Ulrich Mühe

Ulrich MüheDas Leben der Anderen

Ein verklemmt wirkender Mann, einer von der Sorte, denen lieber keiner näher kommen soll, einer mit hochgezogenen Schultern und Augen, die nichts sagen - dieses Bild begleitet den Zuschauer über fast anderthalb Stunden. Den Mann spielt Ulrich Mühe, und er spielt ihn sehr bewusst und vor allem gekonnt so. Der Mann ist ein Stasi-Offizier, einer, der sich als Schild und Schwert der Partei versteht und aus Überzeugung handelt. Er weiß, wie man Staatsfeinde zum Reden bringt. Darauf ist er stolz. Das ist sein Leben und eigentlich auch nur das. Langsam, ganz langsam geht ein Wandel in diesem Mann vor sich, und den stellt Ulrich Mühe so überzeugend dar, dass er schon vor dem auf den 23. März festgelegten Filmstart den Bayrischen Filmpreis für seine Leistung in "Das Leben der Anderen" erhielt.


Der Schauspieler lässt den Zuschauern streckenweise das Blut in den Adern gefrieren. Er schafft es, mit wenigen Gesten und Blicken alles zu zeigen. "Ulrich Mühe verkörpert Stasi-Hauptmann Wiesler, einen Technokraten der politischen Unterdrückung, mit so eisiger Präzision, dass es fast unerträglich ist", heißt es in der Jurybegründung für den Bayrischen Filmpreis. Und Das Leben der Anderenweiter: "Weder in den Verhörszenen, noch in den langen Abhörsequenzen scheint ihn eine menschliche Regung zu erreichen. Er sitzt wie versteinert vor seiner Lauschanlage, den Blick nach innen gerichtet. Es gehört zu den großen Momenten des Films, den Zuschauer an der zögernd einsetzenden Veränderung und den wachsenden Zweifeln des Abhöroffiziers teilnehmen zu lassen. 'Das Leben der Anderen' geht an ihm nicht spurlos vorbei, er beginnt, gegen seine Prinzipien zu handeln und trifft schließlich eine folgenschwere Entscheidung. Ohne große Gesten oder große Worte gelingt es Ulrich Mühe, diesen Prozess des Aufbruchs durch seine eindringliche Darstellung glaubhaft zu machen."
Lange hat Ulrich Mühe gezögert und soweit bekannt ist, wollte er in keinem Film mitwirken, der sich mit dieser Problematik beschäftigt, aber seine gestandene Agentin Erna Baumbauer war so überzeugt von diesem Buch, dass sie ihm - und Das Leben der Anderenauch "ihren" Künstlern Ulrich Tukur und Sebastian Koch - zu diesem Projekt riet. Baumbauer, die alle Bücher, die man ihr schickt, sehr genau liest, rief nach dem Lesen den Autor an und sagte: "Ich habe geweint." Und sie tat von da an alles, dieses ehrgeizige Projekt eines jungen Mannes zu unterstützen. "Das Leben der Anderen" ist das Spielfilmdebüt von Florian Henckel von Donnersmarck. Henckel von Donnersmarck hat auch das Drehbuch geschrieben, nachdem er über Jahre recherchiert und mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat - Tätern wie Opfern. Ein erstaunliches Debüt! Ein stimmiges, emotionales und zugleich die Hoffnung verbreitendes, dass Menschen lernfähig sind.
Besondere Stärken dieses Films sind die differenzierten Sichten und unterschiedlichen Charaktere, die zusammengeführt werden. Da sind der Scharfmacher, der Machtmissbrauchende, der blind Gehorchende genauso vertreten wie der Erpressbare und der Standhafte. Wie wurde man erpressbar, wie wurde man vom überzeugten DDR-Bürger zum Nachdenklichen, der das erstarrte System zu ändern versuchte? So hat das noch keiner auf die Leinwand gebracht. Das ist keine der DDR-Komödien, die sicherlich ebenso ihre Zeit hatten und ihre Berechtigung. Was uns lange fehlte aber, war ein solcher Film, der ein Land zeigt mit Menschen, die lebten, liebten, zu ihrem Land standen, an ihm zerbrachen oder zum aktiven Widerstand kamen. Nein, dieser Film ist keiner der undifferenzierten Schwarzweißstreifen, die die verbohrten Typen hier und die Widerständler da zeigen - ohne eine Chance auf Charakterentwicklung.
Das Leben der Anderen"Das Leben der Anderen" ist in der Mitte der 80er Jahre angesiedelt, als sich Glasnost und Perestroika anbahnten, Gorbatschow auf Andropow folgte, in der DDR viel diskutiert und kritisiert wurde. Änderungen wurden angedacht und erste zaghafte Widerstandsbewegungen begannen, sich in größerem Maße breitzumachen. In dieser Zeit nun soll Stasi-Offizier Wiesler einem angeblichen Staatsfeind, einem verdienten Künstler des Volkes, dem Dramatiker Dreymann (Sebastian Koch), nachweisen, dass er gegen den sozialistischen Staat arbeitet. Nur, der Delinquent fühlt sich wohl in der DDR, findet sie das schönste Land der Welt. Nichts anderes erfährt Wiesler da oben auf dem Dachboden, wo er alles hört, was in der inzwischen total verwanzten Wohnung von Dreymann passiert.
Was Wiesler allerdings mitbekommt: Offensichtlich soll er dem Autoren etwas nachweisen, weil der Kulturminister scharf ist auf dessen Freundin, die bekannte Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck). Das Leben der AnderenDer Nebenbuhler soll aus dem Weg geschafft werden. Darum geht es! Und noch etwas anderes entdeckt der einsame Mann auf dem Dachboden: Die da unten leben, da ist Kultur, da sind Musik, Literatur und intensive Gespräche. Und er? Abends oder morgens, wenn Wiesler in seine triste Neubauwohnung kommt, ist einfach nur Leere und Kälte. Wiesler beginnt nachzudenken und das Liebespaar zu beschützen, nicht ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Eine gleich bleibend spannende Geschichte.
Die Schauspielagentin Erna Baumbauer hat nach dem Drehbuchlesen geweint. Viele derjenigen, die den Film bereits gesehen haben, hatten ebenfalls Tränen im Gesicht, als sie aus dem Kino kamen. Dieser Film bewegt, und dieser Film braucht das große Format. Denn spannender kann man Geschichte filmisch nicht darstellen. Das ist wahrlich kein auf die Leinwand gebrachter Fernsehfilm. Man darf gespannt sein, was nach diesem hervorragenden Debüt noch kommt von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck.
Regisseur und Darsteller werden übrigens auch im BLITZ!-Gebiet unterwegs sein und im Anschluss an die Vorführungen mit den Zuschauern ins Gespräch kommen. Möglich ist das am 17. März zuerst in Chemnitz und am Abend in Dresden, am 18. März spätnachmittags in Zwickau und abends in Leipzig, am 19. bei einer Matinee in Naumburg, am späten Nachmittag in Weimar und abends in Erfurt.
 
Wort: Carola Kinzel / Bild: Buena Vista International