| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
unsere Sprache ist voller Abgründe und Fußangeln, niemand sollte sich über Gebühr dieser noch an den unscheinbarsten Plätzen lauernden verbalen Gefahren aussetzen, und völlig falsch wäre um unserer geistigen Klarheit Willen ein Herunterspielen, ein Verniedlichen, ein Verächtlichmachen dieses
hochdramatischen grammatikalischen Zündstoffes. Seit einiger Zeit schon vernehme ich höchst eigenartige Klänge, dringen beim Besuch italienischer Spezialitätenrestaurants obskure Formulierungen an mein Ohr: "He, Giuseppe, drei Pizzen, aber dalli!" PIZZEN! Sie sagen tatsächlich Pizzen! Dabei heißt es
doch "Pizzas" und keineswegs "Pizzen". Man sagt ja auch nicht "Colen", wenn man mehr als eine Cola zu trinken wünscht. Wenn sich diese Eigenmächtigkeiten hinsichtlich der Änderungen liebgewordener Endungen durchsetzten sollten, stehen wir in absehbarer Zeit vor einem alles andere als gut zu
bezeichnenden, an babylonische Zeiten gemahnenden Sprachgewirr. Kürzlich hörte ich im Landfunk eine breitgewalzte Reportage über den deutschen Naturpark, und, man sollte es nicht glauben, als man daran ging, über mehrere dieser grünen Kleinode zu berichten, verstieg man sich tatsächlich dazu, diese
nicht etwa als Naturparks, sondern als "Naturparken" zu bezeichnen. Ich traute meinen Ohren nicht! Wie kamen diese ansonsten doch durch und durch redlichen, üblicherweise in erster Linie dem Nutztierbestand und der Ackerkrume zugetanen Korrespondenten nur dazu, in Gegenwart von Millionen Zuhörern
einen dermaßen schwachsinnigen Begriff wie "Naturparken" zu verwenden! "Naturparken" verstößt gegen sämtliche Regeln des guten Geschmacks. "Naturparken" tut richtig weh, und impliziert einen in keiner Weise vorhandenen verkehrstechnischen Hintergrund. Seit langem wusste ich, dass Stilfragen Übelkeit
erzeugen können. Nun verfügte ich auch über die Erkenntnis, dass ungewohnte Endungen einen fördernden Einfluss auf Phänomene wie Verwirrung, Verständnislosigkeit und Sprachermüdung ausüben. Wenn es also tatsächlich richtig wäre, bei mehr als einer Pizza von "Pizzen" zu sprechen, dann liegt man mit
der Vermutung, die Mehrzahl von Oma hieße nicht mehr "Omas", sondern "Omen", nicht unbedingt falsch, wenngleich es die Dinge nur unnötig verkompliziert, vor allem, wenn in der einen oder anderen Familie nun begonnen werden sollte, aus einer alten Gewohnheit heraus zwischen guten und bösen Omen zu
unterscheiden. Nichts als Streit und Missgunst wird durch einen solchen lieblosen Umgang mit der Muttersprache heraufbeschworen. Stellt Euch nur vor, eine Anhäufung von Vätern hieße analog des eingangs beschriebenen Beispiels der Pizza nicht mehr "Papas" sondern "Pappen", wäre dies nicht eine an
Hirnrissigkeit kaum zu übertrumpfende Verballhornung, ein an Idiotie grenzender Eingriff in das feingliedrige semantische Gewebe unserer kulturellen Identität? "Pizzen" klingt einfach doof, irreführend, wenig schmackhaft, beinahe ungenießbar.
Und doch: Wenn man diesen dubiosen Faden weiterzuspinnen trachtet, wenn man sich einer solchen wortverdreherischen Willkür fügen sollte, und einen Anlass fände, zur Abwechslung einmal in sportlichen Gründen zu fischen, wird man nicht umhin können, sich die Frage zu stellen, wieso die Biathleten
eigentlich Biathleten heißen, wenn doch der Sport Biathlon, und nicht Biathletik heißt, wohingegen die allseits bekannten Leichtathleten der Leichtathletik frönen und nicht dem Leichtathlon ... Nicht umsonst schien es mir angezeigt zu sein, am Beginn dieses Pamphletes den Finger mahnend zu erheben,
und vor den Gefahren sprachlicher Abgründe zu warnen, die schon so manchem Zeitgenossen den Weg in meine Praxis geebnet haben. Sprecht ordentlich! Mit dieser wie immer wohlmeinenden Ermahnung verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Langenscheidt Duden Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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