Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,

ein einziger Aufschrei eint uns Chemnitzer in diesen Tagen: Schon wieder werden Strom und Gas teurer! Der gestiegenen Bezugskosten wegen, wie die Stadtwerke mit bedauernder Unschuldsmiene zu betonen nicht müde werden. Auch sie sind offensichtlich zum Spielball der unschlagbaren Verkaufsstrategie russischer Oligarchen geworden, deren erst jüngst entdeckter Geheimplan, nicht nur das Gas, sondern auch die dessen Verkauf fördernde Kälte zu exportieren, voll ins Schwarze getroffen und für schwindelerregende Verkaufszahlen gesorgt hat. Dr. Winters KolumneWie jeder andere leidtragende Chemnitzer ver-suche ich nun durch äußerst sparsame Energiezufuhr den Umfang meines Geldbeutels stabil zu halten, kann allerdings nicht umhin, an mir erste, den barbarischen Temperaturen zuzuschreibende mentale Defizite zu entdecken. Die langanhaltende zermürbende Präsenz Väterchen Frosts demoralisiert mich, bohrt an meiner persönlichen Souveränität, lässt mich zu einem bibbernden psychischen Wrack mutieren. Mein Lebensmut, der sich ansonsten als ein recht treuer Begleiter erwiesen hat, kommt nur noch selten in Sichtweite, ist einem nörgelnden, unzufriedenen Blick auf die oben geschilderten Verhältnisse gewichen. Mich stört einfach alles, die unscheinbarsten Nebensächlichkeiten wachsen sich zu unerträglichen Belastungen aus, die schneereiche, Kälte assoziierende Kulisse der Olympischen Spiele nervt mich ebenso, wie der Frohsinn bis zur Unkenntlichkeit vermummter Karnevalisten im Straßenbild unserer Heimatstadt. Am meisten aber stört mich der schwergewichtige, birnenförmige, vollbärtige Junggeselle in der Wohnung über mir. Seit er vor Urzeiten die beiden Zimmer im Dachgeschoss bezogen hat, leide ich an viehischer Schlaflosigkeit, ich kann mich nicht entsinnen, irgendwann in den letzten 20 Jahren auch nur für 20 Minuten die Augen zugetan zu haben. Kaum, dass ich mich auf dem Laken ausgestreckt habe, beginnt dieser entsetzliche Mensch in der Wohnung über mir herumzulaufen, das unentwegte Durchqueren seines knapp bemessenen Wohnraumes verursacht Geräusche, die der Vermutung, er besäße 13 oder 14 Beine, einen sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrad attestieren. Insektenartig scheint er resonanzstarke Truhen und Schrankwände ebenso zu erklimmen wie stark versehrte, zum Poltern neigende Sitzmöbel, vollkommen unbeeindruckt davon, dass ich mich bei jedem seiner Schritte schmerzgepeinigt auf der Matratze herumwälze. Fantasievolles Schuhwerk mit spitzen Absätzen, den Arbeitsschutz berücksichtigende, mit Stahlkappen ausgestattete Stiefel, vermutlich sogar Schneeschuhe bereiten ihm offenbar die meiste Freude auf seinen Streifzügen durch die hindernisreiche Landschaft seines Zuhauses. Erbarmungslos experimentiert er mit komplexen, halsbrecherischen Schrittrhythmen, verstellt seinen Gang, schlurft, humpelt, kriecht bisweilen, versteigt sich zu gymnastischen Abartigkeiten, bedient sich klopfender Gegenstände, nutzt ihm bekannte Hohlräume zur Potenzierung des Lärmpegels. Bis zwei Uhr währt seine nächtliche Wanderung, dann beginnt er ruhiger zu werden, der Widerhall seines Atmens, das mit den Schnappgeräuschen eines im Sekundentakt auf- und zugeklappten Regenschirmes vergleichbar ist, lässt mich dennoch aufschrecken, wieder und wieder hochfahren, fördert meine Neigung zu Schweißausbrüchen und unkontrolliertem Gliederzucken. Wenn ich höre, dass er mühevoll zu ächzen beginnt, weiß ich, der ruhigere Teil der Nacht ist angebrochen. Trotzdem kann ich nicht einschlafen, winde mich nun wieder vor Kälte, höre das Fauchen des Ostwindes, nehme regen Anteil am Fallen der Temperaturen, ereifere mich ekstatisch über das Steigen der Energiepreise, und dann ist es auch schon wieder Morgen, ein neuer Tag bricht an, an dem ich mich, obwohl in einen alten russischen Fellmantel gehüllt, vor Kälte und Müdigkeit schlotternd, auf den Weg zur nicht weniger bemitleidenswerten Schar meiner Patienten zu machen habe. Erfindet alternative Energiequellen! Mit diesem dringenden und überlebenswichtigen Appell verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal

Euer Doktor Yukon Gasprom-Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC