Sommer, Sonne, Satte Sounds Teil 3

Der BLITZ!-Wegweiser zu den Konzert- und Party-Highlights der Saison


06.07. - 20.08. • Jena • Theatervorplatz
Kulturarena

15 Jahre nun schon währt dieses Festival, dessen große Popularität bei gleich Nina Hagenbleibend hohem Anspruch fast Legende ist. Die Kulturarena ist das beste Beispiel dafür, dass Niveau viele Menschen begeistern kann, man muss nur eisern daran festhalten. Der aktuelle Jahrgang bietet in 54 Veranstaltungen wieder die gesamte musikalische Spannbreite und zeigt einmal mehr, wie sinnlos das Schubladendenken ist. Es gibt letztlich nur zwei Sorten Musik: Jene, die einen berührt und jene, die das nicht tut. Und die berührt dann andere. Ganz egal, welche Sparte da bedient wird: In Jena gibt es große Namen von Weltmusik (Anoushka Shankar ist die Tochter und die Schülerin des Sitar-Gurus) bis Punkrock (Tocotronic haben die Hamburger Schule erfunden), von Jazz (Klaus Doldinger lässt es sich im Jahr seines 70. Geburtstags nicht nehmen) bis Anspruchs-Pop (Element of Crime sind sowieso die Guten). Es gibt echten Kult wie Nina Hagen, die Ami-Blueser Taj Mahal oder La Vela Puerca, die in ihrer Heimat Uruguay mit Abstand die erfolgreichste Band überhaupt sind. Und es gibt vor allem eine wahre Fête de la Musique mit französischen Künstlern erster Kategorie: Die unsterblichen Nouvelle Vague, der Tango-König Richard Galliano, der Multiinstrumentalist René Aubry ... Und nachts geht es mit den Clubnächten im Kassablanca weiter. Das Line-Up ist deutsch-französisch, Namen wie Schneider TM, Jazzanova oder Double U sprechen für sich.
www.jenaonline.de/kulturarena


22.07. • Schloss Nischwitz bei Wurzen
Sonnenball:
Les Arts du Baroque


Höhepunkte des 7. Sonnenballs werden die szenische Aufführung der Kantate 'Herkules auf dem Scheideweg' von Johann Sebastian Bach mit dem Concert du Soleil Sonnenballauf der Magnolienwiese und die mitternächtliche Performance 'Der ungebändigte Gott - eine dionysische Reise durch die Nacht' durch den illuminierten Schlosspark", sagt Michael Jalinski von der IG Sonnenball. Die lädt am 22. Juli erneut zum barocken Kostümfest auf Schloss Nischwitz bei Wurzen. Und Kostümfest heißt, dass ausschließlich in "extravaganter Kostümierung" empfangen wird, "originalgetreu oder in fantasievollen Eigenkreationen entsprechend der Zeit". Doch wenn das die Hürde sein sollte, ein Kostümverleih steht vor Ort bereit.
Eingelassen in Schloss und Park wird ab 15 Uhr, zwei Stunden darauf erlebt Ihr die feierliche Eröffnungszeremonie und dann die Aufführung der oben genannten Bach-Kantate. 20.30 Uhr beginnt ein Großer Hofball, 23.30 Uhr die dionysische Reise durch die Nacht, ein barockes Feuerwerk folgt. Zeremonienmeister Axel Thielmann führt wortgewaltig und -gewandt durch den Abend. Stelzenläufer werden unterwegs sein, Galantes und Intrigantes vom Dresdener Hof sowie einige Kurzweiligkeiten mehr. Barock eben!
www.sonnenball.de


11.08. • Jena • Kulturarena
12.08. • Plauen • Open Air am Malzhaus
13.08. • Dresden • Schlachthof
Element Of Crime

Nehmen wir ein Stück Streuselkuchen. Apfelkuchen etwa, gedeckt, auf keinen Fall mit Zuckerglasur. Betrachten wir die Brösel auf diesem Stück Kuchen, diese vielen Element Of Crimeeinzelnen Teigkügelchen und -bröckchen, die obendrauf nun ineinander gebacken sind." So beginnt die offizielle Presseinformation zum aktuellen Album der Berliner Gruppe "Element Of Crime". Und so geht sie weiter: "Exakt so sähe die Musik von Element of Crime aus, wäre sie zu malen. Und das immer. Rauer Pointilismus, gemacht aus Erdigem, aus Teig. Die Musik von Element of Crime besteht aus vielen dieser Soundbrösel …" Der Leser verneigt das Haupt in Ehrfurcht. Pointilismus aus der Konditorei um die Ecke, aha. Tatsächlich, der Pressetext meint das wirklich, denn er fährt fort: "Es verhält sich mit ihren Songs so, wie mit gedecktem Apfelkuchen mit Streuseln, ein Klassiker der Bäckereien, kein allzu aufwändiges, kein zu kompliziertes Konditorenmeisterstück, sondern schlichtweg gut und immer richtig." Was ist dem hinzuzufügen?! Nichts, einfach gar nichts. Höchstens: Die aktuelle Single heißt "Straßenbahn des Todes". Wuff!


12.08. • Gräfenhainichen • Ferropolis
Brass On!

Ein Festival für Brass Bands und Bergmannskapellen? Wo gibt's denn so was? In Ferropolis! Die außergewöhnliche Veranstaltungsstätte bei Gräfenhainichen geht Brass On Mischpokeneue Wege und organisiert das Brass On!. Am 12. August versammeln sich Blechbläser aller Coleur, um mächtig Party zu pusten. Das glaubt Ihr nicht? Dann denkt an die Kusturica-Filme "Time of the Gypsies" und "Schwarze Katze, weißer Kater" und deren rasante Begleitmusiken! Leute, das für diese verantwortlich zu machende Kocani Orkestar ist vor Ort! Ebenso Musiker aus Benin und England, dazu polnische Kapellen und Deutsche aus allen Ecken des Landes. Kennen sollte man die Szene-Helden der Top Dog Brass Band aus Dresden, aber auch die vom Klezmer kommende Mischpoche aus Berlin. Doch bevor die Brasser reine Atemluft durch die Ventile jagen, kommt es zu einem Wettstreit der Bergmannskapellen. Kumpels mit Kohlebergbau- und anderem Hintergrund formieren sich in Uniformen und lassen was hören. Aber, Freunde: "Die Intention dieses Festivals ist keinesfalls Nostalgie und Rückbesinnung", sagt Tilmann Dehnhard, der künstlerische Leiter von Brass On!, "es geht vielmehr darum, zu zeigen, dass in Europa eine immer noch sehr lebendige Musiktradition im Bereich der Industriekultur existiert, die es lohnt kennen zu lernen - und zu bewahren". Und dazu passt der Veranstaltungsort mit Tagebau-Vergangenheit ja wie der Kater auf die Katze!


18.-20.08. • Stausee Hohenfelden bei Erfurt
Highfield-Festival

Es hat sich ja sehr erfreulicherweise eine stattliche Anzahl Open-Air-Festivals im Osten Deutschlands etabliert. Wichtige Events, originelle, fantasievolle. Allen von Beginn an ein Stück voraus war wohl das Highfield-BeatsteaksFestival bei Erfurt (manche brauchen eine Weile, bis sie auf die Herkunft des englischen Namens kommen, es ist am Stausee Hohenfelden ...). 1998 hatte man mit gut 10.000 Besuchern angefangen, Headliner damals waren Santana (!), Iggy Pop (!) und die Guano Apes (R.I.P.). Im letzten Jahr kamen schon knapp 25.000 Fans. Diese Zahl wird wohl auch in diesem Jahr locker erreicht werden, das Billing jedenfalls spricht einmal mehr für sich. Erneut zeigt sich das sichere Händchen der Macher, die immer wieder den Spagat hinkriegen, Bestseller und absolute Indies, Stimmungs-Bands und solche Kaiser Chiefsmit hohem musikalischen Anspruch so zu mischen, dass für jeden was dabei ist, sich alles ideal ergänzt und am Ende alle zufrieden sind. Hier zeigt sich, dass Massive Attack sehr gut mit The Dresden Dolls (unbedingt ansehen, wer's noch nicht kennt! siehe BLITZ!-Rezension im Mai!) zusammengehen, Wir sind Helden mit den Beatsteaks, die Kaiser Chiefs aus Norwegen mit den neuen Überfliegern Revolverheld. Eine gute Mischung, um Horizonte zu erweitern und Leute kennen zu lernen: Hier kommen nicht von vornherein alle aus derselben Ecke.
Ein entscheidendes Plus des Highfield war natürlich von Anfang an die traumhafte Lage des Festivalgeländes. Herrlich an den Ufern des Stausees gelegen mit großem Steg ins Wasser, ist hier viel Platz und Auslauf - und natürlich ein Strand zum Baden. Neben der Hauptbühne gibt es in Zeltplatznähe noch ein Discozelt für die echt Unentwegten. Highfield ist Hammer!

BLITZ!-Highfield-Tipps:
Anfahrt:
Wer mit dem Auto kommt, sollte die A4 entweder an der Ausfahrt Erfurt-Ost (wenn Revolverheldaus Westen kommend) oder Nohra (wenn aus östlicher Richtig kommend) verlassen und dann in Richtung Kranichfeld fahren, bis die einschlägige Beschilderung auftaucht. Das tut sie ganz sicher! Parkplätze gibt's reichlich!
Für die Freunde der Natur und/oder des öffentlichen Nahverkehrs: Zwischen Erfurt Busbahnhof und Freizeitpark Hohenfelden fahren die Linien 155 und 163. Ihr fahrt reichlich eine halbe Stunde. Nach dem Konzert fahren Busse zurück, in den ersten beiden Nächten um 1.30 Uhr, in der dritten Nacht um 0 Uhr vom Parkplatz des Stausees.
Tickets:
Die Tickets kosten 84 Euro inklusive Zelten und 5 Euro Müllpfand. Ihr könnt die originalen Hard-Tickets direkt bei www.fkpscorpio.com/highfield ordern.
Camping:
Zu beachten sind hier drei Punkte:
1. Es ist nicht möglich, an seinem Auto zu zelten, Park- und Campingplätze sind getrennt.
2. Glasflaschen sind wegen der Scherbengefahr auf dem Zeltplatz generell verboten (Biertrinker, schon mal nach PET-Flaschen Ausschau halten).
3. Sehr sinnvoll ist das Highfield-Müllvermeidungs-System: Gegen ein Pfand von 5 Euro (im Ticketpreis enthalten) bekommt Ihr vor Ort Müllbeutel sowie einen Müllchip. Beim Verlassen des Festivals bekommt Ihr mit Abgabe der (gefüllten) Mülltüte und des Chips das Pfandgeld zurück.
Newsticker:
Der neue Service der Highfield-Macher: Über die Homepage könnt Ihr Euch in einen SMS-Newsticker eintragen lassen und bekommt ständig die neuesten Entwicklungen um das Festival aufs Handy!


19.08. • Delitzsch bei Leipzig • Open Air am Schloss
Joy Denalane, Clueso

Was für eine Konstellation: Die wundervolle Joy Denalane gegen Shootingstar Clueso. Sie ist ja so was wie Xavier Naidoo in weiblich: Ein verblüffender Joy DenalaneBrückenschlag zwischen Rap und Soul und beides gemeinsam mit der deutschen Sprache. Joys Stern ging auf, als sie in Stuttgart in den Dunstkreis des Freundeskreises geriet (mit dessen Chef Max Herre ist sie seit Längerem zusammen, die beiden haben zwei Kinder). Da hatte Joy schon eine Weile Musik gemacht und Erfahrungen gesammelt. Das alles schlug sich in ihrem Solodebüt "Mamani" nieder, das 2002 über 100.000Mal verkauft wurde und sie überall bekannt machte. Streitet Euch nicht, ob sie nun "Denelen" oder "Dineleni" oder "Dinalani" ausgesprochen wird - entscheidend ist die Musik und die Ausstrahlung. Und von letzterem hat Joy eine ganze Menge: Enjoy!
Clueso kommt aus Erfurt und ist ein ganzes Stück jünger als Joy. Er fing als Breakdancer, HipHopper und MC an, mischte in angesagten Crews wie Wostok MCs oder Rotzlöffels HiFi mit. Zur gleichen Zeit, als Joy in die Fänge des Freundeskreises geriet, erhielt Clueso Zugang zum Umfeld des Labels Fab Four Musik (logisch, dass er später als Support für die Fantastischen Vier spielte). Sein zweites Album heißt einfach "Gute Musik"; und es ist tatsächlich drin, was draufsteht. Bissel Pop, bissel Singer/Songwriter, bissel Rap - aber alles ganz natürlich und irgendwie charmant. 2005 landete er dann bei Stefan Raab und dessen "Bundesvision Song Contest". Mit dem Song "Kein Bock zu gehen", dem klaren Statement eines jungen Ossis zum Osten, hat er nicht nur einen ziemlich ordentlichen Platz belegt, sondern sich auch landesweit bekannt gemacht. Momentan ist er dabei, mit dem aktuellen Album "Weit weg" die Fanbase weiter zu vergrößern.
Joy Denalane und Clueso - zwei von immensem Charme, beide auf ganz verschiedene Art. Das wird ein großer Abend!


19.08. • Neukirchen bei Borna • Harthsee
Love Music Beach

Neukirchen liegt an der Straße zwischen Chemnitz und Leipzig. In der alten Brikettfabrik des Ortes befindet sich das Cult und ganz in der Nähe der Harthsee. Beide hatten einst etwas mit Braunkohle zu tun und heute mit Party. "Lange Zeit war es der Schweiß der Arbeiter, der in der Hitze der alten Brikettfabrik floss", heißt es über das Cult. "Dann wurde es kalt in den Hallen. Alle Räder standen still. Jetzt darf wieder geschwitzt werden: Getrieben von gnadenloser Tanzwut und Lebensfreude werdet Ihr es sein, die trotz ausreichender Belüftung im heißen Saft der Party kochen".
Und im Sommer geht's regelmäßig an den See: "Der Harthsee ist ... aus dem Braunkohle-Tagebau Borna-Ost hervorgegangen ... und wurde von 1987 bis 1995 geflutet. Er ist ein geprüftes EU-Badegewässer." Aber auch amtliche Party-Location: Am 19. August steigt hier die Love Music Beach Convention! Fünf Zelte, ein Open-Air-Floor und ein Chillout-Bereich werden solide an den Strand gepackt. Der Club Soundgarden ist dabei und das Leipziger Nachtcafé, Twentyu & eoC, Audioelectronic und der Bornaer Planet of Bowl, die Hall of Sound und La Terazza. Horden von DJs legen auf und ganze Völker tanzen, baden und feiern bis in den Morgen ...


20.08. • Dresden • Junge Garde
Simply Red

Einfach nur rot. So sind sie eben, die Haare von Mick Hucknall, Sänger und Mastermind der britischen Band Simply Red. Seine Stimme, seine Songs - und eben Simply Rednicht zuletzt auch sein markantes Äußeres prägten die Band, die sich seit Jahren an der Spitze des internationalen Pop-Biz hält und inzwischen weit über 50 Millionen Alben verkauft hat. Es geht dabei vor allem um jene schmachtenden Soulballaden, von denen der 1960 in Manchester geborene Hucknall gleich auf dem ersten Album ein Meisterstück ablieferte: "Holding Back The Years" avancierte zur Nummer 1 in der Vereinigten Staaten. Dem Aufstieg zur Supergroup stand nun nichts mehr im Wege. Von Beginn gehörten sie zu den wenigen, bei denen sich hemmungslose Hingabe des Publikums und Anerkennung der Kritiker absolut ergänzten: Von der "Eleganz von Hucknalls weißem Soul" mit seinen "fein ausbalancierten Stimmungen und Tempi" schwärmte der Kollege von der dpa, die FAZ erkennt "ein außergewöhnliches Talent, das dem Vergleich mit den Großen aus der Motown-Welt standhält" und eine "schwarze Seele, in die sich der Soul tief eingeprägt zu haben scheint". Ja, so kann man das auch sagen.
Und was sagt Mick selbst, der Motor dieses erfolgreichen Unternehmens, das jetzt in sein drittes Jahrzehnt geht? "Ich fühle, dass wir mit dem neuen Album einen Höhepunkt erreicht haben. Die Band spielt auf höchstem Niveau!" Simply The Best!


25.-27.08. • Wernesgrün • Brauerei Gutshof
Wernesgrüner Sommernächte

Die Briten kommen nach Wernesgrün! Ein Schotte und ein Engländer. Ian Anderson, 1947 in Schottland geboren, hat sich als einbeiniger Querflötist in die Gehirnzellen Chris Normangebrannt. Als Band-Leader von Jethro Tull und Mitbegründer des Progressive Rock schrieb er schon Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre Musikgeschichte. Und Anderson spielt und spielt - unter dem Titel "Symphonic Rock" am 25. August die eigenen Klassiker gemeinsam mit dem Orchester der Vogtland Philharmonie. Einen Tag später klopft Chris Norman an die Tür von Alice. "Living Next Door To Alice" hieß einer der Smashies, die der Engländer mit seiner Band Smokie ab Mitte der 70er immer wieder in den Charts platzieren konnte. Smokie waren eine typische Vier-Junge-Männer-Formation von der Insel und Chris Norman deren Teenie umschwärmter Frontmann. 1982 beschloss er, sich von nun an auf eine Solokarriere zu konzentrieren. Am 27. August schließlich laden Wernesgrüner und Hitradio RTL Sachsen zum ganztägigen Sommerfest. Karten unter www.wernesgruener.de.


26.08. • Dresden • Filmnächte am Elbufer
05.09. • Dresden • Junge Garde
Rosenstolz

Anna und Peter sind die beiden stolzen Rosen mit der vielleicht schönsten Erfolgsgeschichte im deutschen Popgeschäft. Ein schöne Geschichte deshalb, weil nicht irgendwelche Plattenfirmen mit großen Werbeetats entsprechend daran Rosenstolzgedreht haben. Mit Videos zum Beispiel. Die Rosenstolz-Clips haben sie erst gespielt, als sie wirklich nicht dran vorbei kamen. Ein schöne Geschichte, weil sich Anna und Peter wirklich von ganz unten nach oben gespielt haben, nur Kraft ihrer Musik. Die beiden haben sich in langen und noch längeren Tourneen buchstäblich jeden Fan von der Bühne runter erkämpft - und können heute auf eine Fangemeinde zurückblicken, die bestimmt die treueste im Lande ist. Sie haben sich nie beim Publikum angebiedert auf der Suche nach Massenakzeptanz, sondern immer ihr Ding gemacht - auch, als kaum jemand an den Erfolg glaubte. Und irgendwann sind die Massen dann eben zu ihnen gekommen. Ein schöne Geschichte, weil Rosenstolz mit ihrer ganz eigenen Auffassung von Pop ("Mondänpop" habe sie das mal genannt, als sie jünger und noch ein bisschen wilder waren), noch immer weitestgehend alleine dastehen. Nur sie können große Gefühle in große Melodien packen, verschmust sein und dann wieder lässig cool, mal locker anmachen, mal tief anrühren - und immer entlangwandern am schmalen Grat zwischen Glanz und Flitter, wahrer Emotion und Kitsch, ohne je die Grenzen überschritten zu haben. Ein schöne Geschichte, weil sie jetzt, wo sie nach 15 Jahren Bandgeschichte wirklich ganz oben sind und mit jedem neuen Album inzwischen ein Abo auf die Spitze der Charts haben, keineswegs ausgebrannt sind. Sie wiederholen sich nicht immer wieder, wie so viele andere, sondern erfinden sich mit jedem Album neu. Eine schöne Geschichte, weil sie nie nachgelassen haben in ihrem Engagement für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Und das geht weiter als nur ein paar öffentliche Lippenbekenntnisse: Auf den aktuellen Feierlichkeiten zum Christopher Street Day liefen Rosenstolz-Fans als Sticker-Patrouillen durch die Gegend, ausgestattet von der Band. Es ist einfach eine schöne Geschichte, die man sich immer wieder anhören kann, ohne sich zu langweilen. Jetzt in Dresden sogar zweimal. Und auch die Junge Garde werden sie ausverkaufen. Wetten?


27.08. • Dresden • Filmnächte am Elbufer
Xavier Naidoo

Dieser Mann ist nicht von dieser Welt. Er ist der bekannteste Sohn Mannheims. Aufgewachsen im kulturellen Schmelztiegel dieser von einer riesigen Ami-Base geprägten Stadt, spürte sich Naidoo schon ganz früh an einer Schnittstelle Xavier Naidoopopmusikalischer Kulturen, die bisher noch keiner auch nur zusammengedacht hat: Er mixte amerikanischen HipHop und Rhythm 'n Blues mit jamaikanischem Reggae und europäischem Pop. Das Ganze würzte er mit deutschen Texten, die in ihrer selten so mitempfindbaren Aufrichtigkeit und entwaffnenden Religiosität einfach nicht überhört werden können. Begonnen hat er eher in der Rap-Ecke, Moses P. vom Rödelheim Hartreim Projekt wollte ihn zu einem deutschen HipHop-Star machen. Doch die Jacke war Xavier (was man übrigens wie "Saviour" aussprechen darf - es heißt dann Retter oder Erlöser) bald zu eng. Als Anführer der Söhne Mannheims trat er selbstbewusst aus dem Schatten von Moses und Sabrina Setlur heraus. Seine Heimatstadt ward zum neuen Zion erklärt (er glaubte, zumindest eine Zeitlang, wohl tatsächlich dran), und Xavier entwickelte sich zum echten Popstar. Den Prozess mit Moses P. überstand er locker, auch aus der Verurteilung wegen Drogenhandels (was heißt hier Drogen: Haschisch …) kam er fast unbeschadet raus.
Er lässt nicht mehr ganz so emphatisch den Jesus raushängen, doch er führt die Jünger um sich mit sicherer Hand. So gelingt es ihm immer, den Spagat zwischen Solostar und Erstem unter Gleichen innerhalb der Söhne Mannheims hinzukriegen: Er hat Millionen Alben verkauft und seine Credibilität nahm dabei keinerlei Schaden. Im Moment ist er mal wieder solo unterwegs, "Telegramm für X" heißt das aktuelle Album vom vergangenen Jahr, das logischerweise sofort von Null auf Eins in die Charts ging. "Bist Du am Leben interessiert" ist die Tour, die ihn auch ans Elbufer führt, überschrieben. Wer am Leben interessiert ist, sollte sich auch für Xavier Naidoo interessieren. Heißen wir den Erlöser willkommen ...


31.08. • Leipzig • Parkbühne
Van Morrison

Für den Belfast-Cowboy Van "The Man" Morrison dürfte Leipzig eine der europäischen Konstanten im Konzertbusiness sein. Hier findet er immer wieder frenetische Aufnahme bei begeisterten Leuten. Egal, ob im Edelambiente des Van MorrisonGewandhauses oder beim rustikalen Open Air. Hier kommt es zu jenen magischen Momenten, in denen sich der sonst sehr introvertierte Meister mal für wenige Augenblicke dem Publikum wirklich öffnet. So ziemlich genau 40 Jahre, nachdem Van Morrison mit seiner Band Them (die sind auch noch unterwegs!) und Kompositionen wie "Gloria" oder "Here Comes The Night" zum Star wurde, ist der Meister präsenter denn je. Inzwischen hat er sich vom authentischen Blues bis hin zum Hard Rock eigentlich schon überall rumgetrieben. Er veröffentlicht regelmäßig Alben - die inzwischen aufgelaufene Gesamtzahl dürfte er selbst nicht nennen können. Das aktuelle Werk stammt aus diesem Jahr und heißt "Pay The Devil". Es enthält neben Eigenkompositionen vor allem Neuaufnahmen von Country-Klassikern. Songs wie "There Stands The Glass" oder "Your Cheatin' Heart" hat der Meister in bewährter Weise durch die eigene Mühle gedreht. Wer sie in ihren neuen Fassungen hört, schwört Stein und Bein, dass diese Stücke schon immer von oder für Van Morrison gemacht worden seien. So ist er eben! Und auf Leipzigs Parkbühne, da lächelt der stolze Ire vielleicht sogar einmal. Und dann dürft Ihr sagen, Ihr seid dabei gewesen!


02.09. • Dresden • Schlachthof
04.09. • Leipzig • Parkbühne
12.09. • Erfurt • Haus der sozialen Dienste
Bela B.

Er nennt sich Spandaus größter lebender Rockstar aller Zeiten. Er benennt sich nach Bela Lugosi, dem ersten Dracula-Darsteller des Tonfilms. Wo das "B." allerdings herkommt, bleibt im Dunklen, denn eigentlich heißt er Dirk Felsenheimer. Natürlich Bela B.kennt ihn alle Welt von den Ärzten, Deutschlands bester Band der Welt. Und diese wiederum sind letztlich Herrn Felsenheimer zu verdanken, denn der gründete 1979 mit 17 seine Punk-Band Soilent Grün (nach einem Sci-Fi-Schocker), die zur angesagtesten in Westberlin wurde und in der sich schließlich auch Farin Urlaub einfand. Der Anfang einer Traumkarriere, die nur unterbrochen wurde, als Bela die Ärzte mal kurz auflöste, um mit Depp Jones ordentlich zu floppen (nicht grandioser als sein Kollege übrigens, dem mit Køng Nämliches widerfuhr). Bela war schon immer auch nebenbei aktiv, als Herausgeber versenkt er pflichtschuldig die allzu leicht verdiente Ärzte-Kohle altruistisch in diverse Splatter-Comics (von meist sehr ordentlicher Qualität), die er unter dem sehr sehr sehr irreführenden Verlagsnamen Extrem Erfolgreich Enterprises unter das wollüstig angewiderte (doch leider eben nicht hinreichend zahlreiche) Fanvolk wirft. Auch war er Schauspieler. Vor allem für seinen Lieblingsregisseur, der - und das verwundert an dieser Stelle sicher nur jene, die vom berühmten Tuten und Blasen nun so gar keine Ahnung haben - Jörg Buttgereit heißt. Nachdem Urlaub schon einigen musikalischen Solo-Ruhm eingefahren hat, zog Bela, der ja für eine ganze Menge der größten Ärzte-Schlager verantwortlich zeichnet, nach: "Bingo!" heißt sein erstes Album. Warum? Na, weil die dazugehörige Tournee dann folgerichtig "Bela B.s Bingo Show" heißen kann. Und das ist doch was, oder?


08.09. • Leipzig • Parkbühne
02.10. • Erfurt • Haus der sozialen Dienste
05.10. • Chemnitz • Brauclub
06.10. • Dresden • Schlachthof
Pankow

Diese Band hat im Osten den beeindruckendsten Spagat zwischen Popularität, Medienpräsenz und unüberhörbarer Aufmüpfigkeit geschafft.
PankowGegründet vom Ausreise-Rest der 4 PS war schon der Name ein Signal: Punk war gerade dabei, auch im Osten Fuß zu fassen. Pankows erster Hit "Inge Pawelczik" schlug auch tatsächlich ein wie eine Bombe. Das war schon was anderes als der leicht verquaste, akademische Ost-Kunstrock ... Irgendwie hatten die Leute keine Böcke mehr darauf, immer wieder Lieder von der Sixtinischen Madonna oder vom Sterbenden Schwan vorgesetzt zu bekommen. Diese Jungs hier hatten einfach "Bock auf Rock"! Logisch fast, dass es immer wieder Ärger mit den Behörden gab. Einmal aber schliefen die ganz mächtig - oder hatte der stetige subversive Tropfen den Stein im Herzen der sozialistischen Zensurbehörde gehöhlt?
Mit "Aufruhr in den Augen" erschien 1988 das Album, das musikalisch und textlich die eigentliche Ehrenrettung des Ostrocks ist. Gewiss, es gab eine ganze Reihe Veröffentlichungen, vor allem in den 90ern, derer sich die Szene keineswegs schämen musste. Doch keine war wie diese: Jeder wusste, wie der Song "Langeweile" in jeder seiner Textzeilen gemeint war - nur die Apparatschiks offenbar nicht, sonst hätten sie's verboten. Sie bemerkten den Fehler natürlich irgendwann und hätten ihn gerne ungeschehen gemacht - aber inzwischen hatte das Volk Tatsachen geschaffen. Diese eine Platte hätte für Pankows Dauerruhm gereicht. Doch sie haben weitergemacht nach der Wende, mal mit, mal ohne André Herzberg (sie wären wahrscheinlich zusammen besser gefahren).
Das jüngste Album erschien soeben - lest die Rezension auf unseren Plattenseiten! Und dann geht hin und huldigt ihnen. Und lasst ihn Euch nie austreiben, den Aufruhr in den Augen!


06.01.2007 • Leipzig • Arena
Herr der Ringe Symphonie

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Das hier beschriebene wird im Januar 2007 stattfinden und die Schatten, die es wirft, sind - so sehr das Einige momentan Herr der Ringe Symphoniebedauern mögen - keine eisigen Grüße des kommenden Winters: Nein, hier wird hinter den berühmten Kulissen bereits geraume Zeit sehr intensiv an einem musikalischen Großereignis gestrickt, das diese Stadt so noch nicht erlebt hat. Höchst außergewöhnlich bereits die musikalischen Partner: Gewandhaus und Oper Leipzig arbeiten mit der Leipziger Arena zusammen. Das weltberühmte Orchester mit dem Opernchor und den Kinderchören beider Häuser (mehr als 200 Musiker)! Und mit einem Werk, das mit Klassik nur bedingt zu tun hat: Howard Shore hat seinen Soundtrack zu dem dreiteiligen Kino-Epos "Herr der Ringe" (im Original etwa neun Stunden lang), für den er den Oscar erhielt, zu einer sinfonischen Dichtung unter dem Namen "Herr der Ringe Symphonie" zusammengefasst und konzertant aufführbar gemacht. Eine musikalische Reise nach Mittelerde, in die geheimen Zentren unserer Fantasie. Und ein aufregendes künstlerisches Abenteuer auf dem Gebiet der modernen Klassik: Haben wir Heutigen den Alten Meistern Ebenbürtiges entgegenzustellen? Sind auch wir in der Lage, Kunstwerke zu erschaffen, die weit nach uns noch Gültigkeit haben werden? Ein Kollege der "Kieler Nachrichten", der eine der beiden bisherigen deutschen Aufführungen erleben durfte, lässt im Urteil keinen Zweifel: "Howard Shores Symphonie wurzelt in der erzählerischen Kraft der Oper und erinnert in ihren hochdramatischen Momenten an Wagner, Strawinsky oder Strauß. Tolkiens legendäres Werk gilt als das Buch des 20. Jahrhunderts und findet immer mehr Freunde und auch Howard Shores Symphonie ist dafür geschaffen, die Zeit zu überdauern." Für Leipzig auf die Reihe gebracht hat das Ganze eine ebenso nette wie rührige junge Dame mit viel Kraft und Idealismus. Sie heißt Iris Rackwitz, arbeitet für die Arena und wir drücken ihr alle mächtig die Daumen! Karten bekommt Ihr auf www.arena-ticket.com, im Ticketshop der Arena sowie unter (0341) 2341100.