Franziska Anna Faust

Anna FaustWachsen mit Wolken, Wesen und Wundern

In Connewitz sitzt eine eine junge, gutaussehende Dame im Garten eines unsanierten Altbaus und kocht Knochen und Köpfe aus. Die Nachbarn schauen verwundert von ihren Balkons und tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Franziska Anna Faust baut an ihrer eigenen Welt, einer ätherischen Erde.


Geboren im ostseenahen Bad Oldesloe bei Lübeck erwachte ihre Kadaverleidenschaft, als Franziska sechsjährig eine tote Möwe am Strand fand und diese auseinanderpuhlte: "Ich war schon immer fasziniert von dem, was drinnen steckt. Mein Vater sagte mir, dass ich davon die Pest bekommen würde."
Heute liegen in ihrer Wohnung Hörner, Zähne und Stachelschweinborsten in den Regalen und im Abstellraum steht ein bei ebay ersteigertes Kuhskelett und starrt aus toten Augenhöhlen die Wand an. Anna FaustDoch Franziska sammelt nicht nur, sie arbeitet damit. Plastiken und andere Kunststoffe entstehen und die toten Teile mittenmang - Fabelwesen aus morbiden Träumen, Zwischenweltenjäger, die anstatt in Mutter Erdes Schoß zu gammeln, ins Licht streben, fliegen, frei werden: "Frei nach Newton: Es geht nichts verloren, sondern wandelt sich nur."
Die HGB-Studentin der Medienkunst, Franziska Faust, ist wohltuend anders. Fixiert auf ihre Kunst und gänzlich unbeleckt in Vermarktung stellt sie ihre verstörenden Geschöpfe aus, im Kulturbundhaus, im Kosmospolitan, während DLL-Studenten textliche Einkehr promoten, im Trinity oder Maga Pon. Sie werkelt und schafft und hat eine Mission: Anna Faust"Der Künstler soll zum Schöpfer einer neuen Welt werden, es geht um organisches Wachsen, und irgendwann möchte ich ein abgeschlossenes surrealistisches Museum bauen, mit Wolken und Wesen und Wundern."
Zwischenzeitlich schreibt sie an ihrem Performancetextprogramm "Lichtbringer, Du" - mit dem Musiker Michael Zippel, der Samples unter ihre abstrakten, assoziativen Worte webt - und präsentiert dieses bei Underground-Lesungen in alten Fabrikhallen vor faszinierten Hörern. Sie präpariert Mäuse "und anderes Kleingetier" oder wildert im Animationsfilmgewerbe, um ihre "Ätherische Erde" zu bauen und schweißt an Stahl. "Mein Privatleben verschwindet völlig hinter dem künstlerischem."
Zu Hause wartet dann Lucy III. auf Franziska, wahrscheinlich eine Wollspinne, die erst ihren Göttergatten Lucy II. vertilgte, Anna Faustum dann Kleinspinnen zu werfen. 50 kleine Lucys - genauer: Lucy 4 bis Lucy 54, einige haben sich schon gegenseitig gefressen, frei nach Darwin - in Gläsern und eine italienische Eidechse, die Kunst werden sollte und nun doch weiterleben darf. "Die heißt: Der kleine Stinker." Obwohl Eidechsen doch gar nicht stinken.
Franziska ist getrieben von der Vergänglichkeit, mit Nachteulenaugen hat sie umhergespäht und Wüsten gefunden, aus Kadavern und Knochen und falschen Werten in Hochglanzmagazinen. Nun schöpft sie. Und ihre Welt ist anders, vielleicht nicht besser, aber eigen: "Ich glaube, ich habe ein Kunsthormon, welches mich in meine Arbeit treibt."
Die Nachbarn auf den Balkonen jedenfalls, finden es spannender als Pro Sieben.
Kontakt: faust@hgb-leipzig.de
 
Wort: Volly Tanner / Bild: Ernie Le Coq