| Kudernatschs Kolumne |
Ach, so flach!
Hurra, endlich sind die Fernseher so flach wie das Programm. Fast in jedem Café in Erfurt hängt plötzlich eine Plasmatafel an der Wand. Guckt weg!
Angeblich überlebt niemand die Fußball-WM, der keinen LCD- oder Plasmabildschirm hat. Nur mit so einem Flimmertablett an der Tapete sieht man das Spielfeld komplett, denken ganze Landkreise. Wie das? Die böse-böse Industrie klackert mit den geldgeilen Krallen und weckt solch flache Bedürfnisse.
Überall hängt sie Flachbildschirme auf. Reisebüros, Szenecafés, Bahnhöfe, Hotelhallen - sie alle werden günstig oder gratis abgeflacht, auf dass jeder Hörni und jede Hörnine sieht: "Ach, gugge ma, die haben jetzt auch so ein Gerät. Und wenn das hier so rumhängt und nicht bei denen zu Hause, dann
kann das nicht so teuer sein."
Schon zappeln sie in der Umklammerung der Flachzange und traben los und kaufen sich - finanziert über Jahrzehnte - ein solches Teil, das HD-ready ist, obwohl es überhaupt gar kein HD gibt, für das man ready sein muss. HD, mein Schatz, ich scheide! Wie singt meine Lieblingsgruppe Die Pest darüber?
"Und komm' ich in die Hölle/ dann weiß ich ganz genau/ was sie dort fleißig bauen/ das HDTV".
Nun, es klingt schön nach Zukunft - wie auch der Rest. Denn mit absurden Angaben überzeugt der Fachverkäufer den Flachkäufer endgültig, ein Schnäppchen zu ergattern: Das neue Gerät kann 8,6 Milliarden Farben darstellen - wahrscheinlich haben Saturn- und Mediamarktpraktikanten die zählen müssen - es
hat PLL-Tuning, CVBS-Ein- und Ausgang, WXGA-Auflösung, Super Pixel Hoch 2 Plus, einen eingebauten DVI-VGA-Adapter, ist crystal clear und obendrein mit Virtual Sound ausgestattet (ja, gab's denn keinen echten?). Keine Ahnung, was das alles bedeutet. Auch die Verkäufer rattern das nur so runter, die
wollen ja verkaufen und sich nicht als alliierte Enigma-Dechiffrier-Experten beweisen.
Fragt man im Erfurter Anger das Fachpersonal im Großmarkt: "Können Sie mir bitte diesen Fernseher hier erklären?" - dann erhält man, bevor das Schildchen mit den ominösen Details abgelesen wird, die auswendig gelernte Auskunft: "Dieses Markengerät ist 90 Zentimeter breit und wiegt nur 20 Kilo." Ja,
will man das Teil jetzt als platten Hingucker durch die City buckeln oder damit fernsehen?
Nebendran oder besser nebendrunter wartet ein Edel-Schlaumeier-Laden auf. Auf die Frage, ob der schaugestellte Flachmann einen Lüfter hat, kommt hier die Antwort: "Ach, da müsste ich jetzt aber mal nachschauen", nur bleibt die Nachschau im Konjunktiv. Edel und Quark, schade!
Wo ist das gute, alte Fernsehgeschäft, in dem es immer so geheimnisvoll knisterte und wo dem Fachmann durch die fiese Strahlung ganztägig die Haare zu Berge standen? Sind sie alle Handy-Läden oder vietnamesische Kleidergeschäfte geworden? So ganz ohne onkelhafte Beratung rate ich: "Ob Plasma oder
LCD - das lass' ma und sag besser: Nee!"
Wie schön waren die Tage, als Plasma nur die Suppe in der Zelle war, und LCD allenfalls LED hieß. Das waren lustige blinkende Lämpchen, die es im Tacho eines der letzten Wartburgs gab, nämlich als Kraftstoffmomentanverbrauchsanzeige, auch "Mäusekino" genannt. Damals guckten wir alle in die Röhre -
oder aus dem Fenster, wenn man in Dresden wohnte.
Termine
Kudernatsch liest Kudernatsch
17.03. Leipzig, Fleischerei Lasch
25.03. Erfurt, Schotte (Kurzauftritt)
30.03. Halle, Kiebitzensteiner
www.kudi.de
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| Wort: Kudernatsch / Bild: ELC |
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