| Unterwegs mit der Khersones |
Auf einem Dinosaurier der Weltmeere
Landratte bleibt ja angeblich Landratte - obwohl sich der Sachse nur schwer der Faszination von Mecklenburgs Küsten entziehen kann. Wenn an der Warnemünder Mole wuchtige Fährschiffe gen Südschweden vorbeiziehen, überdenkt der hartgesottene Dresdner seine Herkunft. Schwärmerisch erinnert er sich der
in der Kinderzeit verschlungenen Romane von Seeräubern oder Entdeckungsreisen. Doch das waren ja ganz andere Zeiten, als abenteuerlustige Männer ihre Seelen dem Teufel verschrieben und auf Windjammern die Weltmeere querten …
Was uns nicht tötet, macht uns stark! Dieser Piraten-Leitspruch könnte als Motto des Dreimasters Khersones gelten. Ein unscheinbares Schild an der Kapitänsbrücke wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte: "Gebaut im Jahr 1989 auf der Leninwerft Danzig für die Sowjetunion". Während der Kiellegung an
der Wiege der polnischen Solidarnocz-Bewegung stürzten die osteuropäischen Regierungen nach dem Dominoprinzip in sich zusammen, ging Lenins Weltrevolution von 1917 unter. Das weitere Schicksal des Schiffes war düster vorgezeichnet: Die Sowjetunion war finanziell am Ende. Der Aufbruch zur
Jungfernfahrt in die Nordsee drohte zum letzten Törn der Khersones werden.
Doch im Jahr 1989 tickten die Uhren anders. Bürgerliche Kreise Westeuropas erlagen in einer Art von Gorbatschow-Mania der Aura des Führers der untergehenden Sowjetunion. Da legte also die Khersones am Kai des wohlhabenden Hamburgs an: Der stolze Segler misst vom Heck bis zum Bugspriet 109 Meter.
Der Rumpf des Schiffes fasst eine Mannschaft von 200 Personen. Rund 50 Meter erheben sich Fock-, Groß- und Kreuzmast über dem Meeresspiegel. Eine Gruppe hanseatischer Segelfanatiker entdeckte das todgeweihte Schiff für sich. Guter Wille machte die Khersones zum erfolgreichen Einzelfall unter den
zahllosen Joint-Ventures zwischen West und Ost. Seit 1989 durchlaufen jeweils 70 Kadetten des Marinetechnischen Instituts Kerch auf der Krim eine mehrmonatige Grundausbildung auf dem Großsegler zum Offizier. Die 40köpfige Crew unter dem alten Seebären Michail Suchina gibt den jungen Studenten den
entsprechenden Schliff. Eine Kadettenausbildung ist auch heute kein Zuckerschlecken.
Bis hierhin mag die Khersones als eines der wenigen noch existierenden Segelschulschiffe gelten. Einmalig ist der konsequente Ausbau der Hälfte der Kajüten für mitreisende zahlende Gäste. Abseits des Massentourismus eröffnet sich den
so genannten Trainees die sonst bestenfalls im Film gebotene
Gelegenheit, den aufregenden Alltag an Bord eines Großseglers zu leben. Erst das Entgelt für die Mitfahrt sowie Spenden des Hamburger Freundeskreises Inmaris ermöglichen den Fortbestand der Khersones.
Das Segelschiff besitzt drei Brücken - so etwas gibt es kein zweites Mal auf den Weltmeeren. Die größte liegt am Heck und dient Kapitän Suchina. Direkt darunter befindet sich eine voll ausgestattete Brücke für die Ausbildung der Kadetten. Schließlich können die mitreisenden Trainees im Vorschiff mit
Hilfe nautischer Instrumente und Seekarten den Kurs der Khersones verfolgen.
Auf dem Hauptdeck im Cape Horn Corner hängt eine dieser Karten unter Glas. Sie erinnert an die Umrundung der sturmumtosten Südspitze Amerikas im Januar 1997. 320 Tage Sturm, Nebel und Regen im Jahr machen die Passage zum gefährlichsten Seeweg auf Erden. 16.000 Seeleute fanden vor Feuerland das Grab.
Binnen drei Stunden wechselt hier die Witterung von Windflaute auf Orkan. Wie eine Nussschale drückte der Sturm die Khersones soweit zur Seite, dass die Rah in den Ozean tunkte. Scharfe Böen zerfetzten ihre Segel. Dann plötzlich, unmittelbar vor Kap Horn, riss der Himmel auf: Ein "doppeltes
Zarentor", also ein zweifacher Regenbogen, erschien. Da schossen selbst den hartgesottenen ukrainischen Seebären Tränen in die Augen. Schließlich bestätigten in Buenos Aires die mitgereisten Schiedsrichter vor laufenden Fernsehkameras: Allein mit Windkraft führte Kapitän Suchina die Khersones um die
Südspitze Amerikas. Das war seit 1949 keinem Segelschiff gelungen …
Rustem, ein 20jähriger Krimtatar, durchläuft den zweiten Teil seiner Kadettenausbildung auf der Khersones. Nach Abschluss der fünfjährigen Ausbildung zieht es ihn auf die Weltmeere. Sein Traum wäre der Dienst auf einem russischen Schiff, wo er seiner Qualifikation entsprechend in eine
Offizierslaufbahn einsteigen könnte. Die ukrainische Kadettenausbildung ist inzwischen weltweit anerkannt. Doch auf einem westeuropäischen Frachter müsste Rustem wegen der Sprachbarriere als Matrose einsteigen. Die Flotte der Ukraine liegt nach 15 Jahren Misswirtschaft am Boden. Und das im wahrsten
Sinne des Wortes - als voll gelaufener Schrott in den Schwarzmeerhäfen. Steinern wird die Miene des 20jährigen, spricht er von der Regierung in Kiew. Die vielgerühmte Orangene Revolution habe nichts geändert, nur der Clan habe gewechselt.
2006 lichtet die Khersones Mitte April in Kerch die Anker zu ihrer Rundreise um den Kontinent. Als Stationen sind Lissabon, London, Warnemünde und Petersburg hervorzuheben. Besonders aufregend verspricht der Törn von Malta nach Tripolis und zurück Anfang Mai zu werden. Libyen öffnet sich jetzt nach
Jahrzehnten der Isolation wieder dem Westen. Die römischen Ruinen in Tripolis sind Weltkulturerbe, als Wahrzeichen der Stadt gilt die Rote Burg. Bei einem dreitägigen Landgang erlebt Ihr aber auch die weitgehend traditionellen Märkte und libyschen Dörfer.
Je nach Geldbeutel und Abenteuersinn kostet die Libyen-Reise in einer Vierbettkabine 831 Euro, zu zweit sind 1.111 Euro zu berappen. Die Kadettenkabine bietet elf Personen nicht gerade den Luxus einer Kreuzfahrtsuite. Der Stauraum ist begrenzt, Bad und Toilette liegen über dem Gang. Dafür fangt Ihr
hier etwas von dem Feeling einer klassischen Seefahrt ein. Immerhin bieten auch diese Kabinen durch Bullaugen den Blick nach außen und sind klimatisiert. Moderat auch die Preise: Inklusive einer rustikalen, eher russischen Vollpension kostet die Rundreise nur 691 Euro (Informationen:info@inmaris.de). Die Anreise wird bei Bedarf vom Veranstalter organisiert, ist jedoch zusätzlich zu bezahlen.
Kontakte zur Besatzung und zu den Kadetten der Khersones sind nach Bekunden von Inmaris von beiden Seiten erwünscht. An Bord übernimmt die charmante blonde Verbindungsoffizierin Tanja Alpatrova die Rolle des Mittlers. Russische Sprachkenntnisse sind natürlich von Vorteil. Bestenfalls ein Drittel der
Kadetten spricht Englisch. Doch auch mit Russisch ist der Zugang zu der Besatzung in der Praxis sehr schwer. Das mag an einer gewissen Verschlossenheit der slawischen Volksseele liegen. Schwerer aber wiegt die eigenartige Position des zahlenden ausländischen Trainees, der für den Kadetten als
unterstem Glied in der straffen Hierarchie eines Ausbildungsschiffes mehr oder minder von einem anderen Stern kommt.
Draußen peitscht Windstärke 8 das Mittelmeer auf. Kapitän Suchina erläutert uns seelenruhig, wie er in den nächsten Stunden gegen den Sturm kreuzen wird. Das Auditorium liegt an der Spitze des Schiffes: Wellenberge reißen den Bug des Großseglers wie ein Spielzeug nach oben, der Sekunden später in
die Tiefe stürzt. Mein Magen findet das gar nicht so nett. Es ist so ziemlich das erste, was Ihr an Bord lernt: "Habt Ihr den Fischen was zu opfern, dann nur von der windabgewandten Seite!" Die nennt sich an Bord Lee und es erfordert im Moment einige körperliche und geistige Anspannung, sich auch
noch mit der Windrichtung zu beschäftigen ...
Stunden später liegt das Meer ruhig da, die Pläne des Käpt'n, dem Wind ein Schnippchen zu schlagen, sind wieder einmal aufgegangen. Die blutjungen Kadetten haben die Segel gesetzt, es gibt hier 26 davon. Das macht eine Segelfläche von 2.771 Quadratmetern.
Es ist nicht jedermanns Sache, doch nach gründlicher Einweisung durch den früheren Offizier der Volksmarine, Matthias Kieke, lege ich mir eine Art Geschirr an und steige ihm nach in das Rigg. Ich höre, unter all den herumhängenden Tauen ist zwischen laufendem und stehendem Gut zu unterscheiden.
Immer enger führen die in einer Art Strickleiter gebundenen Seile bis zum Top. Von oben genieße ich den Ausblick meines Lebens. Der Wind streicht mir um die Ohren, das Herz schlägt bis zum Hals. 50 Meter unter mir ziehen Delphine ihre Bahn. Kadetten rennen wie auf einem Ameisenhaufen über Bord.
Langsam und vorsichtig steige ich Schlinge für Schlinge nach unten. Hatte ich mir die Seefahrerromantik in den Romanen meiner Kinderzeit eigentlich so vorgestellt?
www.inmaris.de
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| Wort und Bild: Uwe Schieferdecker |
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