Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,

die Neueröffnung des Pablo-Neruda-Clubs, der in den sagenumwobenen Zeiten, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß, als Club der Intelligenz bekannt war, und in dem ich als ganz junger Mensch einem Vortrag über Richard Claydermann beiwohnen durfte, in welchem, neben ausgesuchten, die Werte des Kommunismus und der Weltrevolution berücksichtigenden Tonbeispielen, auch persönliche Marginalien, wie die Tatsache, dass Claydermann von seiner Mutter "Fifi" genannt wurde, zur Sprache gekommen sind, machte mir auf's Schmerzlichste bewusst, dass es einen solchen Hort ausgesucht intelligenter Veranstaltungen in Chemnitz nicht mehr gibt. Um diesem Umstand abzuhelfen, halte ich es für dringend erforderlich, in dieser Stadt einen Herrenclub zu gründen. Tatsächlich besteht einer meiner sehnlichsten, bis zum heutigen Tage unerfüllten Wünsche darin, ein angesehenes Mitglied eines KolumneHerrenclubs zu sein, eine wunderliche Koryphäe mit Backenbart und Monokel, mit Howard-Hughes-Fingernägeln und der Behaarung eines frisch gezähmten Troglodytes, eine endlosen Anlass zu Anekdoten und Legenden gebende, Bonmots und Apercus versprühende, das Stadtbild bereichernde Gestalt, von der niemand zu sagen weiß, ob ihre Fasziniation von geistiger Helligkeit oder Umnachtung herrührt. Tagtäglich sehne ich mich danach, gemessenen Schrittes einen Spazierstock schwingend, gegen 17 Uhr das gewaltige Portal des nach Möglichkeit 400jährigen, unter gar keinen Umständen an der Straße der Nationen oder im Ortsteil Kappel gelegenen Herrenhauses zu durchschreiten, mit einer schwungvollen Geste dem Butler Hut und Mantel zu übergeben, und mich im Salon in einen weitausladenden, lederbezogenen Ohrensessel zu werfen, wo ich mir erlaube, mit den wunderlichsten Gebärden und verschrobensten Ansichten aufzuwarten, da ein solches Benehmen in den Clubstatuten als wünschenswert und notwendig festgelegt wurde. Noch die unscheinbarste Marote würde ich kultivieren, niemals meine Rechnungen bezahlen, mich selbst mit der allergrößten Nachsicht, jeden anderen ohne die geringste Rücksicht behandeln. An ein Regal mit tausenden, frisch abgestaubten Folianten gelehnt, eine Tasse Tee schlürfend, knusprige Sandwiches mit geschälten Gurkenscheibchen verspeisend, würde ich meine Tage in gelöster, heiterer Stimmung verbringen, den im Sonnenlicht umherhüpfenden Staubpartikeln nachspüren und mit ätzender Ironie abschätzige Bemerkungen über die sinnlose Geschäftigkeit meiner Zeitgenossen versprühen. Hierbei wären sowohl menschlich-allzumenschliche Phänomene ("Verwandschaftsgrade wurden sicher nur geschaffen, um der Entfremdung sich ohnehin fernstehender Personen einen Namen zu geben"), als auch Politik und Gesellschaft geißelnde Beobachtungen ("Die große Kunst der Diplomatie besteht darin, den selben Gefallen an seinen eigenen, wie auch an den Lügen der anderen zu finden") oder zeitkritische Bemerkungen ("Das Unbehagen an unserer Zeit beruht vor allem darauf, dass jeder darauf wartet, dass irgendetwas geschieht, was um jeden Preis verhindert werden muss") beliebte Ziele meines mit spitzem Pfeil geschossenen aphoristischen Sperrfeuers. Manch herrlicher Zeitvertreib im Kreise meiner geschätzten Clubmitglieder würde mir durch endlose Gespräche über eine Vielzahl von Themen, an denen niemand interessiert ist, zuteil. Darüber hinaus könnte ich mir gut vorstellen, mich im Kreis der anderen Gentlemen an verspielten Nachmittagen in den Grünanlagen am Chemnitzer Hof zu tummeln und mit Köcher und Botanisiertrommel versehen, Schmetterlinge zu jagen. Die voraussichtlich magere Ausbeute eines solchen Unterfangens würde ich leichten Herzens in Kauf nehmen, da die eigentliche Freude dabei auf dem Tragen von kurzen Hosen und Tropenhelm beruht. In den Nachtstunden ließe ich es mir gefallen, ein wenig leichtes Gebäck mit einem Glas inhaltsreichem Punsches korrespondieren zu lassen, mir anschließend den Mantel wieder überzuwerfen und Richard-Claydermann-Songs pfeifend den Heimweg anzutreten. Ach, wäre das schön! Gründet Herrenclubs! Mit dieser an Dringlichkeit kaum zu überbietenden Bitte verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Jack Algernon Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC