| Olga am Ball |
Warum
die Welt "ein Berliner" sein will
Fußball, Du sollst geheiligt werden! Du schenkst Freude. Du lässt den Alltag
vergessen und Erwachsene zu Kindern werden. Du bist ehrlich und fühlst Dich zu
Hause auf dem Rasen und nicht im FIFA-Schloss. Ich liebe Fußball!
Seit zwei Monaten läuft im Krystallpalast Varieté die Show "Ballrausch" (und
noch bis 1. Juli) mit mir als Moderatorin. So viel Eigenwerbung muss sein, denn
auf der Bühne agieren Künstler aus sieben Nationen mit Respekt und Begeisterung
für die Sache, füreinander und fürs Publikum. Für zwei Show-Stunden sind wir
eine Einheit, ein Kollektiv, ein Team oder besser gesagt: "We Are Family". Und
wir verabschieden uns jeweils beschwingt und friedlich voneinander. Klingt
pathetisch? Egal. Fußball verträgt Pathos. Im Vergleich zur WM ist unsere Show
ein mikroskopisch winziges Molekül. Und doch: Es leuchtet!
Seit 9. Juni schaut die Welt nach Deutschland. 32 Nationen haben nur ein Ziel:
Den 9. Juli in Berlin. Für die einen realistische Zielsetzung, für die anderen
der Glaube an das Wunder.
Aus Afrika sind dabei: Tunesien (zum vierten Male), Angola (hat Nigerias Träume
zerstört), die Elfenbeinküste (Hallo Didier Drogba!), Ghana (Gerald Asamoahs
Geburtsland) und Togo (viele spielen in der französischen Liga). Die vier
letztgenannten sind zum ersten Mal dabei. Für diese Länder ist die WM-Teilnahme
eine Revolution! Aus Asien reisten an: Saudi-Arabien (vierte WM-Teilnahme;
Trainer aus Argentinien), Südkorea (siebente Teilnahme; holländische
Trainertradition), Japan (dritte Teilnahme; trainiert vom Brasilianer Zico) und
Iran (dritte Teilnahme; Mahdavikia, Ali Karimi, Hashemian sind keine Hardliner).
Amerika schickte Brasilien (zum 18. Mal dabei; respektvolles Schweigen),
Argentinien (zum 14. Mal dabei; Batistuta, Verón, Maradona und die Hand Gottes),
Ecuador (zum zweiten Mal dabei; trainieren auf einer Höhe von 2.850 Metern, sind
also zu Höhenflügen bereit), Paraguay (zum siebenten Mal dabei; in der
Eingeborenen-Sprache Guarani bedeutet Paraguay "Papagei", und was für bunte
Vögel dieses Land hat: Cardozo, Roque Santa Cruz, Nelson Valdez), Costa Rica
(zum dritten Mal dabei; die Ticos möchten glänzen), Trinidad und Tobago (zum
ersten Mal dabei; trainiert von einem Holländer), Mexiko (zum 13. Mal dabei; "El
Tri" möchte Fußballgeschichte schreiben) und die USA (achte Teilnahme; im
Fußball keine Weltmacht). Ozeanien: Australien ist zum zweiten Mal dabei. Die
Mannschaft wird trainiert von Guus Hiddink, einem Holländer. Europa ist der
größte "Arbeitgeber" im Fußballgeschäft: Die Schweden kommen zum elften, die
Spanier zum zwölften Mal! Beide Länder sind noch ohne WM-Titel und wollen das
gewiss ändern. Die Engländer (zwölfte Teilnahme) möchten den WM-Pokal in den
Schoß der Fußball"mutter" legen. Polen (siebente Teilnahme) will beweisen, dass
es auch ohne Lukas Podolski und Miro Klose den Titel schafft. Ein polnisches
Sprichwort sagt: "Das Lächeln auf dem Gesicht eines Hungrigen ist eine Lüge".
Die Polen sind titelhungrig … Frankreich, das Land der Fußball-Gourmets Michel
Platini und Zinédine Zidane, ist zum zwölften Mal dabei. Die Kroaten (dritte
Teilnahme) wollen nicht nur der Welt, sondern auch den Serben eins auswischen.
Und die Serben (Serbien und Montenegro, Ex-Jugoslawien; achte Teilnahme) wollen
das Gleiche, bloß umgekehrt. Tschechien ist zwar zum ersten Mal dabei, aber die
Tschechen sind sich sicher: Die goldene WM-Trophäe ist im goldenen Praha am
besten aufgehoben. Die Schweiz reist immerhin zum achten Male an und hat die
jüngste Mannschaft im Turnier. Die Jungs wollen der ganzen Welt beweisen, sie
gehören nicht zu den Reichen und Schönen; sie sind die Reichen und Wilden!
Portugal (erst vierte Teilnahme, unglaublich): Da bin ich als Frau sprachlos.
Aber Fußball ist nicht Eiskunstlauf, und es gibt keine Punkte für Ausdruck und
Ästhetik. Da hätten die Portugiesen alle anderen besiegt. Gott, was für Männer.
Ich sage nur Luis Figo. Ich wäre gern seine private Physiotherapeutin. Holland
(achte Teilnahme): Wenn man in Holland im Stadion "lecker" ruft, dann hat man
nicht das Essen im Sinn, das heißt so viel wie "Klasse, gut gemacht!" Und die
Holländer spielen lecker! Die Ukraine, mein Geburtsland, ist zum ersten Mal
dabei! Trainer Oleg Blochin wurde im Jahr 1975 zu Europas Fußballer des Jahres
gewählt, vor Franz Beckenbauer! Und dann noch Schewtschenko!
Italien und Deutschland sind beide zum 16. Mal dabei und beide jeweils dreimal
Weltmeister geworden. Obwohl der erste WM-Titel der Azzuri im Jahr 1934 nicht
ganz sauber war: Der fußballbegeisterte Mussolini hatte da seine Finger im
Spiel. Deutschland, diesmal mit Heimvorteil, Italien mit dem Traum, dass sich
das Finale von 1982 wiederholt: Deutschland gegen Italien. Mit einem 3:1-Sieg
holten sich die Blauen damals den Pokal. Träumen ist erlaubt …
Ja, träumen ist erlaubt! Uns allen eine unvergesslich schöne WM 2006 in
Deutschland! Ein tolles Fest mit tollen Gästen! Und wer auch immer Weltmeister
wird, wird den Berliner Rasen lieben, sich seinen Geruch für immer einprägen.
Wir sind Deutsche. Wer wird Berliner?
Termine
"Ballrausch" im Krystallpalast Varieté läuft bis 1. Juli
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| Wort: Olga Lomenko / Bild: ELC |
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