Stephen Frears

Stephen FrearsWaschsalon und Nacktrevue

Mitte der 1980er Jahre wurde Stephen Frears zu einem der führenden und eigenwilligsten Regisseure des neuen britischen Kinos, zu einem, der sein Publikum vor allem mit unheimlich berührender Realsatire zu packen verstand und gesellschaftliche Missstände auf diese Weise aufs Korn nahm.


Um beispielsweise noch einmal auf den "Wunderbaren Waschsalon" zurückzukommen: Frears erzählt da in einer begeisternden Art von zwei Außenseitern, die einen heruntergekommenen Waschsalon wieder flott zu kriegen versuchen und dabei über Gott, die Welt, die Religionen und Sexualität reden. Lady HendersonDabei erfährt der Zuschauer - anscheinend so ganz nebenbei - viel über das London der Thatcher-Ära.
Und nun widmet er sich dem gleichen Ort, aber einer ferneren Zeit, nämlich dem Jahr 1937, in dem die reiche und anscheinend gelangweilte Witwe Lady Laura Henderson (gespielt von Judi Dench) mit schlechten Manieren, aber guten Beziehungen, sich noch zu jung fühlt für Lady Hendersonden geruhsamen Witwenstand. Mit 69 in der damaligen Zeit auch voll verständlich.
Um nicht ganz der Langenweile zu erliegen, kauft sie sich ein leerstehendes Theater im Herzen der Stadt und heuert einen Manager an. Wenigstens hat dieser Mister Vivian Van Damm (den spielt nun wiederum der ebenso wundervolle Bob Hoskins) mehr Ahnung vom Theater als die alte Dame, und er hat zudem auch gleich noch eine Idee, die da lautet: Non-Stop-Entertainment. Lady HendersonDumm nur, dass alle umstehenden Häuser das auch gleich machen. Da kommt die Lady auf eine Idee: Wie wär's mit einer Nacktrevue? Das wäre zudem die erste in Großbritannien. Man erinnere sich des Beginns der Geschichte. Das Jahr 1937 - der Krieg steht vor der Tür. Bis dahin geht alles recht erfolgreich, aber dann Lady Hendersonwill die Regierung alle Theater schließen. Nur hat die nicht mit der kampfes-lustigen alten Lady gerechnet … Man sollte es kaum glauben, aber Stephen Frears beruft sich dabei auf eine wahre Geschichte.

Frears, Jahrgang 1941, hatte eigentlich Jura studiert, mit dem entsprechenden Abschluss. Aber er bewarb sich mit letzterem in der Tasche erst einmal als Regieassistent und produzierte dann gemeinsam mit zwei führenden Vertretern des damals "zornigen jungen Kinos" einige Filme für das Fernsehen, so wie auch den "Waschsalon" (witzigerweise wurde der in den USA übrigens sogar ein Kino-Hit).
Natürlich wurde das Mainstreamkino auf dieses Talent aufmerksam, und so hat Frears auch dafür Filme gemacht, ist sich aber immer treu geblieben und immer mehr oder weniger zweigleisig gefahren. Hier die kleinen, aber sehr feinen Filme aus dem britischen Arbeitermilieu, und dort die großen Namen der Hollywood-Schauspieler in teuren Produktionen. "Gefährliche Liebschaften" ist so ein Beispiel dafür. In üppigen Kostümen wird von raffinierten Boshaftigkeiten und sexuellen Intrigen zwischen entarteten französischen Aristokraten des 18. Jahrhunderts erzählt. Mit von der Partie John Malkovich, Michelle Pfeiffer, Glenn Close und Uma Thurman.
Zwei Jahre darauf stellt er in "The Grifters" John Cusack, Annette Bening und Anjelica Huston vor der Kamera - als Kleingangster-Trio, in dem einer dem anderen nicht traut. Später folgen Filme wie "Mary Reilly", jene eigenwillige Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Verfilmung, die das Ganze aus der Sicht des Dienstmädchens erzählt, mit einer erstaunlich guten Julia Roberts und einem brillanten John Malkovich. Daneben stehen kleine Produktionen, die aber nicht minder hervorragend und köstlich sind, wie die Komödie "The Snapper - Hilfe, ein Baby!", in dem es um die Probleme einer irischen Arbeiterfamilie geht, oder wie "Fisch & Chips", ein Film, der von einer auf die Probe gestellten Männerfreundschaft erzählt.
Egal, ob Fernseh- oder Kino-Produktion, Frears wagt sich an völlig verschiedene Themen, und er liebt es: "Ich genieße es, dass ich Filme über ganz unterschiedliche Kulturen machen kann. Einige Regisseure beschäftigen sich nur mit vertrautem Terrain. Wenn ich über ein Projekt nachdenke, interessieren mich die Dinge, die ich bisher noch nicht kennen gelernt habe. Ich versuche, mich in die Rolle des Publikums zu versetzen."

Übrigens befindet sich gerade ein weiteres hochinteressantes Projekt in der Frearsschen "Pipeline" und erhält seinen Feinschliff: "The Queen" wird mit Spannung erwartet, geht es doch nicht zuletzt um besagte betagte Dame, die nach wie vor dem britischen Königreich vorsteht und diesem Glanz und Gloria zu verleihen versucht, Elisabeth II. Mit im Spiel sind auch die Herren Philip und Blair. Man darf also gespannt sein. Allerdings ist die Aussicht, den Film auch hierzulande zu sehen, eher gering. Es sei denn, einer der vielen deutschen Sender kauft endlich mal wieder gute britische Fernsehware und lebt nicht nur von mittelmäßiger einheimischer Trivialkost.

Stephen Frears' Bandbreite scheint also noch lange nicht ausgereizt zu sein. Der mit der Quenn ist ja dann schließlich erst sein 44. Streifen für Kino oder Fernsehen, bei dem er seit 1968 Regie führt ...
 
Wort: Carola Kinzel / Bild: Buena Vista