| Die Dresdner Band The Ancient Gallery in Weissrussland |
Konzert in Minsk
Ende November war die Dresdner Band The Ancient Gallery auf Tour in Tallinn, Riga und Minsk. Gitarrist Enni W. führte Tagebuch. Wir bringen daraus Auszüge zum Aufenthalt in Minsk.
Start ins Ungewisse: 18.17 Uhr Hauptbahnhof Riga. Vor uns: 13 Stunden Zugfahrt mit dem Nachtzug. Im Kopf: Allerlei Horrorgeschichten über willkürliche Zoll- und Grenzbeamte, Folter, Mord und Totschlag, KGB und was weiß ich denn. Jeder hatte irgendeinen entfernten Bekannten oder zumindest der hatte
mal was gehört von und überhaupt.
Wir bezogen unsere zwei Viermannkabinen und richteten uns häuslich ein. Die netten Zugbegleiterinnen erkannten unsere Sorge und beruhigten uns mit heißem Tee aus dem Samowar und der Aussage, wir sollten froh sein, dass wir keine Amerikaner wären, denn das wäre wohl nix gut …
Kurzer Schlaf zwischen 22.30 und 23 Uhr. Wecken. Taschenlampe ins Gesicht. Mirko regelt souverän auf Russisch die ersten Fragen. Robin schläft. Der Grenzer (draußen stand noch 'ne Horde mit Knarre im Anschlag) hätte ganz gerne Robins Pass gesehen.
Robin schläft. Passport? Wir rütteln und zerren an
Robin herum. Und was macht der? Brüllt auf Englisch was von fucking leave me alone und shit … Prima! Aber: Es ist nichts passiert, absolut gar nichts. Wir hatten unsere Zollliste bereits in Deutschland zusammengestellt, mit einem Stempel versehen - macht immer Eindruck - und waren auch sonst gut
vorbereitet. Wir hatten ein gültiges Visum, uns konnte nix passieren. Lediglich unsere MP3-Player sorgten für Kopfzerbrechen, der ehrgeizige junge Zollbeamte war unumstößlich der Meinung, man könne damit auch Videos aufzeichnen. Sein erfahrener Kollege zeigte ihm kurz einen Vogel, und die Sache war
erledigt.
Mitternacht und wir hatten zwei Dinge zu feiern: Den erfolgreichen Grenzübertritt und meinen Geburtstag. Dafür musste das Zugrestaurant herhalten, dessen Vorrat innerhalb von anderthalb Stunden aufgebraucht war. Wir gönnten uns noch etwas Schlaf. Ein lautes Hämmern an der Abteiltür und ein Dobri
utro. Minsk! Welch freundliche und warmherzige Begrüßung und das schon um 6 Uhr morgens. Wir, völlig überfordert von der frühen Stunde, der Stadt, der Situation, stürzten uns in unsere Klamotten, packten die Sachen zusammen und harrten gespannt der Dinge, die da kommen mochten. Es kam gar nix. Über
eine Stunde ging es weiter durch herrlichste weißrussische Landschaft, mit kleinen Anwesen und schneebedeckten Plattenbausiedlungen. Eine Fahrt ins Graue...
Schließlich trafen wir 7.13 Uhr in Minsk auf dem Hauptbahnhof ein und wurden von der lokalen Veranstalterin Shamanka und einigen Begleitern auf dem Bahnsteig empfangen. Waren wir nun schon erleichtert, dass alles glatt lief, so müssen der armen Frau tonnenweise Steine vom Herzen gefallen sein. Wie
wir im Nachhinein erfuhren, war sie seit 48 Stunden auf den Beinen, aus Sorge um uns und auch aus Sorge um sich selbst.
Die Geschichten, die wir im Laufe der nächsten 48 Stunden von ihr und anderen zu hören bekamen, was die politische Verfolgung in diesem Staat anbelangt, hatten es in sich. Sie sind da weder zimperlich noch feinfühlig. Es verlangt uns die höchste Achtung ab, dass es Menschen gibt, die für ihre
Überzeugung und ihre Ideale bereit sind, alles zu opfern. Ich weiß nicht, ob es in unseren Gefilden noch solche Exemplare gibt - wir gehören anscheinend nicht mehr dazu. Und wenn wir durch unsere Anwesenheit, die für uns bei weitem nicht so gefährlich war wie für die Einheimischen, auch nur einen
kleinen Beitrag dazu leisten konnten, den Ehrgeiz und Funken von Eigenständigkeit weiter am Leben zu erhalten, hat sich die ganze Sache für uns gelohnt.
Wir fuhren in zwei Wagen zur Wohnung der Veranstalterin. Eine beschauliche Einzimmerwohnung im neunten Geschoss eines der typischen Minsker Plattenbauten - ohne Putz und sonstigen Schnickschnack. Dort bereitete die gute Seele erst einmal ein tolles Frühstück. Nun blieben noch fünf Stunden, um etwas
Schlaf zu tanken. Zu acht in einem Zimmer!
13 Uhr war Soundcheck angesagt. Der Club? Unser erster Eindruck beschreibt es sicherlich am besten: Palast der Republik! Eine große Halle, eine Hälfte abgeteilt als Billard-Area, die andere teilweise mit Theaterbestuhlung, ohne Bühne, dafür mit technischem Chaos. Hier zeigte sich, dass wir uns
hundertprozentig auf unsere Crew verlassen können. Rosi koordinierte in straffem Ton und Tempo - die Veranstaltung sollte 17 Uhr (!) beginnen. Eine Bühne musste improvisiert, die komplette PA umgebaut und neu verkabelt werden.
Lichtchef Ralph ließ es ruhig angehen, und das war bei der allgemeinen Hektik auch nur von Vorteil. In der ihm eigenen Gelassenheit dirigierte er uns und andere Helfer beim Aufbau der Illumination. Ralph hat mittlerweile mehrmals bewiesen, dass er selbst mit einem einfachen Lichtschalter und
Stecker-raus-rein-Technik immer noch genügend Atmosphäre erzeugen kann ...
Shamanka lud uns zum Essen ein, und wir verschwanden erst einmal für eine Stunde aus der Halle. Als wir wieder zurück durch den tiefen Schnee gestapft waren - wurden wir erst einmal vom Einlass auf Waffen gefilzt. Aha! Und die Halle war voll mit den illustersten Gestalten jenseits von Brest. Leute
in Lack und Leder, Leute mit Stahlhelm, Punks, Gothics. Alles da - wie zu Hause.
Nach einer Reihe von DJs und Performances - unter anderem jagte man eine nackte Frau mit Peitsche und Gerassel durch die Massen - wurden wir in den Hexenkessel getrieben. Die Leute kreisten uns von allen Seiten ein und brüllten in ohrenbetäubender Lautstärke, noch bevor wir irgendetwas gemacht
hatten. Sie brüllten - vor allem die Frauen - ganz tief und mit Hand vor dem Mund: UUUAAHHH!
Ein Typ mit Stahlhelm zeigte verfassungsfeindliche Gesten und brüllte etwas vom Deutschen Reich - ja, genauso habe ich mir als demütiger deutscher Tourist meinen Geburtstag in Minsk vorgestellt! Mir war hundeelend und überhaupt nicht wohl dabei. Meinen Mitstreitern muss es ähnlich gegangen sein,
wenn ich die weit aufgerissenen Augen von Friedrich richtig interpretiert habe. Also: Augen zu und die Gitarre verprügeln! Es war ein seltsames Konzert. Es war gut, aber eigenartig. Das Publikum teilweise im Rücken oder 30 Zentimeter vorm Gesicht - und zu allem Überfluss war meine Gitarre oder die
Bühne nicht geerdet. Jedes Mal, wenn ich ein metallisches Teil dieses verdammten Instrumentes auch nur berührte, bekam ich dermaßen eine geballert. Ralph, der neben mir (!) am Lichtpult saß, bot mir höflicherweise seine Schuhe an - wir spielten barfuss -, doch soweit wollte ich es dann doch nicht
kommen lassen. Wie sieht das denn aus: Mitten im Konzert die Schuhe anzuziehen? Also Zähne zusammengebissen und auf den nächsten Einsatz gewartet. Robin hatte übrigens das gleiche Problem mit dem Mikro. Er musste es aber nicht immer anfassen.
Nach einer Stunde hatten wir es geschafft und durften die Annehmlichkeiten eines solch frühen Konzerts in Anspruch nehmen. Fotos hier, Autogramme da. Erstaunlicherweise kamen bei uns allen die längst verloren geglaubten Russischkenntnisse wieder hervor. Aber es bleibt einem ja nichts anderes übrig,
wenn die kleine Mascha einen so dufte findet und ausschließlich russisch spricht …
22.45 Uhr: Licht an. Auf in die Wohnung, mit zwei Taxis, die jedem Oldtimerfreak die Tränen in Augen getrieben hätten. Wolgas im Haifischflossendesign - genial. Nicht so genial war, dass die Taxis schon voll waren, als ich dazu stieß. Nun ging mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung: Mitten in der
Nacht mit der Metro durch Minsk fahren! Um es zu relativieren: Ich hatte noch den guten Mirko dabei, der sich so schnell nicht aus Ruhe bringen lässt, und zehn Weißrussen, die mir ständig eine neue Flasche Bier reichten, so elend muss ich gewirkt haben. Alle Minsker schienen auf den Beinen zu sein,
jeder noch so kleine Kiosk machte ein Riesengeschäft. Die Rotweinbestellung von Mirko kostete die Dame aber nur ein müdes Lächeln. Wodka!
Wir kamen im neunten Stock an. Shamanka war erneut von einer Tonnenlast befreit. Ich trank mit meinen Kollegen eine kleine Flasche Wodka auf den Geburtstag. Schlafen.
Aufstehen um 10 Uhr, duschen, essen und auf zur Stadtbesichtigung. Unser Zug ging erst 17.30 Uhr. Mit der Metro ins (politische) Zentrum von Minsk. Wir hatten am Abend zuvor Miroslav kennen gelernt. Der sprach perfekt deutsch und übersetzte uns Shamankas Erklärungen und erklärte auch selbst viel.
Präsidentenpalast, KGB-Hauptquartier, Kriegsdenkmal, Panzerdenkmal, Staatstheater, Parlament etc. Fahrt nach Minsk und schaut Euch das selbst an! Für uns war's eine Reise in die Vergangenheit.
Wir hatten uns am Ende etwas verbummelt und mussten eilen, um den Zug schaffen. Es wollte keiner zurück bleiben … Herzzerreißende Abschiedsszenen und ab in den Schlafwagen. Allgemeine Erleichterung machte sich breit in der Reisegruppe. Kurzer Zwischenstopp an der polnischen Grenze: Hier wurden die
Waggonunterbauten gewechselt, da ab hier ein anderes Schienenmaß gilt. Im Umstellwerk blühte der Schwarzhandel mit allem Erdenklichen. Unser Einkauf: Zehn Flaschen Bier und zwei Flaschen Sekt.
Die Zugbegleiterinnen waren das krasse Gegenteil zu denen von der Hinfahrt. Hier: Topmodels mit einem langen Gürtel über dem Arsch und so dermaßen unfreundlich, dass Rosi und Mirko mehrmals (!) eine gescheuert bekamen, weil sie gerade im Weg gestanden hatten (oder weil ihnen der Sabber aus dem Mund
gelaufen war?). Außerdem waren die Frauen so mit ihren Schmuggelgeschäften beschäftigt, dass sie gar nicht die Zeit gehabt hätten, sich um uns zu kümmern. Also blieb Rosi nichts anderes übrig, als sich seinen Kaviar selbst zu holen. Ankunft: 11.15 Uhr in Berlin. Der Shuttle-Bus wartete bereits.
Heimische Toilette, ich komme ...
Das komplette Tagebuch der Tour findet Ihr unter www.theancientgallery.com
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| Wort: Andy Weinhold / Bild: Robert Grund |
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