Räuberische Erpressung im Thalia

ThaliaUnwucht an Text

Raub und Mord, gar Vatermord, Bruderzwist, Verrat, Scheintod, Selbstmord, ewige Liebe - eigentlich ist alles drin im Klassiker "Die Räuber". Das Stück begegnet uns nach Schillerjahr und endloser Huldigung an den Autoren jetzt im Thalia. Denn Schiller, Rebell gegen Moral und Elternhaus, streitet für Ideale und muss uns auch heute begeistern.


Ganz oder gar nicht, meint Regisseurin Annegret Hahn, setzt uns die Pistole auf die Brust und knallt den vollen Text auf die Bretter. Wir heben ob der Erpressung die Hände, sind erschrocken und glauben es nicht: Ist denn dies "schlappe Kastratenjahrhundert zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen"?
"Ich schreibe einen dramatischen Roman und kein theatralisches Drama", kündigte Friedrich Schiller schon an. Und so ist denn sein Erstling weniger Geschehen denn lange Rede. Sicher, anno 1782 war der Schrecken der feinen Gesellschaft sehr groß, solch Kritik und Schauermär auf der Bühne zu sehen. Wir im Heute sind diese Undramatik gar nicht gewöhnt und sitzen verdutzt in der Reihe: Was wollte uns der Dichter damit sagen? Was erzählen die denn da? Regisseure suchten und fanden Zeitbezüge von Revolution bis Heldentod und hielten das Stück 225 Jahre präsent. Hätten sie's uns so gegeben wie das Thalia, wären "Die Räuber" längst vergessen. Denn in Halle wird aus dem Drama ein Rezitationswettbewerb. Worte, Worte und Worte verzichten gänzlich aufs dramatische Geschehen. Keine Handlung, keine Wandlung - nur eine Haltung und Worte, Worte und Worte. Das kann Theater heute nicht sein, zumal wenn Kinder- und Jugendtheater hinterm Namen steht. Ich bedaure die Kids, die ins Drama gezwungen werden. Aber das Kind von heute, das zieht nach 20 Minuten die Konsequenz und geht. Lehrer müssen sitzen bleiben. Die Schauspieler müssen spielen. Herzliches Beileid.
Dabei sind durchaus Ansätze lustvollen Spieles bemerkbar. Das Bühnenbild ist keins - doch der Comicstift Karsten Schwenzfeiers zauberte Atmosphäre, manch liebenswerten Hingucker und gibt so den Spielern Möglichkeiten. Davon könnte sich das Ensemble inspirieren lassen. Auch musikalisch gibt es heftige Metal-Töne. Warum nur, warum blieben dies Glanzpunkte, die mit der Inszenierung kaum was zu tun zu haben? Ja, wir würdigen die Gedächtnisleistungen aller Akteure, so viel und alter Text will im Kopf behalten sein. Nein, wir empfehlen "Die Räuber" im Thalia nicht, sie sind besser (und schneller) gelesen.
 
Wort: Henner Kotte / Bild: Gert Kiermeyer