Asturien
Abrupte Felsen und moderne Architektur
Asturien liegt an der spanischen Nordküste. Seine Costa Verde
zeichnet sich durch ihre üppige Flora aus, die durch kleine Buchten
und schroffe Felsen gegliedert wird. In Städten wie Oviedo oder
Avilés stoßen mittelalterliche Bauten auf neuzeitliche Perlen der
Architektur.
Hand aufs Herz: Hättet Ihr aus dem Stegreif sagen können, wo sich
Asturien befindet? Wohl eher nicht. Das liegt sicher daran, dass die
Region nicht zu den klassischen Touristenzielen gehört. Immerhin ist
die Hauptstadt Oviedo von Berlin-Tegel aus nonstop erreichbar. Doch
selbst für Festland-Spanien bildet das Kalk-steinmassiv der Picos de
Europa mit mehr als 200 Gipfeln über 2.000 Meter Meereshöhe eine
schwer überwindbare Hürde.
Für die Besucher aus der Hauptstadt Madrid besteht der Reiz
Asturiens vor allem im gemäßigten Klima und dem unendlichen Grün
seiner Hänge. Geschichtlich heben die Spanier dessen Rolle in der
Reconquista hervor, widerstanden doch die asturischen Stämme dem
Einfall der Mauren im 6. Jahrhundert. Bis heute trägt daher der
spanische Thronfolger den Titel Fürst von Asturien. Dazu passt: Die
Ehefrau des spanischen Kronprinzen Felipe, Letizia von Spanien,
wurde in Oviedo geboren. Uns Mitteleuropäer lockt die Region mit
ihrem Dreiklang aus Natur, Architektur und herausragender Küche.
Felszeichnungen in der Höhle Tito Bustillo unweit des reizvollen
Küstenortes Ribadasella entführen die Besucher ins Paläolithikum.
Die 20.000 Jahre alten Tierdarstellungen wurden von der UNESCO zum
Welterbe erklärt. Viel jünger und doch für uns kaum vorstellbar alt
ist der karolingische Palast von König Ramiro aus dem 9.
Jahrhundert. Von dem kleinen Bau am Hang bietet sich eine tolle
Aussicht auf Oviedo. Aus dem Häusermeer der asturischen Hauptstadt
hebt sich weithin sichtbar, einem UFO gleich, ein gewaltiger weißer
Körper ab. Ähnlich dem baskischen Bilbao mit seinem spektakulären
Guggenheim-Museum ringt Asturien mit auffälliger Architektur um
Entwicklungsimpulse.
330 Millionen Euro - mehr als das Doppelte der Baukosten der
Dresdner Frauenkirche - spendierte sich Oviedo für dieses
multifunktionale Zentrum aus der Hand des Überfliegers Santiago
Calatrava. Das skulpturale Bauwerk wurde im Mai 2011 nach
elfjähriger Planungs- und Bauphase eröffnet. Tagungen, Shoppen,
Hotel und die Stadtverwaltung finden hier ihren Platz. Die
bombastische Wirkung auf die Entfernung verliert bei näherer
Betrachtung etwas in den Details.
30 Kilometer nordwestlich von Oviedo liegt die Küstenstadt Avilés.
Hafen, Stahlindustrie und Bergbau machten den beschaulichen Ort in
den 1950er und 60er Jahren groß. Heute nagen sie am Image der Stadt,
zumal sie längst in die Krise schlitterten. Im Jahr 2005 schenkte
Brasiliens Stararchitekt ”scar Niemeyer - als Dank für die
Auszeichnung mit dem Asturien-Preis - Avilés eine extravagante
Skizze. Nach seiner Idee entstand im Hafenbecken eine Plaza umgeben
von einem futuristischen Konglomerat aus Kuppel, Auditorium,
Mehrzweckgebäude und Turm. Im März 2011 wurde das Internationale
Kulturzentrum ”scar Niemeyer auf 26 Meter tiefen Pfählen eingeweiht.
Bereits 2010 erfolgte hier die Uraufführung des Woody-Allen-Films
"Ich sehe den Mann deiner Träume".
In der Altstadt von Avilés erinnert noch vieles an die kleine Stadt
der Fischer. In der Sidrería Casa Lin wird zu hervorragenden
Fischgerichten der traditionelle Apfelwein gereicht. Beim Eintreten
schlägt uns beißender Kneipenduft entgegen, von dem man sich nicht
abschrecken lassen sollte. In dem Lokal trinken die Fischer nach der
Rückkehr vom Meer ihren Sidra. Nach alter Manier wird der Apfelwein
kopfüber in ein nach unten gehaltenes Glas ausgeschenkt. So kommt
viel Luft hinein, spritzt aber trotz geübter Hand der Kellner auch
mancher Tropfen auf den bekiesten Boden.
Reich wurden die Fischer mit ihrem Gewerbe nicht. Ende des 19.
Jahrhunderts verließen Zehntausende ihre asturische Heimat gen
Latein-amerika. Einige machten dort richtig Geld. Zurückgekehrt nach
Asturien brachten sie um 1920 den Kolonialstil mit Türmchen, Putten
und Palmen mit. Die protzigen Villen stehen heute etwas verwirrend
in der Altstadt von Avilés oder an der Strandpromenade von
Ribadasella. Noch mehr verwundert am Stadtrand von Gijón ein
palastähnliches Anwesen im schönsten sowjetischen Zuckerbäckerstil:
In einer Art utopischer Stadt ließ der faschistische Diktator Franco
von 1948 bis 1956 eine Bildungsanstalt für 4.000 Eleven errichten.
Der 17geschossige Turm erinnert an die neoklassizistische Moskauer
Lomonossow-Universität, übertrifft diese doch mit der eklektischen
Kapelle noch um Längen. Heute versucht sich die Universidad Laboral
de Gijón als Kunst- und Kulturzentrum zu etablieren.
Entlang der 375 Kilometer langen asturischen Küste führt der von den
Deutschen bevorzugte Ast der Jakobswege nach Santiago entlang. Tief
unten brechen sich die Wogen an den schroffen Klippen des Golfs von
Biscaya. In der Osterzeit werden in Tapia internationale Wettbewerbe
im Surfen veranstaltet. Doch die Costa Verde hat auch ihre
beschaulichen Seiten: In vielen kleinen romantischen Buchten öffnet
sich die Grüne Küste zum Atlantik. Zu den schönsten Orten gehört das
Fischerdorf Cudillero. Wie die Ränge einer Zirkusarena stapeln sich
die bunten Häuser rings um den kleinen Marktplatz auf. Vor einer
Sidrería sitzen wir zwischen Einheimischen und genießen köstliche
Meeresfrüchte und den asturischen Eintopf "Pote". Der Blick gleitet
über den engen Hafen mit seinen im Wind wiegenden Fischerbooten und
verliert sich in den Weiten des Ozeans ...
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