| Local Heroes |
Zukünftige Milliardäre
Und wieder gibt es Neues aus den BLITZ!-Musikredaktionen
in Chemnitz, Dresden, Erfurt, Halle und Leipzig. Bei uns erfahrt Ihr, was in den
Nachbarstädten so passiert und wahrscheinlich über kurz oder lang regionale
Grenzen überschreitet.
Chemnitz
Bleeding Harmony
Blutige Harmonie. Ja, so kann eine Vater-Sohn-Beziehung umschrieben werden. Es
gibt eben Probleme, wenn man 19 ist und der alte Herr über 40. Aber so etwas
kann auch offensiv-therapeutisch gelöst werden: Einfach zusammen Musik machen,
Rock'n'Roll war bekanntlich schon immer prädestiniert zum Abbau von Spannungen.
Die Texte von Bleeding Harmony, das wird hier an dieser Stelle kühn, jedoch auf
der Basis einer Reihe handfester Indizien vermutet, stammen von Sänger Nils
(19). Es ist einfach seine Erlebniswelt. Und das ist offenbar die eines Gothics:
Es geht um den Tod, der die Freiheit bringt, um das blutende Ich, um die Welt,
die, wenn auch noch so schön, eines Tages sowieso verlassen werden muss. Da
passt dann auch das Neil-Young-Cover am Ende der Demo-CD, "Knocking On Heavens
Door". Gelegentlich entwickelt Nils dabei eine durchaus beachtliche vokale
Präsenz und Flexibilität. Steht der Sohn also eher für das Bleeding, so der
Vater für die Harmony. Das ist stark bluesgetränkter, knarziger Rock der alten
Schule. Der Bass kommt ebenfalls aus der 40er Generation und das Schlagzeug ist,
um diese ungewöhnliche Konstellation komplett zu machen, auch erst 19.
Musikalisch hält der aber zu den Alten und fällt so dem Kumpel in den Rücken.
Nicht ist perfekt ...
Dresden
Sneppedalen
Sneppedalen ist dem Vernehmen nach ein kleiner
Ort auf Jütland, wo sich vor etwa
einem Jahrzehnt ein paar Dresdner Musiker im Urlaub zu einer Band
zusammenfanden. Die Stilrichtung? Hm. Auf jeden Fall erreichte man 2000 den
dritten Platz beim Folkförderpreis in Rudolstadt. Immerhin! Wer aber nun
frisch-frommen Fiedel-Folk der Marke "Auf-ins-freie-Feld-Wandersmann" erwartet,
liegt weit daneben. Irgendwo las man etwas von "Art-Folk". Es könnte aber auch
deutsches Chanson oder "Liedermaching im Bandrahmen" heißen. Mit hoher
Wahrscheinlichkeit besteht in dieser Band eine gewisse Affinität zu den
Berlinern Element Of Crime. Es ist dieser Hang zu einer gewissen schwerelosen
Melancholie, einer hochsensiblen, sehr ästhetischen Verlorenheit. Das Grau des
Alltags hat viele Nuancen, auch ein trauriges Lied kann man sehr fantasievoll
instrumentieren, ein Seufzer durchaus facettenreich sein. Diese Musik animiert
zu rotem Landwein in bauchigen Gläsern, zu dicken Kerzen und langen, guten
Gesprächen.
www.sneppedalen.de
Halle
Ticket
Tomorrow
Der Bandname rührt von einer traurigen
Begegnung von Sänger und Texter Max mit
einem Schaffner in der Straßenbahn her. Es hätte auch "Ticket To Ride" geheißen
haben können (wenn Max eines gehabt hätte). Ihre Songs jedenfalls versprühen
irgendwie den herzerfrischen Beatles-Charme der Sixties. Sie machen eigentlich
schon seit 2002 zusammen Musik, damals als PQNK, was seinerzeit ungefähr so
klang wie ihr Name. Jetzt sind sie zwischen 18 und 20, haben zueinander, einen
eigenen Stil und auch den Weg ins Studio gefunden. Richtig fluffige Popsongs
sind entstanden, freundlich und nett, flott und melodiös, einfach sehr charmy.
Und ziemlich retro: So, wie es ursprünglich mal auf der Insel klang und so, wie
es uns heute die Bands der Schweden-Pop-Hypes vormachen. Inzwischen bringen T.T.
das auch sehr gut live rüber. Nachdem diese fantastischen Vier im vergangenen
Oktober beim "New Chance"-Contest erste Achtungszeichen setzen konnten, gewann
man im April dieses Jahres souverän das "Kickstart"-Festival im hallischen Turm.
Die Band quittiert lakonisch und mit wahrhaftigem Understatement auf der
Homepage: "Eure Lieblingsband hat das größte und wahrscheinlich wichtigste
Festival des Universums gewonnen und ihre Mitglieder sind nun Milliardäre". Für
die vielen neuen Fans, die sie dabei gewonnen haben, kann allerdings Entwarnung
gegeben werden: Die Band will erstens alles versteuern und zweitens weiter Musik
machen.
www.ticket-tomorrow.de
Leipzig
Die
Sieben Leben
Nicht totzukriegen diese Leipziger Kultband, die
einst als Folkländers
Bierfiedler aufmüpfig und trinkfest die DDR-Folkrenaissance mit anführte.
Musikalisch haben sie sich längst entfernt davon, vor ein paar Jahren wurde der
inzwischen schwer in die Irre führende Name geändert. Nach einer Live-CD nun das
erste reguläre Studioalbum unter neuem Namen. Die Metamorphose (die wievielte in
ihrer Geschichte?) ist vollendet, eigentlich ist dies eine neue Band. Geblieben
ist die breite Instrumentierung von der Drehleiher bis zur Stromgitarre, von der
Mandoline bis zum Cello. Und sie können natürlich ihre Erfahrung nicht
verleugnen. Entstanden ist irgendwas zwischen Weltmusik und Singer/Songwriter,
zwischen tiefem Chanson und leichtem Liedchen: Pop für Erwachsene. Mit hohem
Anspruch, aber ohne erhobenen Zeigefinger, musikalisch unglaublich
vielgestaltig, aber immer eingängig, abgeklärt und hochvergnüglich. Die Songs
sind jetzt in der Mehrzahl von Manfred "Manne" Wagenbreth, den Gesang hat er
sich mit Susanne Grütz in einer sehr harmonischen Mischung geteilt. Und wenn sie
zusammen singen, in den Refrains vor allem, dann klingt's sowieso am schönsten.
Das wird wohl das sein, woran man Die Sieben Leben später zuerst erkennen wird.
Aber bis dahin haben sie vielleicht schon wieder eine Kompletthäutung hinter
sich, spielen Heavy Metal und gewinnen der European Song Contest.
www.diesiebenleben.de
Weimar
Manfred
Bründl
Ungewöhnlich an dieser Stelle - und dennoch
wegen der außergewöhnlichen Qualität
von definitiver Berechtigung: Moderner, aber nicht krampfhaft modernistischer
Jazz. Sehr hörbar hier, durchaus experimentell dort. Manfred Bründls exzellent
gespielter Bass ist Namensgeber und Fundament, doch er ist tatsächlich, wie im
Namen ebenfalls angedeutet, ein "leiser" Bass, der keineswegs danach trachtet,
sich permanent in den Vordergrund zu schieben. "Respect" ist vielmehr eine runde
Ensembleleistung eines Quartetts, in die Saxofon, Piano und Drums
gleichberechtigt einfließen. Da für ausgewählte Ausflüge in die Jazztheorie an
dieser Stelle kein Raum ist, sei ausdrücklich auf den fundierten Text des
Leipziger Jazzgurus Bert Noglik auf der Homepage der Plattenfirma verwiesen:
"Manfred Bründl weitet den Blick, schaut vom Jazz aus auf die Künste. Was zählt,
ist Persönlichkeit. Unverwechselbarkeit, Profil, Signatur, Signifikanz". Das
Album, so enthüllt uns dieser Text, ist als eine Art musikalischer
Porträtgalerie zu verstehen. Die Songtitel sind Vornamen und beziehen sich auf
reale Künstlerpersönlichkeiten: Es geht um Leonardo da Vinci, Gustav Mahler,
Arnold Schönberg, Anton Webern, Ernest Hemingway usw. "Die persönliche
Porträtgalerie des Bassisten gleicht einer künstlerischen Konfession", schreibt
Noglik dazu, "im Spiel des Quartetts geht es kaum um das Zitat oder die
lautmalerische Vergegenwärtigung, sondern um die Substanz, die Atmosphäre, die
geistigen Dimensionen." Nur ein Stück bricht vom Titel her aus: "Only You" ist
John Coltraine gewidmet.
www.manfredbruendl.de
www.laika-records.com
|
| Wort: FW / Bild: Maik Schuck, P.D. |
|