Element Of Crime

Element Of CrimeWillkommen im Mittelpunkt der Welt

Tim Renner ist tatsächlich eines der größten Phänomene der deutschen Popgeschichte. Es wird irgendwann einmal zu summieren sein, wen dieser Mann in den letzten 20 Jahren entdeckt hat, wem er wichtige Türen geöffnet, die richtigen Tipps gesteckt oder einfach nur das entscheidende Quäntchen Selbstvertrauen gegeben hat. Der Preis, den er dafür bekommen müsste, ist noch nicht erfunden. Wird vielleicht noch. Verdient hätte er ihn allein schon für diese Geschichte:


Im Jahr 1986, genau vor 20 Jahren also, Renner hat gerade frisch bei Polydor (ein Major-Label damals) angeheuert, lernt er ein paar ziemlich verpeilte Kreuzberger Flaschenbiertrinker kennen, so vom Typ “Herr Lehmann”. Die machen ein krudes Gemisch aus französischem Chanson, deutschem Postpunk und englischen Texten. Sie hatten sich nach einem damals gerade erschienenen Streifen des hochintellektoiden Dogma-Filmers Lars von Trier (später: “Dogville”) benannt: Element of Crime. Mit Verbrechen haben sie aber nix am Hut. Ebenso wenig wie mit der Scheißindustrie (ja, so war das damals!).
Renner hat es verdammt schwer mit ihnen, aber er glaubt an diese Band. Er bebalzt sie ausdauernd wie Prinz Charles seine Camilla und schafft es schließlich, sie aus dem Vertrag mit einer Indie-Firma rauszukaufen. Er kriegt den großen John Cale irgendwie rum, mit diesem Loser-Haufen in London eine Platte zu produzieren. Dinge, die tatsächlich eines Visionärs bedurften. Und Tim Renner behält Recht. Das Anfang ‘87 produzierte Album “Try To Be Mensch” macht die Band bekannt in den einschlägigen Insider-Zirkeln. Das Bandfoto vom Cover ist Legende - so abgefuckt muss man erst mal aussehen: Wäre dieses Album in der DDR bekannt gewesen, hätte es wahrscheinlich die Wiedervereinigung verhindert.
Doch Renner reicht das noch nicht aus. Deutsch müssen sie singen. Man beachte: Es ist damals noch mindestens ein halbes Jahrzehnt bis zum Durchbruch des Fanta-4-inspirierten Deutsch-Rap und noch länger bis zur Hamburger Schule. Grönemeyers “Bochum” lag wiederum mindestens fünf Jahre zurück. Trotzdem: Deutsch musste es sein. 1991 erschien “Damals hinter’m Mond” und war schon ein ziemlicher Knaller.
Wir waren wieder wer. Die Champs Elysées sind auch nicht besser als die Allee Unter den Linden, und gegen den rostigen Overground-U-Bahn-Charme der Schönhauser kann der ganze Montmartre nicht anstinken. Sie hatten da einen Ton getroffen, den es so noch nicht gab. Gröni nimmt sie mit auf Tour (ob Renner da auch dran gedreht hat?), sie spielen Support für die ‘92er Konzerte - und sind plötzlich ein Begriff für Hunderttausende. Das nächste Album heißt “Weißes Papier”, verkauft sich bis heute fast sechsstellig und ist wahrscheinlich die Initialzündung für die Hamburger Schule. Der Rest ist bekannt. Die Alben werden immer besser, erfolgreicher und seltener, Mastermind Sven Regener ist tatsächlich Herr Lehmann, schreibt Bücher darüber und verkauft sie ziemlich gut.
Das aktuelle Album nennt sich “Mittelpunkt der Welt”; ebenda wähnen sie sich wahrscheinlich auch angekommen - und wenn die Trompete leicht schräg dazu weint, hat das wahrscheinlich auch seine Berechtigung. “Es verhält sich mit ihren Songs so”, lassen sie in ihrem Informationsblatt texten, “wie mit gedecktem Apfelkuchen mit Streuseln, ein Klassiker der Bäckereien, kein allzu aufwendiges, kein zu kompliziertes Konditorenmeisterstück, sondern schlichtweg gut und immer richtig.”
Dreh- und Angelpunkt vom Ganzen sind natürlich Regeners Texte, diese leicht skurrilen, melancholisch-chansonesken Momentaufnahmen eines leicht verquasten Kreuzberger Geistes. “Wo die Neurosen wuchern, möcht ich Landschaftsgärtner sein”, schmachtet er verloren und die Fans liegen dafür zu Füßen. Und Tim Renner hat das schon unglaublich frühzeitig erkannt. Hut ab!


Termine:
15.03. Leipzig, Haus Auensee
16.03. Dresden, Schlachthof
17.03. Erfurt, Thüringenhalle


Diskografie:
1986 Basically Sad
1987 Try To Be Mensch
1988 Freedom, Love And Happiness
1989 The Balad Of Jimy & Jonny
1990 Live: Crime Pays
1991 Damals hinter Mond
1993 Weißes Papier
1994 An einem Sonntag im April
1995 Die schönen Rosen
1999 Psycho
2001 Romantik
2005 Mittelpunkt der Welt
 
Wort: Frodo Wawrzyniak / Bild: P.D.