neues theater

neues theaterUnd nebenbei ein Mord

Da sitzen sie nun drin im Leben, und das ödet an. Woran kann, sollt', dürfte man sich orientieren? Die Väter sind im Kriege geblieben. Die Mütter vergöttern Buben wie Mädchen. Nee, ist sich der Nachwuchs sicher, solche Familie ist nicht.


Dann lieber Nietzsche? Kaufrausch? Bier? Kokain? Die Liebe? Gott? Die verlorenen Kinder irren in der Gesellschaft umher, die nirgendwo Halt bietet. Wenn schon nicht daheim, findet das Leben vielleicht anderswo statt. Vielleicht in Italien? Ramazzotti. Spaghetti. Amore. Also andiamo - Sachen gepackt und auf! Und dann sitzen sie beim Chauffeur drin im Wagen, der Gert zieht die Pistole und puff - der gute Mann ist einfach tot. Schnell war's aus mit seinem Leben. Und die, die dabei waren, die Clique? Der Foss und die Adi, die Creszenz, sie irren umher, und sie irren und haben bereits verloren.
Ferdinand Bruckner schrieb seine Theaterskandale in den Goldenen Zwanzigern. "Früchte des Nichts" ist ein Nachkriegsschauspiel. Und erschreckend: Es ist nah an uns und unserer Gegenwart dran. Eine gute Wahl des Stückes (es müssen nicht immer die neuen Engländer sein!), und eigentlich genau das, was den Schauspielstudenten Halles auf den Leib passt. Jeu, sie verausgaben sich auch mit ganzer Person, ein Springen und Schreien, Weinen und Lieben. Voran die Herren Martin Vischer und Philipp Niedersen als Mörder und dessen geistiger Vorbereiter. Barbara Hirt gelingt der Kaufwahn nachvollziehbar, genau wie Nancy Fischer die Gläubige. Ja, durchaus talentiert dieser Nachwuchs (auch der unbenannte). Allein, der Funken des Geschehens will nicht so recht in die Sitzreihen springen. Wir sitzen in der Werft, also im Bunker, eng ohne Lehne und folgen dem Spiel ohne Verständnis. Dabei hat doch das Stück alles, was es sehenswert macht: Gewalt, Leidenschaft, Jugend und irrlichternde Befindlichkeit. "Spielt die Exzesse!" wird Regisseur Kristo Sagor gesagt haben: "Spielt!" Und setzte auf den Schauwert. Die Psyche der Aussteiger bleibt so an der Oberfläche, wird kaum nachvollziehbar. Tja: Der Mord ist eben halt passiert. Einfach so.
Genau so war's im wirklichen Leben auch. Der Mord am Chauffeur geschah realiter 1947. Der Mörder konnte Gründe für die Tat nicht nennen. Die Zeit ist aus den Fugen. Es ist eben passiert. Leider. Ich weiß selbst nicht warum. Passiert auch heute. Erinnern wir uns erschlagener Penner, verhungerter Kinder, totgedroschener Frauen, Freunde, Nachbarn. Es ist eben passiert. Diese "Früchte des Nichts" erscheinen zeitlos und unbegreifbar. Schön, dass sie im nt ans Licht, zumindest im nt auf die schummrige Bühne gezerrt werden. Antworten sind selbst zu suchen. Es ist eben passiert, wird vor Gericht nicht reichen, da wollen wir mehr der Begründung. "Früchte des Nichts" sind die Akteure keineswegs, wir sind auf ihre weiteren Talentbeweise gespannt. Echt.
 
Wort: Henner Kotte / Bild: Falk Wenzel