| Drei Monate statt ein Jahr |
Als
Au-Pair in Paris
Doro hat lange darauf gewartet. Jetzt ist es soweit: Ab nach Paris! Und
diesmal nicht mit dem Bus für eine Woche, sondern ein ganzes Jahr, und zwar als
Au-Pair-Mädchen bei einer Pariser Familie. Dass aus dem Jahr schließlich doch
nur drei Monate werden, konnte die Erfurterin nicht ahnen. Paris hin oder her:
Aus Liebe zu einer Stadt darf man sich auch nicht alles gefallen lassen.
Die Glocken der Kirche St. Germain läuten sieben Uhr. Doro streckt sich und
schaut um sich herum. Sie ist nicht in ihrem Bett in Erfurt, sondern in dem
niedlichen Zimmer einer Pariser Dachwohnung. Ihre Füße gucken unter der Decke
hervor! Die Franzosen sind nun mal kleiner als die Deutschen, denkt sie sich und
springt auf. Heute ist ein schöner Tag, ihr erster als Au-Pair in Paris.
Die
französisch-amerikanische Familie, in der sie gelandet ist, macht einen sehr
guten Eindruck. Er ist Schriftsteller, sie arbeitet bei der Bank. Dem 14jährigen
Nicolas wird Doro nur bei seinen Hausaufgaben helfen müssen - ihre eigentliche
Aufgabe ist es, auf den sechsjährigen Justin aufzupassen.
Doch Justin hat keine Lust auf ein Au-Pair-Mädchen und vor allem nicht auf eins,
das kein Französisch kann. "Kannst Du nicht ordentlich reden?", fragt er immer
wieder, um Doro zu kränken. Die Erfurterin lässt sich nicht aus der Fassung
bringen. Auch nicht, wenn der Junge sein Müsli in die Küche schmeißt, weil er es
nicht aufessen will. "Dass das Kind so verzogen und verwöhnt war, war eine
Sache, aber im Grunde musste ich als Au-Pair-Mädchen damit klar kommen, denn es
war mein Job, auf ihn aufzupassen", reflektiert sie im Nachhinein.
Dass Doro jeden Tag die Wohnung putzen musste, alle Betten machte und das Essen
für die ganze Familie vorbereite, ging allerdings über ihr eigentliches
Aufgabenfeld hinaus.
"Ich
war nicht das Au-Pair-Mädchen, sondern das Mädchen für alles", schätzt Doro
heute ein. Auch den Hund der Familie musste sie jeden morgen Gassi führen. Und
wenn irgendetwas nicht korrekt gemacht worden war, bekam sie von Madame was zu
hören. Ganz schnell wurde das Leben in der schönen Wohnung in Saint-Germain zur
Hölle. Justin war unmöglich, Nicolas ignorierte sie, der Vater versank in seinen
Büchern und die Mutter benahm sich garstig. Doro hielt durch. Sie hatte ja
Paris, nutzte jede freie Minute, um die Stadt zu erkunden. Die touristischen
Sehenswürdigkeiten interessierten sie dabei weniger. "Ich bin immer stundenlang
durch die Stadt gelaufen. Als ich müde war, habe ich mich auf eine Bank gesetzt
und die Passanten beobachtet", erinnert sich Doro. Den Jardin du Luxembourg, in
den sie auch mit Justin nach der Schule ging, findet sie wunderschön. An den
Mittwochen schauten sie sich manchmal Puppentheater an. Mittwochs gibt es ja in
Frankreich keine Schule.
Einmal
läuft ihr bei einem Parkbesuch der Hund der Familie weg. "Ich habe gedacht, ich
sterbe aus Stress: Was wird Madame bloß sagen?! Gott sei dank wartete das Vieh
vor der Tür, als wir nach Hause kamen." Bald versteht die Erfurterin, dass, wenn
sie nicht wie der Hund bald abhaut, einen Hass auf die Stadt der Liebe
entwickeln wird. "Und das wollte ich auf keinen Fall", sagt sie. Nach drei
Monaten hängt sie ihre Schürze an den Nagel. "Kein Justin und keine launische
Madame wird mir mein Paris verderben", sagt sie sich und kehrt nach Erfurt
zurück. Die richtige Entscheidung.
Seitdem war Doro fast jedes Jahr wieder in Paris. Sie wird es nicht leid, die
Straßen hoch und runter zu laufen und den kleinen Markt in der Rue de Buci zu
besuchen. Am liebsten aber sitzt sie auf einer Terrasse, bestellt einen Café
Crême und schaut den Passanten zu. Mittlerweile spricht sie ganz passabel
französisch.
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| Wort: Mélanie Voisin / Bild: Sabrina Frauenberger,
Mélanie Voisin |
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