Indien

IndienHochschule ohne Pfauenhähne

In vielen Hinsichten fand ich meine Hochschule, die Jawahrlal-Nehru-Universität in Delhi, wo einmal Felsen, Gebirge und Pfauenhähne das Sagen hatten, wie vor einem Jahrzehnt vor: Lerneifer auf dem Campus, ununterbrochene politische Debatten, junge Männer und Frauen, die um Teekioske in ihre heiteren Flirtstrategien verwickelt waren, viel Englisch mit "Thatswhy" und "That-That" und zum Glück auch viel Hindi, die erste Verfassungssprache Indiens.


Doch ich kam nicht umhin, die Veränderungen wahrzunehmen: Auf dem Gebirge wurde viel gebaut. Und die Gebäude schießen weiterhin aus dem Boden: Neue Fakultäten. Neue Wohnheime. Neue Professorenhäuser. Schluss mit den vorhandenen Felsen. Der Dschungel ist radikal geschrumpft. Die Pfauenhähne sind fast vernichtet.
Ja, dieses verwirrende Wachstum geht eindeutig auf Kosten der Felsen und Dornbüsche. Auf dem Campus sehe ich viele Hunde, unheimlich viele Hunde - ausschließlich herrenlos. Sie scheinen die Pfauenhähne, meine Lieblinge, vertrieben zu haben. Laut meinen ehemaligen linken Dozentinnen und Professorinnen, die als "echte, progressivere Inderinnen" diese Wirklichkeit ungern und (vielleicht schmerzhaft) wahrnehmen möchten, gibt es immer noch Pfauenhähne, die nachts an die Haustüren marxistischer Professorinnen klopfen ...
In meiner Zeit jedoch waren die scheuen Vögel allgegenwärtig: In den Büschen, auf den Dächern, vor Studentenwohnheimen. Ja, unzählig wie heute Hunde auf den Straßen.
IndienIch besuchte das Narmada Hostel, meine Liege und Wiege in den Jahren der Abiturzeit. Es war viel grüner geworden, sah gut aus. Die Sprösslinge, die damals gepflanzt wurden, waren zu schönen Bäumen herangewachsen.
Sehr erfrischend fand ich jene Nacht, als die Studenten aus dem Bundesland Andhra Pradesh unter dem Mondlicht auf dem Wohnheimdach eine Bollywood-Oper übten - zwei Dutzend wackelnde Hüften. Als ich den Studenten in Bewegung aufmerksamer zuguckte, wackelten die männlichen Hüftgelenke noch eifriger.
Nachdenklich und schmunzelnd schlenderte ich durch die Campusstraßen. Auf einmal hörte ich den Krach eines Riesenfrachters. Ein kolossaler Traktor nahte rasend ohne ein einziges Licht. Ich hüpfte zur Seite. Verdutzt, verärgert schaute ich den Riesen an. Auf dem Fahrzeug ohne Anhänger saßen ein Dutzend Menschen. "My Goodness!" stöhnte ich. Ich prüfte danach die vorbeifahrenden, anderen Fahrzeuge. Ich fand selten ein Kraftfahrzeug oder ein Motorrad, an denen vorne und hinten Lichter brannten.
Ob die deutschen oder die indischen Studenten mehr Handies besitzen - darüber kann ich keine Auskunft geben. Das betrifft auch die aktuellsten Fabrikate und die dazu gehörenden Accessoires.
IndienMarx-Import ist immer noch modisch. Dass auf dem Campus der allergrößte Dichter und Literat Bertolt Brecht war (und vielleicht immer noch ist), würde die Mehrheit der Studenten aller Fakultäten bestätigen. Der Groschendichter galt Linken als der ästhetische Gott. Die Injektionsampulle, die jeder erhält, beinhaltet Brechts Zitate, Klassenkampf und den Sieg des Proletariats.
Dieses Mal auf meinem Rundgang fand ich wie früher in Hülle und Fülle Zitate der Revolution. Es gab jedoch einen Wandel. Eine Änderung. Einen Paradigmenwechsel. Die aufgehangenen Plakate waren nicht vom Meister Brecht. Sondern von Ché Guavara und Pablo Neruda.
Als Schüler in Indien las ich ein paar Zeilen über Ché, dass er sich der Befreiung Lateinamerikas geopfert hatte. Was mich besonders faszinierte, hatte mit den großen, bunten Plakaten von Ché zu tun. Als ich sie jetzt zum ersten Mal in Indien in beeindruckenden Formaten sah, wanderten meine Blicke zu den T-Shirts deutscher Jugendlicher. Jene kritsch-skeptischen Schüler der wohlhabenden Familien, die das Ungerechte der Welt über Schulbücher, die Fernsehröhre und über ihre unmittelbare Gesellschaft voller Immigranten wahrnehmen. Und sie fühlen sich danach von diesem Wirrwarr belastet. Eine Weile, bis sie mit Alkohol und Drogen in Heavy-Metal, Punk, HipHop … flüchten müssen.

Der in Kassel lebende indische Schriftsteller Anant Kumar (*1969) besucht einmal im Jahr sein Heimatland
 
Wort: Anant Kumar / Bild: Annett Hähne