Portland

PortlandDas Tor von Oregon

Unter den Metropolen der Vereinigten Staaten mutet Portland wie eine etwas groß geratene Kleinstadt an. Nun, ein paar Hochhäuser gibt es schon, daneben Gärten voller Rosen, einen Hafen und mehr nicht. Oder? Petra Hackworth von der Tourismus-Assoziation verweist auf die Non-Stop-Verbindung der Lufthansa von Portland nach Frankfurt/M., von Berlin aus bietet die Fluggesellschaft das nicht mehr an …


Nein, weder eine Freiheitsstatue noch die Golden Gate Bridge zieren die Postkarten der Stadt. Es ist der zweite Blick, der an Portland fasziniert, die unerwarteten Eindrücke auf Schritt und Tritt. Am ersten Abend verabrede ich mich zu einem Smalltalk mit Petra. Als wir den Fahrstuhl im 30. Stockwerk in eine Bar verlassen, flimmern mir die Augen: Unten entzünden sich abertausende Lichter an den Hängen beidseits des Willamette Rivers. Die letzten Strahlen der Abendsonne lassen die schneebedeckten Vulkankegel des Mount Hood im Westen und des Mount Rainier im Norden dramatisch erglühen. Oder ist es das selbst leuchtende Glas mit dem leckeren Erdnusscocktail in der Hand, welches meine Sinne betört? Und wieso heißt die Location ausgerechnet City Grill House, frage ich die Touristikerin. Im Heimatland des Marketings werden doch sonst Nichtigkeiten mit gewaltigen Worten angepriesen?! "Portland ist anders", kommt freundlich, aber bestimmt die Antwort.
Fürwahr. Es mag für amerikanische Verhältnisse schon überraschend erscheinen, dass die Innenstadt von einem Netz aus Straßenbahnen, Bussen und Schnellbahnen durchzogen wird. "Übrigens kannst Du die Verkehrsmittel in der Innenstadt alle kostenlos nutzen", wirft Petra ein. Hm, das rüttelt doch heftig an meinen Vorurteilen über Amerika.
In den hochmodernen Streetcars, in den Cafés oder auf den roten Stufen des Pioneer Courthouse Squares fallen sie schon auf, die Portlander mit dem Buch in der Hand. Finden die hundertsonstwievielen Fernsehkanäle hier weniger Zuspruch? Eher zufällig stoße ich in der Burnside Avenue auf Powells City of Books. Über vier Etagen erstreckt sich einer der größten Buchläden der Welt. Vom neuesten Bestseller bis zu antiquarischen Titeln lässt es sich stundenlang stöbern und das täglich bis 23 Uhr. Das Café lädt ein, die Neuerwerbungen gleich probezulesen. Andere waren vor mir da: Ein Prospekt zeigt zum Beispiel Umberto Eco und Salman Rushdie, die bereits in der Buchstadt aufgetreten sind.
Das Pearl District nördlich der City mutierte in nur zehn Jahren vom vergammelten Industriegebiet zum Einkaufsviertel. Das Angebot reicht von Galerien und Boutiquen bis zu Wohndesign. Die junge Bevölkerung ist "outdoor"-besessen, was sich allein durch die vielgestaltige Umgebung erklären ließe. Doch die großzügige Niketown hat einen anderen Grund: Der Sitz des Weltkonzerns befindet sich in Portland ebenso wie das Mutterhaus des Spezialisten für Outdoor-Bekleidung, Columbia Sportswear. Auch Adidas hat in Portland seine Amerika-Vertretung angesiedelt. Die Stadt ist hipp, das Einkaufsvergnügen nicht nur im Pearl District grenzenlos: Der Staat Oregon erhebt keine Mehrwertsteuer.
Abends ziehen Bars und Kneipen wie Bluehour, Manzana, Pho Van oder das Café Azul die vergnügungssüchtige Jugend magisch ins Pearl District, während nebenan in der Stark Street die schwule Subkultur um das Scandals und das Silverado lockt. Erfreulicherweise fehlt dem Szeneviertel die für San Francisco oder New York übliche Häufung von Obdachlosen, Junkies und anderen traurigen Gestrandeten dieser Gesellschaft.
Tagsüber zieht es die Kiddies und Studenten auf Rollerblades oder mit verrückten Sportschuhen zum Waterfront Park. Vor nicht allzu langer Zeit bollerte hier noch der sechsspurige Highway neben dem stinkenden Fluss. Das schon in den 1960er Jahren erwachte Umweltbewusstsein der Einwohner verbannte die Cars und Trucks. Die Stadt wird als Amerikas "Bike-friendliest" City gewürdigt. Auch der Willamette River ist mittlerweile klar und längst wieder zum Tummelbecken der Lachse, Forellen und Stahlkopffische geworden. Der Waterfront Park reicht von der Riverplace Marina im Süden mit Yachten, Terrassencafés und Läden entlang der City bis zur Burnside-Brücke. Dort lädt der Saturday Market mit Keramik, indianischem Schmuck, Kerzen oder Glaskeramik zum Bummeln ein. Seinem Namen zum Trotz hat der größte Kunsthandwerksmarkt Amerikas auch sonntags geöffnet.
Das eigentliche Herz Portlands schlägt jedoch am Pioneer Courthouse Square. Hier trifft man sich, verfolgt das Treiben der Straßenkünstler oder genießt auf den Treppen unter den markanten Säulen sein Eis. Im Sommer veranstaltet die Stadt hier kostenlose Konzerte. Der Platz ist nicht zu verfehlen, denn MAX flankiert ihn von zwei Seiten. Wer das ist? Nun, andere amerikanische Städte stellten in den 1980er Jahren ihren öffentlichen Nahverkehr ein. Portland installierte damals seinen Metropolitan Area Express MAX und baut das Schienennetz seitdem systematisch aus.
Für Lufthansa war wohl die dynamische Wirtschaftsentwicklung der ausschlaggebende Grund, die einzige Europaverbindung für Portland Area einzurichten. Bislang sind Stadt und Umfeld kaum mehr als ein touristischer Geheimtipp, der auf seine touristische Entdeckung jedoch förmlich lauert. Insider schwärmen von der Oregon Coast, die keine Stunde von Portland entfernt beginnt. Mit ihren zahllosen Buchten, felsigen Steilhängen und verträumten Leuchttürmen längs des Highway 101 übertrifft die 600 Kilometer lange Pazifikküste wohl selbst ihr Pendant in Kalifornien, dem südlich angrenzenden Land der Träume.
Bei Portland endete 1804 der für die Amerikaner schicksalhafte Entdeckungszug von Lewis und Clark gen Westen. In den Vereinigten Staaten weiß davon jedes Schulkind, was angesichts der nicht gerade üppigen Geschichtsbildung etwas heißen mag. Die von Präsident Jefferson angeregte Entdeckungstour führte letztlich zu einer Erweiterung des Staatsgebietes um schlappe zwei Millionen Quadratkilometer, rund die sechsfache Fläche der Bundesrepublik.
OregonSchon in Portland ist der 3.424 Meter hohe Mount Hood unübersehbar. Seine weiße Haube ist sicherlich das aufregendste Wahrzeichen der Stadt. Allein zwölf Gletscher krönen den Kegel des Vulkans. In 2.000 Meter Höhe befindet sich das luxuriöse Blockhaus-Hotel Timberline Lodge. Hier drehte Stanley Kubrick mit Jack Nicholson den Gruselfilm "The Shining". Obwohl 80 Kilometer nördlich im Bundesstaat Washington gelegen, lehrt St. Helens den Einwohnern Portlands gelegentlich das Fürchten. Allein in den letzten Jahren überzog der Vulkan die Stadt zweimal mit einer fünf Zentimeter dicken Schicht feiner Vulkanasche.
Die Grenze zwischen Oregon und Washington bildet der Columbia River, der sich mit seinen Nebenflüssen tief in das Küstengebirge grub. Für den Alltag reicht vielleicht eine Fahrt mit dem Jetboot auf dem Willamette River. Von Portland aus sind die Wasserfälle von Oregon City in zwei Stunden zu erreichen. Wer den Overkill braucht, den lockt der ungezähmte Clackamas River mit seinen Stromschnellen der Klasse 3 und 4 zum Wildwasser-Rafting.
OregonHinter den Bergen des Küstengebirges wird es trocken, beginnt das ursprüngliche Oregon Outback. Rund eineinhalb Millionen Menschen zog es um 1905 in den "wilden Westen". Die US-Regierung bot damals im Rahmen des Homestead-Programms in gut gemeinter Absicht verarmten Industriearbeitern von der Ostküste Siedlungsland zum Spottpreis an. Doch viele Träume zerbrachen: Der karge Wüstenboden und mehr noch die Einsamkeit zwang die Mehrzahl der Siedler zur Aufgabe. In der weiten Prärie bieten verwaiste Blockhütten anrührende Fotomotive. Heute lässt die Fahrt auf endlosen Straßen zwischen Salzseen und Felsenmassiven den Großstadttrubel vergessen. Unterwegs im Rental-Car und die Nacht im klimatisierten Motel verbracht, das hat allerdings auch wenig mit den einstigen Lebensumständen gemein. Vor dem Abflug gen Heimat im Factory Outlet noch ein paar neue Jeans geholt, dazu Erdnüsse, einen guten Oregon-Wein und zur Erinnerung etwas indianisches Kunsthandwerk. Amerika zu erleben - ein besserer Platz als Portland lässt sich schwerlich finden ...

www.traveloregon.de
www.powells.com
www.timberlinelodge.com
www.wildernesstrips.com
 
Wort und Bild: Uwe Schieferdecker