| Dr. Winters Kolumne |
Liebe
Freunde,
ohne jede Frage gibt es Spektakuläreres, Aufregenderes und Wichtigeres sowieso,
und selbstverständlich sollte es auch nicht zur Regel werden, aber hin und
wieder muss man es einfach tun: Goldfische beobachten. Nun ist Chemnitz nicht
unbedingt ein Eldorado, eine Hochburg dieser farbenfrohen, schlankgewachsenen
Tiere - die wenigsten vermuten einen zahlenmäßig beträchtlichen Bestand inmitten
der futuristischen Glas- und Stahlkonstruktionen unserer sächsischen Metropole.
Ganz zu Recht. Zu finden sind sie allerdings auch hier an den mannigfaltigsten
Plätzen, hauptsächlich freilich in den unserer menschlichen Gattung eher
unzugänglichen Bereichen hochkonzentrierter, intensiver Nässe, in Bassins,
Teichanlagen oder Fischgläsern. Ein Aufspüren dieser wunderbaren Reservate würde
ich dennoch jedem raten. Es lohnt sich, hin und wieder in gebührlicher
Entfernung, im sicheren Uferbereich zu verharren, um einen ausführlichen Blick
auf die anmutige Gestalt eines Goldfisches zu werfen.
Wer einmal das Glück
hatte, sich über einen längeren Zeitraum hinweg dieser besonderen Spezies widmen
zu dürfen, wird mir mit Sicherheit bestätigen, dass dieses Übermaß an Charme,
Esprit und symmetrischer Eleganz bei keinem anderen Lebewesen so beobachtet
werden kann wie bei Goldfischen. Wie sie reglos im Wasser liegen, sich in der
Sonne aalen (oder sollte es bei ihnen goldfischeln heißen?), dabei zwischen den
grünen Schilfbüscheln mit ihren das Licht reflektierenden, glänzenden Schuppen
den herrlichsten Kontrast verursachen! Wie enthusiastisch sie nach Luft
schnappen, so, als ob sie jeden Moment ertrinken könnten, dabei auf eine so
sparsame, haushälterische Weise mit den Flossen rudern! Es ist so spannend!
Prächtigere Geschöpfe sind in der Kargheit unserer Heimat schwerlich
auszumachen! Goldfische heißen ja, wie Goldhamster und Goldbären, keineswegs
ihrer Farbe wegen Goldfische, wenn dem so wäre, müssten sie Rotfische heißen,
oder als Jungtiere sogar Schwarzfische, nein, den Namen Goldfische tragen sie
ausschließlich aufgrund ihres goldigen, wortkargen Wesens. Unaufdringlich,
bescheiden, fast ein wenig scheu üben sie einen überdurchschnittlichen
beruhigenden Einfluss auf ihre Umgebung aus, verstehen es, die Zeit zu
verlangsamen. Spaziergänger können gar nicht anders, als in ihrer Gegenwart
stehen zu bleiben, um sich an Farbe und Physiognomie dieser herrlichen Geschöpfe
zu ergötzen. Manchmal will mir scheinen, Goldfische existieren nur der
angenehmen Empfindungen ihrer Betrachter wegen, vergolden den unvergleichlichen
Moment des Zusammentreffens zwischen Mensch und Tier. Nichts, rein gar nichts
ist mit dem Genuss vergleichbar, den das Beobachten von Goldfischen hervorruft.
Ich habe es auch mit anderem Getier versucht, mit Ameisen beispielsweise, aber
Ameisen sind hektisch, wie leicht verliert man ihre Spur, oder mit Fröschen,
aber Frösche bekommt man ja kaum zu Gesicht. Hier sind sie nicht, und dort auch
nicht, man muss sich wirklich wundern, wie sie das aushalten, immerzu nirgends
zu sein! Ganz anders die Goldfische. Treu drehen sie ihre Kreise im Wasser,
halten inne, verharren am Ort, schlummern ein wenig. Wir Menschen sollten,
sobald wir eines dieser reglos an der Wasseroberfläche vor sich hin brütenden
Tieres ansichtig werden, uns die Selbstverständlichkeit dieses
In-Einklang-mit-sich-selbst-Sein einer Goldfischexistenz vergegenwärtigen, die
so anders als die unsrige, nicht von ständigem Stress und Zeitdruck geprägt ist.
Denn erstaunlicherweise sind Goldfische auch ohne hektische Betriebsamkeit
glücklich und zufrieden. Das sollte uns zu denken geben, wenn wir
zähneknirschend in der Tretmühle mit unserem Schicksal hadern. Die Goldfische
zeigen uns: Es geht auch anders!
Mit dieser funkelnden Bemerkung will ich mich für heute verabschieden und
verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Schleierschwanz Löwenkopf Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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