| Theater Varomodi |
Teufelshaare
und Fischbeinröcke
Jedes Ding hat seinen Namen. Familien. Kinder. Städte. Trucks. Das macht sie
unverwechselbar. Auch Theater, die sind einzigartig. Halle kennt nt, Thalia,
Apron, Theatrale, Kaltstart, Varomodi. Letzteres ein Zusammenschluss von
Studenten und anderen Enthusiasmierten, die Theater machen wollen und machen.
Sie spielen Oper, Komödie, Tragik, Burleske, für Kinder, Senioren, Freunde,
sommers, im Winter und überhaupt.
Die künstlerische Leitung dieser Truppe liegt in den Händen von Anna
Siegmund-Schultze. Die Frau ist bühnenerfahren und voller Ideen. 1995 stieß sie
zum Studententheater und steuerte den Namen Varomodi bei. Und nicht nur das.
Seitdem sehen wir in steter Regelmäßigkeit jährlich drei, vier ihrer
Produktionen. Was in Zeiten knapper (sagen wir leerer) Kulturkassen manches Mal
an Wunder grenzt. Aber natürlich, macht das Engagement aller Beteiligten gar
vieles wett. Sie alle müssen einfach Theater machen. Gut so.
Einer von allen ist Stephan Werschke. Der ist ein Mann vom Bau, mit Helm,
Reißbrett und Gummistiefeln. Als solcher kennt er das Leben - und die Bühne, die
kennt er auch. Stephan war bereits in jungen Jahren vom großen Auftritt
fasziniert und streute den Humor über die "Trothaer Kakteen" (das war ein
Kabarett) ins Pionierleben ein. Schulspeisung und Lehrerfrust, "Millionen für
die Republik" und andere Nachmittage - es gab zu kritisieren und zu lachen gab
es auch. Aus Kabarett wurde Theater, und seitdem gehört ein Gutteil von Stephans
Freizeit der Bühne. "Linie 1" und "Weißes Rössl", selbst singend sahen wir den
Mann. Und so war er auch dabei, als Anna auftrat und der Truppe den Namen gab:
Varomodi.
Wir haben Anna und Stephan und die anderen gesehen in fast allen Häusern der
Stadt, denn Studenten gibt man Heim, nicht Wohnung. Wer würde die Miete zahlen
und wovon? So gab das Thalia Obdach und die Theatrale, manchmal spielen sie in
Schulen und sommers auf der Wiese. Etabliert hat sich die Zusammenarbeit mit den
Händel-Festspielen. Nein, sie scheuen nicht die Herausforderung, und wir sahen
von ihnen nicht nur Mozarts "Zauberflöte", auch "Peter Squenz" und "Judith und
Holofernes". Verstaubte Themen? Mitnichten! Heiner Müller mischten sie mit
Schubert. Dylan Thomas ließen sie hören. Im Bergtheater der Stadt Thale sahen
wir die Varomodisten mit "Ritter Runkel und den Digedags". Ein Hit nicht nur für
die, die einst das "Mosaik" nur unterm Ladentisch bekamen. Eine "Hexenrevue"
ließ man gleich nahebei auf dem Hexentanzplatz folgen. Nein, Berührungsängste
hat die Truppe keine.
Derzeit? Am 1. Juni im Thalia: "Die Gärtnerin aus Liebe". In der Theatrale sahen
wir "Enigma", und wir sehen's hoffentlich bald wieder. Zunächst gibt es dort
erst einmal den "Teufel mit den drei goldenen Haaren" (10. und 11. Juni; großes
Foto). Und neu dazu kommt ein seltenes Stück: "Die Pietisterey im
Fischbeinrocke". Allein der Titel ist schon einzigartig. Man könnte nun meinen,
was soll uns der Schinken (außer dem Titel) von anno 1735 sagen? Aber Liebe,
Betrug und 'ne gute Partie waren nicht nur damals Themen der Zeit. Und so befand
Regisseurin Anna: Das Stück der Louise Adelgunde Victorie (welch Name!) gehört
auf die Bühne! Am 14. Juni ist Premiere. Jene Louise Adelgunde Victorie glaubt
man heute vergessen, dabei war sie Gattin eines Großen: Gottsched. Jener brachte
in Deutschlands triste Bühnenkultur neues Leben. Die Gottschedin tut es noch
heute. Varomodi sei Dank.
Bühnen der Freiwilligkeit bieten natürlich die Möglichkeit des Mittuns. Da
braucht man keine Scheu zu haben, nur unter
www.varomodi.de
nachzuschlagen. Und, logo, bei einer Studentenbühne stehen nicht nur Studenten
auf der Bühne. Stephan ist auch schon lang keiner mehr. Und Pläne haben Anna,
Stephan und die anderen manche: "Warten auf Godot" oder auch "Dantons Tod".
Apropos Titel und Namen: Da haben wir uns unsere Gedanken gemacht, weil Namen
uns schon von Berufs wegen am Herzen liegen. Nach italienischer Lautung bedeutet
varo Stapellauf und modi sind die verschiedenen Arten und Weisen. Insofern
scheint uns die Wahl geglückt, denn was sind Premieren anderes als -
metaphorisch - Stapelläufe? Auch wenn unsere Interpretation nicht stimmen
sollte: Habt immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!
www.varomodi.de
Termine:
"Die Gärtnerin aus Liebe", 1., 2., 12. und 13. Juni, Thalia Theater
"Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", 10. und 11. Juni, Theatrale
"Die Pietisterey im Fischbeinrocke", 14. Juni, Reichardts Garten
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| Wort: Henner Kotte / Bild: Marcus Scholz, C.S.
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