| Al DeLoner |
Es
ist nicht wichtig, was passiert ...
Al DeLoner wartet auf das Thüringer Bratwurstdiplom, das ihm von seiner
Erfurter Freundin versprochen wurde, als er begann, wegen ihr viel Zeit hier zu
verbringen. Auch heute abend folgt er, wie schon so oft in den letzten beiden
Jahren, interessiert der Prozedur, wundert sich, dass diesmal kein Bier
verwendet wird, verspeist die Resultate aber mit Genuss. Danach trinkt er eben
eins mehr und driftet ab in Tagträume, während alle um ihn herum fröhlich
schnatternd das Leben feiern.
Er wacht erst auf, als man ihm eine Gitarre bringt, auf der er wunderschön
improvisiert. Nur die lautstark geforderten Hits, die mag er nicht spielen, das
können andere tun. Als das später passiert, singt er "Country Roads" oder "Like
A Rolling Stone" inbrünstig mit und trommelt auf allem, was ihm unter die Finger
kommt. Wie damals in Telemark, Norwegen, wo Al als Atle Bystrøm 1970 zur Welt
kam. Eigentlich war von Anfang an klar, dass der Junge Künstler werden wird.
Seine Mutter sah in ihm schon als Baby den zukünftigen Maler. Im Musikladen des
Vaters verbrachte Al viel Zeit damit, sämtliche Instrumente auszuprobieren:
"Hier habe ich die Basis dafür gelegt, dass ich heute auf fast jedem Instrument
etwas spielen kann." In der Schule verlor er sich ständig in musikalischen
Tagträumen, trommelte auf dem Tisch: "Manchmal wachte ich auf und es war sehr
still. Die komplette Klasse inklusive Lehrer beobachtete mich scheinbar schon
seit Minuten." Das passiert ihm heute immer noch. Er vergisst, wo er ist, taucht
ab in Musik.
Die Wurzeln dafür wurden früh gelegt. Gemeinsam mit Onkel und Tanten saß seine
Familie zusammen, sang und spielte traditionelle Heilsarmeelieder. Bald mischte
sich das mit Als glühender Jugendliebe Kiss. Natürlich musste er eine
Schülerband gründen. Anders als die meisten coverte die aber nicht die verehrten
Helden: "Wir waren alle Heavy-Metal-Kids, haben aber eigenen Progrock
hervorgebracht und viel improvisiert, weil es mich schon damals nicht
interessiert hat, nachzuspielen. Ich möchte immer etwas Einzigartiges schaffen,
was so noch niemand produziert hat und nicht die Ideen anderer Leute
wiederkäuen." Schnell landete Al beim Blues, weil das die Quelle für ihn war
(und ist), aus der die komplette Popmusik sprudelt. Nach der Schule absolvierte
er seinen Zivildienst und zog 1991 aus der Provinz nach Oslo, um sich den Traum
vom freien Musikerleben zu erfüllen.
Freunde folgten, man gründete die Band Midnight Choir und machte Straßenmusik,
um überleben zu können: "Wir waren sehr stolz darauf, nicht arbeiten zu gehen,
keine Ausbildung zu machen. Wir waren Musiker." Die Band probte und spielte
jeden Auftritt, den sie bekommen konnte. Das zahlte sich irgendwann aus.1993
unterschrieben sie einen Plattenvertrag und nahmen ihr erstes Album auf, in
Texas. Das zweite produzierten sie in Seattle, das dritte in Lissabon, dann
folgten Ljubjana, London und Prag. Midnight Choir avancierten in Norwegen zu
Stars, spielten ausverkaufte Tourneen, bekamen goldene Schallplatten und sogar
einen Grammy. Im restlichen Europa erarbeiteten sie sich einen gefeierten
Kultstatus. Al spielte Gitarre, schrieb fast alle Songs inklusive der Texte -
bis zu 50 Lieder pro Album, reiste in der Welt umher und lebte seinen Traum.
Midnight Choir arbeiteten zusammen mit ehemaligen Talk-Talk-Musikern: "Da unsere
Drummer immer so Spinal-Tap-mäßig verschwunden waren, hat Lee Harris mit uns
sogar eine Tour gespielt." Sie schafften es bis in David Gilmours (Pink Floyd)
Studio auf einem Londoner Hausboot. Auf der Höhe des Erfolges zerbrach die Band.
Der Songschreiber beschloss, seine Lieder von jetzt an selbst zu singen,
veröffentlichte sein erstes Soloalbum, spielte auf CDs befreundeter Künstler wie
den Walkabouts und ist viel unterwegs.
In Erfurt funkt es auf einer Grillparty (auf dem Weg zum Bratwurstdiplom)
zwischen ihm und dem Produzenten Ringo Fire (Acoustica). Sofort entsteht ein
Lied und wird noch am selben Abend in Ringos Atomino-Studio aufgenommen. Weitere
Sessions folgen und so entwickelt sich fast wie von selbst das wunderbare neue
Album "Flora In The Darkroom", welches im Mai erst einmal nur in Norwegen
veröffentlicht wird. Auf der CD sind unter anderem Adam Sky (aka Adamski),
Joseph Parsons und Nikki Sudden, der leider kürzlich verstorben ist, zu hören.
All diese Künstler treffen sich mehr oder weniger zufällig in Erfurt, schreiben
und arbeiten spontan mit Al zusammen. Der Thüringer Maler Gerd Mackensen steuert
seine Werke kostenlos zur Booklet-Gestaltung bei. Alles fließt.
Für Al ist Erfurt "ein sehr inspirierender Ort; vor allem mag ich die vielen
Kirchen." Er wird hoffentlich noch eine Weile hier bleiben, auf seinem Weg, den
er als Künstler stolz und unabhängig geht, getreu seinem Motto: "Es ist nicht
wichtig, was passiert, sondern wie du damit umgehst."
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| Wort und Bild: Andreas Siegmund |
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