| Dr. Winters Kolumne |
Liebe
Freunde, vor allem jene Schar meiner Patienten, die großes Unrecht daran täten,
mich in Bezug auf den segensreichen Bereich der Verabreichung stark dämpfender
Präparate als knauserig, mickrig oder engherzig zu bezeichnen, vor allem jener,
eine entsetzliche, grauenvolle Heiterkeit ausstrahlende Kreis vollkommen
betäubter Personen bemängelt meinen derzeitigen Hang zu Ausgelassenheit und
Schabernack, mahnt mich zurückzukehren zu gewohnter Ernsthaftigkeit und
Seriosität. Aber ich denke nicht daran. Nicht im Traum würde es mir einfallen,
mich in gewohnt sauertöpfischer Manier ihren absurden Macken zu widmen, ihnen
mit klagender Fistelstimme irreparablen Irrsinn zu attestieren, um anschließend
mit plumpen, abgestumpften Bewegungen mehrere Stapel Einweisungsformulare
auszufüllen. Nicht im Traum und nicht jetzt, unter den sengenden Strahlen der
Frühlingssonne, inmitten des grün blitzenden Blattwerkes und des samten
strömenden Saharawindes. Nein, sollen sie ihre unverhohlene Enttäuschung über
mein derzeitig überschäumendes Temperament in einer der nächsten Gesprächsrunden
thematisieren, ich kann nicht anders, als meinen frisch erwachten Lebensdurst zu
stillen, mich auf Parkbänke zu fläzen, Singvögel auf meinem ausgestreckten
Zeigefinger balancieren zu lassen, mit munter blaffenden Straßenkötern um die
Wette zu laufen oder attraktiven Chemnitzerinnen verheißungsvolle Blicke
zuzuwerfen. Zu meinem größten Bedauern kann ich allerdings nicht behaupten, bei
der letzteren Beschäftigung als ein Bollwerk an Charme und Esprit wahrgenommen
zu werden. Tatsächlich konnte ich bis zum heutigen Tage außer einigen
schmerzhaften Schlägen mit einem Stockschirm nicht die geringste Resonanz
seitens der von mir anvisierten Damen feststellen. Mag sein, dass ich dabei ein
wenig zu ruckartig vorgehe, dass dieses unkontrollierte, mit dem heftigsten
Zwinkern einhergehende Zucken der rechten Gesichtshälfte mitunter als
unvorteilhaft gedeutet wird, dass der Eindruck dominiert, ich würde es in
bestimmter Hinsicht an Geschmeidigkeit und Eleganz fehlen lassen, aber ist das
tatsächlich ein Grund, mich derart vollständig und ausnahmslos zu ignorieren?
Als Mediziner und Gentleman möchte mir eine Bemerkung dazu verkneifen. Auf jeden
Fall sitze ich in den zunehmend lauer werdenden Nächten noch immer allein auf
meinem Balkon vor der spektakulären Lichtkulisse unserer Stadt, polke Holzwürmer
aus den Gartenstühlen, kratze mich am Knie oder vergnüge mich mit einem
Spielchen, das auch einem Solisten und Alleinstehenden Entspannung und Spaß
bereiten kann. Es handelt sich dabei um ein Frage-und-AntwortSpiel, bei dem
sowohl die Fragen als auch die Antworten vorgegeben sind und durch tüchtiges
Mischen in immer neuen Konstellationen Anlass zu Lachorgien ohnegleichen bieten.
So kann es geschehen, dass auf die schon ihrerseits überaus lustige Frage:
"Kannst du einen Vogel von einem Schwein unterscheiden?", entsprechend der
vorliegenden Karte mit dem Satz: "Nein, aber ich habe einen Kopf wie ein Sieb!",
einem Ausbund an Komik und Witz, geantwortet werden muss. Und das Gagfeuerwerk
geht weiter: "Kannst du mit den Zähnen knirschen?" - "Du denkst wohl, ich mache
es wie du?", oder: "Lebst du hinter dem Mond?" - "Frag mich lieber nicht!",
etc., etc. ... Laute Brülle ausstoßend wälze ich mich solange lachend über den
Kunstrasen meines Balkons, bis es an der Tür Sturm klingelt, und erneut eine
Person weiblichen Geschlechts ihren Stockschirm schwingend mir eine Lektion zu
erteilen müssen glaubt.
Nichtsdestotrotz bin ich der festen Ansicht, dass diese Methode der Konversation
in den Medien Einzug halten sollte. Vor allem Polittalkshows würden auf diese
Art und Weise einen wesentlich größeren Unterhaltungswert bieten, und die
Antworten hätten zumindest einen Anschein von Ehrlichkeit und Substanz. Wie auch
immer. Euch einen größeren Erfolgsquotienten als den mir beschiedenen bei der
Wahl Eurer Partner wünschend, verbleibe ich bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Parker-Schneider-Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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