Eindruck hinterließen, jedoch, wie sich später herausstellte, über die unangenehme Fähigkeit verfügten, sich an unbescholtene, harmlose Urlauber wie Synopsen anzudocken, und ihnen durch ihre unqualifizierte, permanente Gegenwart den letzten Nerv zu rauben, was zu einer Trübung sowohl des Allgemeinbefindens als auch des Erholungseffektes führte. Aber auch ohne örtliche Veränderung, auf Balkonien, wie es scherzhafteren Gemütern als dem meinen zu formulieren geglückt ist, kann es mitunter, im Bereich der Feuerleiter beispielsweise, zu Begegnungen mit zwielichtigen Gestalten kommen, deren Herkunft und Ansinnen alles andere als offensichtlich anmutet. Wenn es doch - so höre ich es förmlich aus meinen einleitenden Zeilen herausschreien - wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, in kürzester Frist herauszufinden, welcher Natur eine der soeben geschilderten Bekanntschaften ist, ob sie sich verträglich verhält, oder das Potenzial eines Belästigers in sich trägt! Nun, es gibt sie! Vielen wird bekannt sein, dass eine fliehende Stirn beispielsweise mit dem Besitz von wenig, beziehungsweise überhaupt keiner Intelligenz in Verbindung gebracht wird, dass eine gerade Nase als Verführernase bezeichnet wird, und ein kantiges Kinn Entschlusskraft und Energie verrät! Wenigen allerdings dürfte geläufig sein, dass sich anhand solch äußerlicher Merkmale der gesamte Charakter eines Menschen entschlüsseln lässt! Dr. Winters KolumneDiese prima, unter dem Namen Phrenologie patentierte Methode wurde im frühen 19. Jahrhundert von Joseph Gall entwickelt. Gall fand heraus, dass unser Kopf keineswegs, wie gemeinhin angenommen, die Rundungen eines Balles aufweist, sondern sich eher wie eine hügelige Landschaft anfühlt, und dass jede Vertiefung oder Ausbuchtung auf einen besonders zurückgebliebenen oder ausgeprägten Wesenszug hinweist, dass sich, mit seinen Worten, der Neocortex in verschiedene für Charakterzüge ausschlaggebende Bereiche unterteilt. Das in der Alltagssprache als Beulologie bekannte Verfahren erfreute sich bald allergrößter Beliebtheit. Mit wenigen gezielten Griffen konnte man sich nun von der Ehrbar - oder Abgefeimtheit seines Nächsten überzeugen. Gall fertigte landkartenähnliche Pläne von Schädeldecken in Form eines Hochplateaus, auf denen er Kästchen einzeichnete, die für die unterschiedlichsten menschlichen Eigenschaften zuständig waren. Noch heute versetzt uns der Einfallsreichtum und die Selbstsicherheit dieses Mannes in helles Erstaunen. So finden wir beispielsweise auf der linken Stirnseite ein briefmarkengroßes Areal, welches für Witz und Frohsinn zuständig ist, oder schräg hinter dem rechten Ohr einen Ort, der auf Verschlossenheit und einen Hang zur Verheimlichung hindeutet. Wenn ich mich recht erinnere, befindet sich der Platz für Erfindungsreichtum am Hinterkopf unweit des Scheitels. Joseph Gall muss an dieser Stelle eine riesige Beule besessen haben. Dennoch: Was anderes bleibt uns, um einem fremden Menschen auf Anhieb die Geheimnisse seines Charakters zu entlocken? Bevor wir also irgendwelche Verabredungen treffen, sollten wir, um Enttäuschungen aus dem Weg zu gehen, unserer neuen Bekanntschaft in aller Ruhe den Kopf betasten, hin und wieder auch ein wenig Druck ausüben, um der Echtheit einer Beule auf den Grund zu gehen, werden dabei keine bedenklichen Krater gefunden, steht einer harmonischen Beziehung nichts mehr im Wege. Mit diesem wertvollen Tipp verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Spurzheim Fowler Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC