| Oskar Roehlers "Elementarteilchen" |
Zwei Brüder, Frauen, Leben
Einer der Wettbewerbsfilme, über die auf der Berlinale dieser Tage viel gesprochen und geschrieben wurde, ist der neue Streifen von Oskar Roehler. Der Mann hat so ziemlich alles aufgeboten, was der deutsche Film zur Zeit an guten Schauspielern zu bieten hat und was man in einen Film hineinpacken
kann. Einen Besonderen aus diesem erlesenen Ensemble herauszusuchen, würde schon schwer fallen. Kümmern wir uns also um den Mann, der sie alle anscheinend mühelos vor die Kamera bekommt.
Es scheint, als ob Roehler nur anzudeuten braucht, einen neuen Film drehen zu wollen, und die Schauspieler stehen Schlange. Das deutete sich schon bei
seinem vorigen Werk, "Agnes und seine Brüder", an. Da agierten unter anderem Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Katja Riemann, Vadim Glowna, Oliver
Korittke, Tom Schilling, Martin Semmelrogge und Sven Martinek nach seiner Weisung. Von denen ist in "Elementarteilchen" Moritz Bleibtreu wieder an Bord. War er bei Agnes einer von drei Brüdern auf der Suche nach dem Glück des Lebens, ist er diesmal einer von zwei Brüdern, die der Liebe ihres Lebens begegnen und ganz unterschiedlich
damit umgehen. Und dabei hatte Bleibtreu in den Jahren zuvor nie Lust, mit Roehler zu drehen. Wie der meinte, "weil er mich wohl für einen Berliner
Hinterhof-Regisseur hielt. Aber nachdem er das Agnes-Drehbuch gelesen hatte, fand er's gut, und als wir uns trafen, haben wir uns prächtig verstanden." Eben so prächtig, dass Bleibtreu erneut eine der Hauptrollen angeboten bekam.
"Elementarteilchen" basiert auf dem gleichnamigen Weltbestseller des französischen Autors Michel Houellebecq. Und das ist neu für Roehler. Zum ersten Mal stammt die Geschichte nicht von ihm. Nur das Drehbuch hat er wieder verfasst, wie bei all seinen Filmen.
Es geht um zwei Brüder, die bei ihren Großmüttern getrennt voneinander aufwachsen. Ihre Mutter (Nina Hoss) führt derweil ein unbekümmertes Jet-Set-Leben. Michael, gespielt von Christian Ulmen (unter anderem "Herr Lehmann"), ist ein introvertierter Molekularbiologe. Bruder Bruno (klar: Bleibtreu)
wiederum ein verkrachter Schriftsteller, der sich als Lehrer verdingt. Der eine hat es mehr mit der Genforschung als den Frauen, der andere treibt es eher im Kopf und im Bordell ... Doch beiden begegnet die Liebe des Lebens. Michael trifft im Dorf der Kindheit seine Schulfreundin Annabelle (Franka
Potente) wieder. Eine Nacht später ist er keine Jungfrau mehr, und beide sind ein Paar. Bruno hingegen steht vor den Trümmern seiner Ehe und Familie; seine Schülerinnen erregen ihn unwiderstehlich. Als das zu gefährlich wird, begibt er sich freiwillig in eine Therapie und erzählt der Klinikärztin
(Corinna Harfouch) von seinem Leben. Kurze Zeit darauf treffen sich die Brüder am Sterbebett der Mutter in einer Hippie-Kommune am Meer. Nach einem kurzen Umweg beim heruntergekommenen Vater (Uwe Ochsenknecht) macht Bruno Urlaub in einem FKK-Camp, wo er die esoterische Urlaubsbekanntschaft von
Christiane (Martina Gedeck) macht. Auch sie wird zur Liebe seines Lebens, schließlich teilen Bruno und sie unter anderem die Leidenschaft, ihre Sexualität hemmungslos in Swingerclubs auszuleben.
Doch plötzlich werden die beiden Frauen schwer krank. Und nun müssen die Herren Farbe bekennen - entweder wie gewohnt einsam oder ungewohnt zweisam.
Oskar Roehler ist sich auch mit diesem Film treu geblieben, ist wieder auf der ewigen Suche nach Liebe, Sexualität eingeschlossen, oftmals mit einer sehr intensiv und extrem ausgelebten Sexualität. Von den jungen deutschen Regisseuren ist er wohl einer der radikalsten und stilsichersten. Nicht all
seine Filme stoßen auf Gegenliebe bei Publikum und Kritikern, ist doch der eine oder andere recht gewöhnungsbedürftig. In "Suck My Dick" beispielsweise stört einen der nicht gerade schauspielerisch begabte Herr Joop. Für manche Szene in "Alter Affe Angst" braucht man ein dickes Fell, bewundert die
Schauspieler Marie Bäumer (dafür erhielt sie den Bayrischen Filmpreis) und André Hennicke ob ihrer Leistung und geht am Ende doch recht berührt aus dem Kino. Bei "Agnes und seine Brüder" gibt es ebenfalls deftige Szenen, an die man immer wieder denken muss, sobald man von diesem Film schreibt oder
spricht, dennoch auch hier: Herausragende Schauspieler und starke Emotionen.
Die emotionsreichste Erinnerung hat man allerdings an "Die Unberührbare", einen Film, der den deutschen Filmpreis zu Recht erhalten hat. Wie eine Art Hammer traf einen dieser Streifen, zeigte uns eine einmalig gute Hannelore Elsner. Das könnte die Rolle ihres Lebens gewesen sein: Stark, zerbrechlich
und vor allem glaubwürdig als Schriftstellerin Gisela Elsner in ihren letzten Lebensjahren. Die langsam immer tiefer sinkende Schriftstellerin war Roehlers Mutter. Sein Vater Klaus Roehler ist ebenfalls Schriftsteller. Das Talent zum Schreiben ist ihm sozusagen mit auf den Weg gegeben worden. Der
Sohn wuchs wie der Schriftsteller Michel Houellebecq und die Helden seines neuen Filmes bei der Großmutter auf, lebt in London, Rom und Nürnberg. Mit "Gentleman" feierte Roehler 1995 sein Spielfilmdebüt, nachdem er zuvor schon einen Kurzfilm gedreht hatte. Davor war er erst einmal in elterlichen
Gefilden unterwegs und veröffentlichte den Erzählband "Das Abschnappuniversum".
Oskar Roehler meint zu "Elementarteilchen", dass er keine Lust mehr habe, sich in "irgendeiner Form zu wiederholen. Ich will dem Publikum Freude und Mut machen und auch ein bisschen Kraft geben. In der heutigen Zeit ist die große Herausforderung des Kinos, wie etwa in 'American Beauty' zwar die
menschliche Misere zu beschreiben, dies aber mit leichter Heiterkeit oder bissigem Humor. Die Leute sollen mit einem coolen Gefühl wieder auf die Straße geschickt werden, um über die Ironie des Schicksals lachen zu können."
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| Wort: Carola Kinzel / Bild: Constantin |
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