| Theaterruine St. Pauli |
Die
Katze Shakespeare
Das verflixte siebente Jahr! Auch für die Theaterruine muss wohl das
Sprichwort gelten. Denn das vergangene Jahr, ihr siebtes, war für sie das
Katastrophenjahr. Während einer Probe stürzte ein Teil der Mauer ein und
hinterließ einen 300 Kilo schweren Schutthaufen. Die schöne alte St.-Pauli-Ruine
wurde geschlossen und für die Theatergruppe begann der Kampf ums Überleben:
Spendenaufrufe, Unterschriftensammlungen, Briefe an den Stadtrat.
Noch heute, ein Jahr danach, ist die Truppe überwältigt von der Unterstützung
der Dresdner, die nicht nur Geld schickten, sondern auch massenhaft
Sympathiebekundungen und Kampfesgrüße. Der Stadtrat ließ sich denn auch rühren
und beschloss für bürokratische Verhältnisse erstaunlich schnell, die
Sicherungskosten zu übernehmen. Seit letztem Sommer wurde gebaut und umgestaltet
- bis zum allerletzten Tag vor Spielbeginn.
Die achte Spielzeit hat für die Theaterruine voller Optimismus begonnen. "Alles
wird gut", sagt Jörg Berger überzeugt. Der Intendant und Hauptorganisator hat
mit Hilfe von über 100 Ehrenamtlern einen enormen Kraftaufwand betrieben, um die
Ruine wieder bespielbar zu machen. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: "Man sieht
wenig von den Bauarbeiten", konstatiert er. "Darüber bin ich sehr froh, denn die
Ruine sollte danach ja nicht wie ein halber Neubau wirken."
Jörg
Berger war es, der die Ruine 1999 für sich entdeckte. Seine damalige
Theatergruppe suchte eine Spielstätte und fand das alte Mauerwerk mitten im
Hechtviertel perfekt für ihre Zwecke: Atmosphärisch, ideal gelegen, offen und
gleichzeitig intim genug, um "sinnliches Theater" zu machen. Für Jörg Berger hat
die Ruine etwas von Globe Theatre - wahrscheinlich lässt er deshalb so viel
Shakespeare spielen. "Shakespeare passt einfach hierher", findet er. Ein
bisschen mag es auch an seiner persönlichen Vorliebe liegen - schließlich hat er
sogar seine Katze nach dem großen Dramatiker benannt. Manchmal müssen die
Darsteller die Begeisterung ihres Intendanten und Regisseurs etwas zügeln.
"Dieses Jahr wollte ich eigentlich den 'Sturm' inszenieren", erzählt er. "Aber
da haben die meisten gesagt: 'Ach nee, nicht schon wieder Shakespeare'." Deshalb
gibt es dieses Jahr als Neuzugang "Don Juan" zu sehen, erstmals zur Premiere am
28. Juli. Eigentlich war noch eine zweite Neuproduktion geplant, "Ball der
Diebe", ein französisches Slapstick-Stück, da der Saisonbeginn aber wegen des
langen Winters um einen ganzen Monat verschoben wurde, muss die Komödie bis zum
nächsten Jahr warten.
Die Gastspiele werden diesen Sommer vor allem aus Konzerten bestehen. Das Blaue
Einhorn eröffnete als altbekannter Gast die Saison in der Theaterruine. Jörg
Berger hat zum größten Teil auf Bewährtes gesetzt - einige neue Gruppen sind
aber auch dabei: Dikanda aus Polen zum Beispiel, deren Gastauftritt im letzten
Jahr durch die Schließung der Ruine verhindert wurde. Neu in diesem Jahr ist
auch der Romantische Abend in der Ruine. Einmal im Monat wird es Kerzenlicht,
Sekt und ein Drei-Gänge-Menü im Freien geben. Vorbestellungen sind schon
eingegangen und im Theaterverein ist man gespannt auf die Resonanz.
Es ist nicht schwer zu erkennen, warum Jörg Berger sich für den Erhalt der Ruine
so eingesetzt hat. Hier herrscht eine eindrückliche Atmosphäre des Miteinanders.
Ein Großteil der Darsteller und Helfer arbeitet ehrenamtlich - und das bedeutet
für die meisten. Keinen Sommerurlaub, zehn Abende im Monat auf der Bühne,
außerdem Werbung verteilen, an der Kasse helfen, Büroarbeiten übernehmen. Die
Profi-Schauspieler, deren es in jedem Stück einige gibt, sind meist beeindruckt
von dem produktiven Miteinander und der Neidlosigkeit unter den Darstellern.
Jörg Berger gefällt die Mischung von Profis und Amateuren besonders: "Bei uns
gibt es alle Berufe, alle Altersgruppen, ganz verschiedene soziale Hintergründe
und Geschichten. Das reizt mich viel mehr als reines Profi-Theater."
Nach der Schule hat er Hydrologie studiert. Aber schon während des Studiums
wurde ihm klar, dass er Theater machen will. Damals, zu DDR-Zeiten, schien es
ihm eine gute Möglichkeit, politische Wirkung zu erzeugen. Heute kann er sich
etwas anderes nicht mehr vorstellen. Nach der Uni war er beim Theater der Jungen
Generation, später hat er zwischenzeitlich auch Puppentheater gemacht, die
Studentenbühne geleitet, an verschiedenen Häusern Gastregie geführt. Mit der
Zeit hat er dann gemerkt, was ihm wirklich liegt: Er will jetzt an einem Ort
bleiben, sich auf seine Zuschauer einstellen, für sie die passenden Gastspiele
und Eigenproduktionen auswählen. Vor ein paar Jahren hat er das Stadtteilfest im
Hechtviertel wiederbelebt, seit letztem Jahr hat der Theaterverein parallel zu
den Sanierungsarbeiten an der Ruine einen Hinterraum des Büros zum Salon
umgebaut. Dort sollen Seminare, Lesungen und andere öffentliche Veranstaltungen
statt finden - so ist der Verein ganzjährig im Stadtgebiet präsent. Am 31.
September zum Beispiel wird dort die Nachsommersaison mit einem indischen
Tanzabend eröffnet. Und fürs kommende Jahr sind größere Veranstaltungen
angedacht, die Bühne und Salon miteinander verbinden sollen. Jörg Bergers
Zukunftsoptimismus scheint in jeder Hinsicht berechtigt. Längst ist er mit Katze
Shakespeare selbst ins Hechtviertel gezogen. Er hat hier sein Zuhause gefunden -
und das Viertel einen kulturellen Anker.
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| Wort: Julia Berning / Bild: Julia Berning, Tobias
Kade |
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