| Sommer, Sonne, Satte Sounds - Teil 1 |
Der BLITZ!-Wegweiser zu den Konzert- und
Party-Highlights der Saison
19.05. • Erfurt • Thüringenhalle
26.05. • Leipzig • Haus Auensee
Oomph!
Dieser Band ist der Erfolg schon deshalb zu gönnen, weil er so lange auf sich
warten ließ. "Plastik" aus dem Jahr 1999 war
wohl
das Album, mit denen ihnen der Ausbruch aus dem Insider-Käfig gelang. Es war
bereits ihr sechstes. Mit dem Nachfolger "Ego" gingen sie 2001 in die Top 20,
seitdem ist der Erfolg konstant wachsend. Mit dem Erfolg das Interesse der
Journaille und mit diesem die ewig gleiche Frage, warum die Jungs denn wie
Rammstein klingen würden. Es muss bitter gewesen sein für Dero, Flux & Crap, die
drei aus der VW-Stadt Wolfsburg, immer wieder beteuern zu müssen, dass sie die
Erfolgslindemänner aus der Hauptstadt keineswegs kopiert haben. Denn nicht Oomph!
klingen ein bissel wie Rammstein, sondern Rammstein klingen vielleicht ein wenig
wie Oomph! Als letztere 1992 auf ihrem Debüt eine Mischung aus Brachialgitarren,
stampfenden Maschinenrhythmen und treibenden EBM-Beats kreierten, klang das
vielleicht ein wenig nach Laibach. An Rammstein jedenfalls dachte noch keiner.
Als jene Jahre später mit "Herzeleid" debütierten, hatten Oomph! schon drei
Alben am Start. Fairerweise muss man den Berliner Berufsmartialikern zugestehen,
dass sie nie ein Hehl daraus gemacht haben, wer ihre Vorbilder waren. Beiden ist
die Lust am Spiel mit der gezielten Provokation eigen. Wo Rammstein gerne mal
die eine oder andere Debatte zum Thema Ästhetik des Totalitarismus
verkaufsfördernd vom Zaune brechen, gefallen sich Oomph! in anderen Tabubrüchen.
Vom Skandal-Video "Sex" von 1995, das fröhlich kopulierende Rentner zeigt
(damals stand Sex über 50 noch unter Strafe ...) bis zur letzten Single "Gott
ist ein Popstar", die landauf landab von unseren bigotten Massenmedien
boykottiert wurde - Oomph! haben noch immer ein Fettnäpfchen gefunden, in das
sie werbewirksam hineinhüpfen konnten. Jetzt sind sie ganz oben. Wir gönnen's
ihnen!
22.05. • Erfurt • Messehalle
25.05. • Dresden • Alter Schlachthof
US5
Solange es Mädchen gibt, werde ich Boybands schaffen", sagt Lou Pearlman,
Inhaber der Firma TransContinental, die davon lebt, Acts zusammenzucasten,
zu
trainieren und dann auf die kreischende Kundschaft, vor allem Mädchen zwischen
neun und 13, loszulassen. Mit großem Erfolg: Pearlmann hat Bands wie die
Backstreet Boys, N'Sync., O-Town oder Natural an den Start gebracht, die für ihn
über 60 Millionen Alben verkauft haben. So ein bissel ist der Boom ja vorbei,
aber ein gewisser Grundbedarf besteht immer. Bei US5 sind auch zwei makellose
Boys aus Deutschland am Start, der Kölner Schüler Christoph Watrin (18) und der
Mainzer Industriekaufmann Michael Johnson (19). Es ist verbreitet, aber zu
billig, über die zweifellos vorhandene musikalische Totalbeliebigkeit solcher
Ensembles zu lästern: Dies ist schließlich ein dezidiert zielgruppengerichtetes
Kunstprodukt - und wenn das der Zielgruppe schmeckt, ist das okay. Dass
Eingangszitat mag zynisch klingen, doch es steht auf der Homepage der Band. Und
schließlich ist Boy-Group-Dissen ja gefährlich, wer weiß, ob nicht aus einem
dieser Castinghaufen plötzlich wieder ein Robbie Williams rauskommt ...
26.05. • Leipzig • Arena
Carlos Santana
Die unvorstellbaren neun Grammies und der riesenhafte weltweite Wirbel um sein
Album "Supernatural" liegen schon wieder sechs Jahre zurück. Doch für Carlos
Santana ist das keine unüberschaubare Zeitspanne. Seine Karriere
währt
bereits 30 Jahre! Er soll dem Vernehmen nach über 40 Millionen Alben verkauft
haben. Ist das nun Rock, Pop oder Weltmusik? Egal, sein Sound ist einzigartig,
und Santana gehört zu den wenigen Künstlern, die Anerkennung von allen Seiten
genießen. Santana macht da sowieso keine Unterschiede: "Wir sind alle gleich.
Wenn es regnet, wirst du nass, egal, ob du eine Nutte oder der Papst bist."
Einem wie Santana dürfen wir so was glauben.
Geboren ist er im Sommer 1947 irgendwo in Mexiko, sein Vater war Musiker. Mit
fünf, noch vor dem Alphabet, beherrschte der kleine Carlos die Grundlagen der
Musiktheorie. Er übt verbissen erst Geigen und noch intensiver Gitarre, als sich
die Familie im quirligen Grenzstädtchen Tijuana niederlässt. Ein paar Jahre
später ziehen sie nach San Francisco. Hier gründet Carlos, jetzt 19 und schon
ein fast perfekter Gitarrist, die Santana Blues Band. In dem Jungen haben sich
über die Jahre soviel Energie, soviel Ideen, soviel Spielwut angesammelt, dass
hier sofort ein kleiner Vulkan am Brodeln ist, aus dem eine superheiße Fusion
aus Rock, Blues und Afrokubanischem Sound quillt: Die Erfindung des Latin Rock.
Die Band wird schnell bekannt. Ende 1968 haben sie einen legendären Auftritt im
angesagtesten Club der Stadt, dem "Fillmore West", Anfang 1969 nehmen sie das
erste Album auf, im Sommer dieses Jahres stehen sie auf der Bühne des
wichtigsten Festival der Rockgeschichte: Woodstock. Danach geht das Debüt in die
Charts und verkauft sich über zwei Millionen Mal. Auf dem zweiten Album im
Folgejahr finden sich dann Santanas größte Hits, "Samba Pa Ti", "Oye Como Va"
und "Black Magic Woman". Dieses Album wird noch erfolgreicher, geht auf Nummer 1
und verkauft schließlich vier Millionen Exemplare. Carlos Santana ist 23 Jahre
und ein Weltstar. Danach folgt ein wechselvolles Musikerleben. Jeder kennt ihn
und erkennt sein Spiel, die ganz großen Erfolge erreicht er jedoch nicht mehr.
Santana bringt sich selbst nie durch diverse Rock'n'Roll-Exzesse in die
Schlagzeilen, ein unruhevoll Suchender war er höchstens in religiösen Dingen.
Stattdessen hat er sich immer massiv eingesetzt für die sozialen und politischen
Belange Lateinamerikas, hat für den Erdteil, dem er sich zugehörig fühlt,
unzählige Benefizkonzerte gespielt bzw. Gelder eingeworben. Künstlerisch schien
alles gesagt. Bis zum Jahr 1999 und jenem unglaublichen Album namens "Supernatural".
Aktuell auf Tournee ist Santana mit seinem neuesten Werk „All That I Am".
06.06. • Leipzig • Messehalle 1
Eric Clapton
Die Karriere des Mannes, an dem sich die Puristen der verschiedenen Lager
scheiden (entweder ist er zu rockig, zu poppig oder zu blueslastig) gleicht dem
Klischee eines Ur-Bluesers
mit
unzähligen Höhen und Tiefen. Früh bekam er für 14 Pfund von seinen Großeltern
eine akustische Gitarre geschenkt. Wenig später hörte Eric seine erste Elvis-
Scheibe. Es kristallisierte sich aber schnell heraus, dass er die Orginale hören
wollte. "Ich wollte die echte Musik in meinem Leben." Die Roosters wurden seine
erste Band und 1963 sprachen die Yardbirds den jungen Clapton an. Später folgte
die Zeit bei John Mayalls Bluesbreakers, und schließlich gründete E.C. mit Jack
Bruce und Ginger Baker die legendären Cream. Damals sahen sich die Jungs als das
Beste, was die britische Musikszene zu bieten hatte, als Sahnehäubchen, Cream
eben. Die Zeit mit dieser Supergroup dauerte nur zweieinhalb Jahre, bis die im
November 1968 in der Londoner Royal Albert Hall ihre letzten beiden Konzerte gab
und sich auflöste. Jimi Hendrix bezeichnete diesen Tag als den traurigsten in
der Geschichte des Rock'n'Roll, denn dieses Powertrio hatte neue Maßstäbe
gesetzt, gängige Grenzen gesprengt. Clapton verfiel während jener Zeit immer
wieder den verschiedensten Drogen und dem Alkohol. Er, der sich selbst nie als
eine Art Gott ansah, wurde von einer Vielzahl von Fans als solcher verehrt,
durchlebte aus den unterschiedlichsten Gründen unzählige Tiefen wie den Tod
vieler großer Musikerfreunde, Jimi Hendrix, Janis Joplin oder Stevie Ray Vaughn
... Für seinen Freund Jimi hatte er eben eine linkshändige Stratocaster
erstanden, ohne zu ahnen, das er ihm nie mehr begegnen sollte - Hendrix starb am
gleichen Tag. 1990 stand Clapton mit Steve Ray Vaughn auf der Bühne und überließ
dem müden Musiker anschließend den für sich gebuchten Helikopterplatz. Wenig
später stürzte die Maschine ab und Steve war tot. 1991 dann der Tod des Sohnes,
für Eric Clapton brach eine Welt zusammen. Schließlich entsagte der Musiker
allen Exzessen und meinte: "Das verlorene Vermächtnis der alten Blueser wurde im
Laufe der Jahre wieder zu meinem Erbe. Ich wünschte mir nur, ich hätte nicht
einen so hohen Preis für diese Ehrlichkeit zahlen müssen." Im vergangenen Jahr
gelang ihm noch einmal ein Paukenschlag mit der Reunion von Cream für ein
Konzert in der Royal Albert Hall und drei in Übersee.
Auf seiner aktuellen Tour, genannt wie sein letztes Album "Back Home", nimmt er
die Fans mit auf eine Reise vom Delta- zum Big City Blues, immer beseelt vom
Geist seines großen Vorbildes Robert Johnson. Natürlich kommen dabei auch die
Freunde der Grenzbereiche, Reggae, Gospel oder Pop auf ihre Kosten, ganz so wie
wir es bei Clapton lieben.
07.06. • Leipzig • Möritzbastei
Helge Schneider
Das hat er schon immer angedroht: Er könne, so beschwor es die singende
Herrentorte mit dem Katzeklo immer wieder,
auch
richtige Musik machen und er habe vor, das dem Publikum irgendwann zu beweisen.
Niemand war beunruhigt, keiner glaubte ihm. Doch nun ist es soweit. Eine
richtige Jazztour ist angekündigt und gleich im Namen wird gnadenlos
ausgeplaudert, was den fanatischen Comedy-Schneider-Freak erwartet, der sich in
diese Konzerte wagt: "Frozen Smile" heißt das musikalische Ereignis. Klar geht
er damit nicht in die großen Häuser, sondern eher in die intimen Clubs. Er weiß,
dass die Masse über ihn lachen will. Und ganz ohne Klamauk wird es wohl auch
nicht abgehen, wenn das Trio Sonny, Karbouncle & Scott die Bühne entert. Heinz
"Ed" Karbouncle ist der Künstlername von Helge himself. Er liebt die
Hammondorgel und sucht nach dem Spirit des Swingin' London der 1970er, um diesen
in das neue Jahrtausend zu tragen. Sonny Stampanato ist der Drummer und heißt
eigentlich Pete York. Er ist angeblich der Mann mit dem "Frozen Smile".
Tenorsaxofonist Scott Hamilton kommt aus New York. Aber wer weiß das schon so
genau. Alles klar?
09.-17.06.2006 • Halle • diverse Locations
Electric Renaissance
Seit zwei Jahren feiert Halle die Electric Renaissance, ein Festival im Rahmen
der Händelfestspiele.
Über
Musik, Ausstellungen und Diskussionen wird sich dem Werk des Meisters unorthodox
genähert: Mit barocker Kunst und deren ausufernder Klang- und Formenfülle hat
das meiste der Electric-Renaissance-Ästhetik wenig am Hut. Hier entäußert sich
die Moderne, die Avantgarde. Das schließt eine Beziehung zu bzw. einen
künstlerischen Dialog mit Händel ja keineswegs aus, sondern macht ihn vielleicht
erst richtig reizvoll. So wird z.B. im Konzert "händelhören" das Philharmonische
Staatsorchester eine Soundperformance des Schweizers Roland Roos (laut
Orchesterleiter Hans Rotmann der "neue Stockhausen") intonieren. Die
Performancegruppe Gokan aus Berlin wird eine elektronisch unterlegte
Aktions-Collage aus Tanz und Live-Painting aufführen. Die Mitglieder dieser
Gruppe haben sich bereits in einschlägigen Projekten einen Namen gemacht. Und
Prof. Jens Marggraf von der Martin-Luther-Universität Halle wird in seiner
Vorlesung "Was bringt die Oper auf die Bühne?" zu einem vergnüglichen
Rundumschlag zum vielgestaltigen Phänomen Oper ausholen. Das Programm ist
äußerst vielgestaltig - und jeweils ab Mitternacht gibt's den Festivalclub im
Ärztehaus Mitte mit angesagten DJs (
www.electric-renaissance.de).
10.06. • Leipzig • Parkbühne
DSDS on Tour Tobias Regner & Mike Leon Grosch
Deutschland sucht den Superstar" gehört nicht gerade zu den unumstrittenen
Veranstaltungen.
Viele
bezweifeln die künstlerische Berechtigung der gecasteten und gezüchteten Stars -
auch im Popbiz, wo Glanz und Glamour ja oft das Wichtigste sind. Viele verweisen
darauf, dass nahezu alle der frischgekürten Stars nach (teilweise beachtlichen)
Anfangserfolgen nurmehr das kümmerliche Dasein eines One-Hit-Wonders fristen.
Viel zu kurz die Zeit im Rampenlicht, um ein Leben lang davon zehren zu können,
doch viel zu grell das Licht, um wieder ins normale Leben zurück zu finden. Die
Kids kümmern sich um all das didaktische Gelabere indes wenig. Sie lieben ihre
Stars, sie fiebern mit. Sie heulen mit den Ausgeschiedenen, sie glauben an die
Sieger. Und die hießen in der letzten Staffel
Tobias
Regner und Mike Leon Grosch. Tobias' Debütsingle "I Still Burn" schaffte es von
Null auf Eins in den deutschen Charts, seit Anfang Mai gibt es sein erstes Album
"Straight". Mike Leon war der Zweite, seine erste Single ist eben angelaufen.
Praktischerweise haben sich die beiden zur ersten Tour zusammengetan (na,
vermuten wir mal, dass hier das DSDS-Vermarktungsmanagement dahinter steckt). So
können sie sich eine Begleitband teilen und die Kids sehen gleich zwei
Superstars auf einer Bühne! Auch sonst ist der Abend ein Muss: Es ist ja nicht
ganz ausgeschlossen, dass auch diese beiden das Schicksal ihrer
Superstar-Kollegen teilen und nach dem ersten Hype irgendwo in der Versenkung
verschwinden …
17.06. • Gräfenhainichen • Ferropolis
Deep Purple
Totgesagte leben bekanntlich länger. Und diese britischen Urgesteine, die
eigentlichen Erfinder des Heavy-Rock, l eben
nicht nur immer länger, sondern werden seit ein paar Jahren auch wieder stetig
besser. Auch wenn oder wahrscheinlich gerade weil die eigentlich Protagonisten
endgültig ausgestiegen sind: Der Ruhm der Band wurde von dem
spannungsvoll-kreativen Verhältnis der ewigen Streithähne John Lord (Orgel) und
Ritchie Blackmore (Gitarre) getragen. Deren Dauergerangel brachte in den 1970ern
einige der schönsten Songs der Rockgeschichte hervor. Zur Reunion Mitte der 80er
kam mit "Perfect Strangers" und "House Of Blue Light" nochmal richtig Dampf in
das alte Stahlross, dann jedoch ging die Luft ein bissel raus. Und kaum sind die
Protagonisten der ersten Stunden weg, rappelt sich die Band - nunmehr steht die
Legendenstimme Ian Gillan im Mittelpunkt - zu altersweiser Hochform auf: Mit "Rapture
Of The Deep" haben sie 2005 wieder ein Album vorgelegt, das in der Mitte der
80er anknüpfen kann. Noch immer dabei und letztes Gründungsmitglied ist der
begnadete Drummer Ian Paice, am Bass steht mit Roger Glover ebenfalls ein alter
Bekannter.
Er
war gemeinsam mit Gillan Anfang 1970 in die Band gekommen, gemeinsam bildeten
sie drei Jahre die legendäre Mark-II-Besetzung, die die kommerziell
erfolgreichste war und auf deren Konto von "Smoke On The Water" über "Black
Night" bis hin zu "Child in Time" alle ganz großen Purple-Hits gingen. Die
großen alten Zeiten feiern wieder fröhliche Urständ - und bei Ian Gillas Organ
(der Mann ist 60) richtet sich noch immer jedes einzelne Nackenhaar auf!
Support spielt der große alte Schock-Rocker aus Ami-Land: Alice Cooper. Der Mann
brachte mit seiner abgedrehten Show die Kids in den 70er zum Gruseln - und hatte
mit "Poison" und "Hey Stoopid" genau wie Deep Purple in den 80ern ein echtes
Comeback.
29.06. • Dresden • Junge Garde
Tracy Chapman
Es sind da ja immer wieder diese verrückten Zufälle: Tracy Chapmann war 24, als
sie 1988 ihr Debütalbum veröffentlichte.
Leise
Klänge, klassisches Singer/Songwritertum. Material, das seit Bob Dylan irgendwie
völlig aus der Mode war. Und wahrscheinlich hätte sich wirklich kaum jemand für
dieses Album und diese Frau interessiert - wäre da nicht das Konzert zum 70.
Geburtstag von Nelson Mandela gewesen, der damals neben Michael Gorbatschow der
angesehenste Mann auf der Welt war. Irgendeine Band war kurzfristig ausgefallen,
irgendwem fiel der Name der kleinen farbigen Sängerinein, irgendwann stand sie
dann tatsächlich auf der Bühne und forderte trotzig: "Talking 'bout a revolution!"
Millionen Leute haben dieses Konzert gesehen. Das Album schoss weltweit auf
Spitzenplätze, der Nachfolger "Crossraods" ebenso. Bis heute hat sie sieben
Platten gemacht, von denen insgesamt 35 Millionen Einheiten abgesetzt wurden.
Man könnte sich behaglich zurücklehnen mit diesem Polster. Doch Tracy Chapman
will immer noch von der Revolution reden. Sie ist leise und heftig und zornig
und zärtlich und hat wohl schon für alle großen Weltverbesserungsorganisationen
gesungen, von Amnesty International bis Tibetian Freedom, vom Bridge School
Benefit bis zur AIDS Foundation. So ist sie eben. Und so lieben wir sie.
06.07. • Leipzig • Parkbühne
Art Garfunkel
Sie waren eine lange Zeit das Pop-Duo schlechthin. Im Jahr 1957, sie waren beide
um die 16, fanden sich Paul Simon und Art Garfunkel zusammen.
Damals
nannten sie sich sehr originell Tom & Jerry. Der Erfolg kam keineswegs über
Nacht – sie haben acht Jahre hart arbeiten müssen, bis sich die Genialität ihrer
Songs und ihres einzigartigen Sounds durchsetzte. "The Sound Of Silence" war
1965 der erste Hit, es folgte dank des Films "Die Reifeprüfung" die
wunderschöne, lockere Pophymne "Mrs. Robinson". Dann ging es Schlag auf Schlag.
Die Liste der zeitlosen Hits, die längst Aufnahme gefunden haben in den
immerwährenden Kanon der Popkultur ist lang: "The Boxer", "El Condor Pasa",
"Cecilia", "I Am A Rock", "Bridge Over Troubled Water". Letzteres Werk schien
schlicht nicht überbietbar, weshalb sich das Duo Anfang der 70er auch trennte.
Beide machten alleine weiter, durchaus mit Erfolg. 1981 gab es im New Yorker
Central Park ein heute legendäres Reunion-Konzert vor einer halben Million
Zuschauer. Die Reunion selbst war aber nicht von Dauer, schon bei der Produktion
des ersten gemeinsamen Albums nach mehr als zehn Jahren gab es unüberwindliche
Hürden. Das Album ist nie erschienen, die Trennung blieb.
Der heute fast 65jährige Arthur Ira "Art" Garfunkel überzeugte vor allem als
Schauspieler. 1977 gelang ihm mit "Bright Eyes", der Titelmelodie des Filmes "Watership
Down", noch einmal ein absoluter Welthit. Neben seinen Soloalben ist Art
Garfunkel auch immer für spinnerte Ideen bekannt. Im Rahmen seines Projektes "The
Walk" durchwanderte er (in Etappen) bereits den ganzen amerikanischen Kontinent.
Nun ist Europa dran. Man sagt, dass der ältere Herr sich noch wie damals in
seiner verrückten Hippie-Jugend gelegentlich einen Joint schmecken lässt. Der
Bursche hat's also immer noch faustdick hinter den Ohren!
12.07. • Leipzig • Zentralstadion
(Abgesagt)
Rolling Stones
Sie kriegen einfach nicht genug. Aber warum sollen sie auch: Das Publikum tut's
ja auch nicht. In den amerikanischen Stadien haben die Stones schon vor zwei
Jahren ihre neue Monstershow zur "The Bigger Bang"-Tournee, einem Wunderwerk der
Technik, ausprobiert, jetzt kommt das
Ding
auch zu uns nach Europa. Beginnend am 27. Mai in Barcelona werden die Stones
etwa 30 Konzerte auf dem alten Kontinent geben, sieben davon in Deutschland, ein
einziges im Osten.
Das Neue an der Show ist die speziell gefertigte zweite Bühne, die es erlaubt,
dass ein paar Hundert Leute das Konzert de facto auf der Bühne zubringen können.
Für diese Gruppe (wie man wohl in den Genuss eines solchen Tickets kommt?)
dürften die jeweiligen Abende zu den wirklich unvergesslichen im Leben gehören.
Es ging den Stones bei der neuen Show nicht nur um absolute technische
Perfektion, sondern auch darum, dass wirklich alle Gäste einen optimalen
Eindruck mit nach Hause nehmen. Der Nachteil dieser Variante: Die Produktion ist
ausschließlich auf Stadien zugeschnitten, deren Ränge eine optimale Sicht
erlauben. In Leipzig bedeutet das, dass statt des
Circa-80.000-Personen-Platzangebotes der Festwiese lediglich die 45.000 Plätze
des Stadions zur Verfügung stehen. Kein Wunder, dass binnen weniger Stunden am
ersten Vorverkaufstag im Dezember letzten Jahres bereits ein Drittel der Tickets
über die Ladentheke gegangen war. Inzwischen ist die Platzaufteilung noch einmal
optimiert worden, so dass auch in den begehrtesten Bereichen wieder Karten zur
Verfügung stehen. Nicht lange natürlich, das versteht sich ...
Passend dazu wie üblich der kleine Skandal im Vorfeld: Stürzte vor Jahren
unmittelbar vor der Tour Keith Richards alkoholbedingt von der Leiter in seiner
Bibliothek, so fiel er diesmal angeblich nach einer kleinen Party mit Ronnie
Woods vom Baum, als er sich eine Kokosnuss pflücken wollte. Immerhin: Die Sache
klingt glaubhafter als die mit den Büchern. Und auf jeden Fall wird er wohl
rechtzeitig wieder fit sein.
Der Bandname "Rolling Stone" kommt übrigens von dem alten englischen Sprichwort:
"A Rolling Stone Gathers No Moss" - Ein rollender Stein setzt kein Moos an. Wer
hätte gedacht, wie passgenau diese Redewendung dereinst auf die alten Herren
passen würde!
Und Achtung, die Überflieger-Info kurz vor Redaktionsschluss: In Leipzig werden
keine Geringeren als Guns 'n Roses die Show supporten! Hoffentlich zumindest!
Denn seit 1993 haben Axl Rose & Neukollegen - Axl ist der einzige aus der
Erfolgsbesetzung - die meisten Comeback-Shows am Ende doch gecancelt. Na, die
Stones werden schon aufpassen …
15.07. • Leipzig • Festwiese
Depeche Mode
Ganz sicher eine der faszinierendsten Bands der Popgeschichte. V ergöttert
und verdammt. Jungs, die wirklich was Neues geschaffen haben. Sie sind die
vielleicht am meisten kopierte Band überhaupt, sie sind wahrscheinlich der
entscheidende Grund, warum die 1980er nicht schon längst aus der Pophistorie
gestrichen wurden. Sie sind bzw. ihr Sänger Dave Gahan ist auch das lebendigste
Beispiel dafür, dass Erfolg und Reichtum eben nicht automatisch zufrieden und
glücklich machen. (Okay, Nirvanas Kurt Cobain ist auch eines, aber eben kein
lebendiges.) Dave jedenfalls hat sowohl die geöffneten Pulsadern überstanden als
auch den goldenen Schuss - und ist jetzt ein leuchtendes Exempel dafür, wie man
aus den Drogensumpf wieder raus und zu alter Form zurückfindet. Schon für all
das muss man diese Band lieben. Und nebenbei gibt's ja noch die Musik …
16.07. • Leipzig • Parkbühne
Bob Geldof
Die irischen Boomtown Rats waren "Punks With Attitude", Punks mit einem gewissen
Benehmen. Sie hatten was zu sagen, gerade in politischen Dingen. In ihrem auch
heute noch packenden, alles überragendem Hit "I Don't Like Mondays" wird die
wahre Geschichte eines Schulmassakers im kalifornischen San Diego geschildert.
Dort
hatte die 16jährige Brenda Ann Spencer wahllos auf Leute auf ihrem Schulhof
geschossen. Begründung: "I don't Like Mondays".
Irgendwann zu Beginn der 1980er Jahre empfand Bob Geldof das, was er mit seiner
Musik erreichen konnte, als zu wenig. Er wollte mehr tun. Am 13. Juli 1985 ging
im Londoner Wembley-Stadion das "Live Aid"-Konzert über die Bühne. Ein
gigantisches Spektakel unter der Federführung von Mr. Geldof: Superstars wie
Queen, Elton John, Paul McCartney oder Eric Clapton brachten 1,5 Milliarden
Menschen vor die Bildschirme und 150 Millionen Dollar an Spenden. Die Boomtown
Rats gingen an diesem Abend zum letzten Mal gemeinsam auf die Bühne, Bob war in
Zukunft mehr Botschafter der Nächstenliebe als Musiker, 20 Jahre nach Live Aid
gab es "Live 8" im Londoner Hyde Park und gleichzeitig an neun Riesenplätzen auf
vier Kontinenten. Das Megakonzert schlechthin, die Großen waren versammelt. Und
wieder stand Bob Geldof hinter allem.
Als Musiker kennt ihn kaum noch jemand, dafür ist Bob Geldof wahrscheinlich der
einzige (wenn auch ehemalige) Punk, der für den Friedensnobelpreis nominiert
wurde. Den hat er nicht bekommen, dafür wurde er von der britischen Queen
geadelt, was in seinen Kreisen auch nicht gerade häufig vorkommt. Doch egal, ob
das viele noch wahrnehmen oder nicht: Bob macht nach wie vor Musik. Und zwar
keine schlechte! Kürzlich hat er in Deutschland den Echo geholt, wohlgemerkt:
Einen Musikpreis! Den Mann sollte man sich also mal wieder anhören!
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| Wort: F.W.; Karsten Spehr / Bild: P.D. |
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