Vereinigte Staaten
Bei den Söhnen der Großen Bärin
Der Nordwesten der USA zwischen Mississippi und Rocky Mountains ist
ein mythenbehafteter Tummelplatz amerikanischer Geschichte.
Zwischen zerklüfteten Hügelketten, Indianerreservaten,
atemberaubenden Naturparks und Orten der Erinnerung an die
Auseinandersetzungen zwischen Prärie-Indianern und amerikanischen
Armeen findet man vor allem eines: unermessliche Weite. Darin liegt
auch die Faszination dieses Landstrichs. Schier endlos zieht sich
die Interstate 90, der längste Highway der USA, von Seattle an der
Westküste durch die Grasebene bis nach Chicago in Illinois. Folgt
man dem Highway von Chicago Richtung Westen, treibt man wie einst
die ersten Siedler die Grenze zwischen westlicher Hemisphäre und
Indianergebieten - die "frontier" - vor sich her. Dabei taucht man
ein in indianische Vergangenheiten und amerikanische Realitäten, die
in ihren Widersprüchen eine verzaubernde Anziehungskraft ausüben.
1.300 Kilometer hinter Chicago erheben sich unvermittelt die
Badlands aus der grasgrünen Weite. Trapper gaben den Erosionsrinnen
diesen Namen, weil sie die sanftmütige Prärie abrupt durchschneiden.
Ihre Unwirtlichkeit löste damals ganz sicher keine Jubelarien aus.
Heute fährt man jedoch zum Glück mit dem Auto durch den
Nationalpark, anstatt tagelang auf einem Pferderücken nach einem
Ausgang aus dem Felslabyrinth zu suchen. Indianische Geistertänze
finden an diesem spirituellen Ort heute kaum noch statt. Wenn man
aber tief einatmet und die Augen schließt, sieht man mit ein
bisschen Fantasie Büffel weiden und macht ein Indianerdorf am
Horizont aus.
Nur wenige Kilometer südlich der Badlands wird man jäh aus diesem
Traum gerissen. Hier befindet sich einer der ärmsten Landstriche
Amerikas - das Pine-Ridge-Indianerreservat. Die Armut schreit einen
förmlich aus den Barackenhäusern an. Ins Museum von Pine Ridge
verirren sich nur wenige Touristen, die meisten kommen aus Europa.
Weiße Amerikaner bleiben hingegen eher weiter nördlich und
besichtigen oft nur den Mt. Rushmore, die "Wiege der amerikanischen
Demokratie". In einen Berg hat hier Gutzon Borglum in den 1930er
Jahren bekanntermaßen vier amerikanische Präsidenten gehauen. Der
Berg liegt inmitten der Black Hills, einem Naturschutzgebiet, das
den Indianern abgekauft und nie bezahlt wurde. Die "Wiege der
Demokratie" steht damit auf Land, das den Erbauern eigentlich gar
nicht gehört.
Nur einen Steinwurf entfernt wird auch heute noch tagtäglich
Geschichte geschrieben. Das Crazy Horse Memorial ist die monumentale
Antwort der Dakota auf die steinernen Präsidenten. 1939 beauftragte
Häuptling Standing Bear den Bildhauer Ziolkowski damit, den
sagenumwobenen Crazy Horse in den Fels zu hauen. Ziolkowski fand in
dieser Aufgabe sein Lebenswerk und starb 1982 nach 34jähriger Arbeit
am Denkmal. Vom tapferen Krieger Crazy Horse ist 2010 das Gesicht zu
erkennen. Ende des 21. Jahrhunderts, so schätzt man, wird das den
Mt. Rushmore um ein Vielfaches überragende Denkmal fertiggestellt
sein. Von Anbeginn an wurden die Arbeiten über einen Förderverein
und Spendengelder finanziert. Staatliche Gelder werden bis heute
abgelehnt. Wenn Crazy Horse eines Tages mit einem Fingerzeig
majestätisch dorthin deuten wird, wo seine Ahnen ermordet worden,
wird sich zeigen, ob die Kunst die Geschichte geradezurücken vermag.
Die Black Hills bieten daneben aber auch das, was man wahrhaftig den
"Wilden Westen" nennen kann. Zuerst sorgen im Custer State Park
Büffelherden für Blechschlangen. Später bieten sich in den kleinen
Städtchen auch Gelegenheiten, echte Cowboys bei einer Schießerei zu
beobachten - zweimal täglich vor einem Casino. Kurz hinter der
Grenze South Dakotas lohnt zudem ein Abstecher nach Wyoming zum
Devils Tower. Mit dem Teufel hat der Fels eigentlich gar nichts zu
tun. Die Indianer nennen den einsam in die Höhe ragenden Berg Bear's
Lodge. Einst sollen sich nämlich Kinder auf der Flucht vor einem
Bären auf den Fels gerettet und ihn gebeten haben so hoch zu
wachsen, dass der Bär ihnen nichts anhaben kann. Die ersten Siedler
missverstanden das Dakota-Wort für Bear's Lodge. So wurde aus
Meister Petz ein Mephisto. Die Geschichte der Beziehungen zwischen
Weißen und Indianern ist voll von diesen Missverständnissen.
Unweit des Teufelsturms liegt das berühmte
Little-Bighorn-Schlachtfeld. Hier haben verbündete Indianergruppen
einen letzten Sieg gegen amerikanische Soldaten errungen. Der
bewahrte sie zwar nicht vor der beinahen Ausrottung, aber das
gesamte Areal gilt heute als Symbol für den Widerstand der Indianer
Nordamerikas gegen die rücksichtslose Besiedlung ihres Landes durch
die Weißen. Der Nordwesten der USA ist eben zweierlei: sowohl
erhabene Naturlandschaft als auch Schauplatz amerikanischer
Geschichte.
tracktate.wordpress.com
"Die Söhne der Großen Bärin" heißt ein Roman-Zyklus von Liselotte
Welskopf-Henrich.
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