| Mann mit Rhythmus und Nase |
Sascha
Tschorn liebt auf dem Uniplatz
Der Mann hat einen Riesenkolben, und den trägt er mitten im Gesicht. Nein,
der Herr ist wirklich nicht schön, aber verliebt ist er und ganz toll. Doch wagt
er es nicht, ob seines Gesichtes und des Makels, der Angebeteten unter die Augen
zu treten. Er ist sich selbst zu hässlich, und deshalb versteckt er sich,
dichtet und lässt seine romantischen Verse von einem schönen Jüngling vor der
Dame rezitieren. Die ist ob der Wortwahl hoch beglückt, und schenkt ihre Gunst
dem Interpreten. Logo. Und der liebende Autor hat immer weniger Chancen. Es
bleibt ihm nur eins: Er muss sich zu seinem Gesicht bekennen.
Die Geschichte vom Ritter mit der großen Nase ist uns bekannt: Cyrano de
Bergerac. Aber sie ist zu schön, als dass wir sie nicht immer wieder sehen
könnten. Wir können. Des Sommers wird sie auf dem Uniplatz gegeben. Ab 2. Juli
geht das Thalia Theater mit uns raus, setzt uns auf die Stufen und spielt das
gute Stück. Der Mann mit dem Zinken, Cyrano, heißt dann Sascha Tschorn und ist
seit zwei Jahren am Theaterhaus fest engagiert. Wir haben ihn "Ganze Tage, ganze
Nächte" im Bordell gesehen. Er war dabei auf "Level 13" und dem Massaker an der
Schule - voll das Grauen unserer Gegenwart. Wir begegneten ihm mit "Parasiten",
"Faust" und als "Springer in der Schwebe". Dort erschießt er sich höchstselbst.
Ende noch nicht abzusehen.
Sascha
ist ein Berliner und bald 30. Aufgewachsen ist er im Schmelztiegel Kreuzberg und
ausgelassen hat er fast nix: Rugby. Judo. Skateboard. Handball. Drums. Für die
Schule keine Zeit. Konsequenz: Zweimal Klasse 10. "Aus dem wird nie was",
meinten nicht nur die Lehrer. Ganz ohne Zukunft wollte sich Sascha jedoch nicht
sehen: "Jetzt erst recht!" Ehrgeiz, Abschluss und die Frage: Was willste werden?
Schauspieler? Tänzer?
Im Alter von acht begann Sascha Tschorn zu tanzen. Nicht nur Hobby, richtig mit
Turnier und Wertung. Dabei ist Tanz fast untertrieben, denn Rock'n'Roll ist mehr
Artistik denn Show und Lächeln. Mit Partnerin Natascha Paetznick wurde er
Berliner Meister, Deutscher Meister der Junioren 1996, 97 und delegiert. Die
europäische und Weltmeisterschaft rock'n'rollte in Lyon. Platz 7 und 8 waren
Nataschas und Saschas Resultat. Wir ziehen den Hut und denken an unsere
Tanzschritte auf dem Parkett lieber nicht.
Klar, dass bei solchem Training, Rock'n'Roll und Modern Jazz der Beruf eines
Tänzers nicht utopisch klingt. Doch in solchem sind 40 Jahre Tätigkeit keine
Perspektive. Der Körper verausgabt sich bereits in jungen Jahren. Was dann?
Gleich was and'res, und Schauspiel findet auch auf Bühnen statt. Also beworben
in Leipzig und angenommen, studiert, dabei Aufgaben in Chemnitz von
"Gefährlichen Liebschaften" über "Messer in Hennen" bis hin auf die
"Sonnenallee". Vorsprechen und erstes Engagement am Thalia Theater in Halle. Wir
haben Sascha gesehen, auch auf der hallischen "Sonnenallee", aber nicht nur auf
dieser (siehe oben).
Wenn Schauspieler Anekdoten erzählen, sind es meist Begebenheiten, in denen auf
es der Bühne nicht so lief, wie es sollte. Sascha war es peinlich.
Premierenpublikum ist eine eigene Spezies. Kritiker, Kollegen, Presse und Zunft,
sie alle werfen den Blick aufs Geschehen. Gnadenlos. Erst recht und gerade bei
einer deutschen Erstaufführung. Die hieß "Der Springer in der Schwebe", und
Sascha musste sich mit der Pistole das Leben nehmen. Allerdings fiel das
Schussgerät echt ins Wasser, man hatte einen schönen Swimmingpool aufgebaut. An
die Pistole war nicht mehr zu kommen, aber der Tod musste sein. Sascha ertränkte
sich kurzentschlossen. Sein Exitus war gerettet.
Herausforderungen braucht Sascha Tschorn. So nimmt er Schlagzeugunterricht. Er
übt sich im Singen. Gerade hat er für den Film gearbeitet. Das möchte er
weiterhin tun. Und so wird Sascha Tschorn am Theater in Zukunft Gastrollen
geben, um sich anderen Aufgaben mehr widmen zu können. Doch bevor wir bedauern,
Halle und dem Thalia geht er nicht verloren. Cyrano de Bergerac muss um die
Liebe kämpfen. Ob die holde Maid über Hässlichkeit, Nase und Betrug hinweg ihm
ins Herz sehen kann? Vor allem auch will? Wir nehmen Platz, harren der
Geschichte und Sascha Tschorn. Der Sommer wird gut. Das Theater noch besser.
Termine
Ab 2. Juli auf dem Uniplatz
|
| Wort: Henner Kotte / Bild: Marillion, Thomas
Leibe |
|