Südtirol
Mit dem Wohnmobil über die Alpen
Eigentlich begann alles mit einem Vorurteil. Campingurlaub sei nur
eine billige Notlösung. Unbequem, stressig, ein einziges Provisorium
- eine Notlösung eben.
Andererseits war da auch der Verdruss auf Pauschalbettenburgen mit
zwanghaft gutgelaunten Animateuren und der Gewissheit, dass die
Höhepunkte des ersten Tages die Langeweile der noch folgenden sein
würden. Deshalb musste mal etwas anderes her: Eine Urlaubsform, bei
der das individuelle Erleben nicht durch zeitliche und räumliche
Vorgaben des Massentourismus geprägt wird.
Mit einer Mischung aus Skepsis, aber auch Vorfreude ob des kommenden
Abenteuers nahmen wir die Möglichkeit, das nördliche Italien für ein
paar Tage mit einem Wohnmobil zu erkunden, dankbar an. Unser
Fahrzeug war ein Dethleffs Advantage, knapp sieben Meter lang und
2,33 Meter breit. Für einen PKW-Fahrer ist das schon eine ziemliche
Dimension. Und wieder Vorurteile: So ein großes Fahrzeug ist doch
nur schwer zu beherrschen und verbraucht Unmassen Diesel. Aber weit
gefehlt. Nach kurzer Zeit war das mulmige Gefühl verschwunden und
nach über 3.000 gefahrenen Kilometern nichts passiert. Was den
Diesel betraf, dachten wir anfangs, die Tankanzeige wäre defekt. War
sie aber nicht. Der Verbrauch lag tatsächlich weit unter zehn
Litern! Obwohl wir eine anspruchsvolle Strecke gewählt hatten: Die
A9 Richtung Süden über die Alpen und dann mal sehen, wohin die
Straße führt ...
Und los ging es. Der Motor lief ruhig, gute Straßenlage, gutes
Handling. Durch München im Feierabendverkehr hieß die erste
Feuerprobe, mit erhöhter Aufmerksamkeit kein Problem. Und schon
waren wir in den Bergen. Mit der ersten Übernachtung, auf dem
Parkplatz eines kleinen Landhotels mitten im Grünen, stellte sich
die Frage nach der Zweckmäßigkeit der Einbauten. Bereits bei unserer
ersten Besichtigung war uns aufgefallen, wie durchdacht und gut
ausgestattet so ein Wohnmobil ist. Ein großzügiges Doppelbett war
vorhanden und nach Umbau eine weitere Schlafmöglichkeit für zwei
Personen, dazu ausreichend Platz für Gepäck und Verpflegung.
Außerdem gab es einen Kühlschrank mit separatem Gefrierteil und eine
Küchenzeile mit drei Propangasbrennern. Auch das Bad ließ kaum
Wünsche offen. Neben Waschbecken und Chemietoilette hatten wir sogar
eine Dusche, natürlich mit warmem Wasser. Und wenn es in den Bergen
nachts auch im Sommer kalt wurde, half die Propangasheizung, die den
Innenraum des Gefährtes in wenigen Minuten auf kuschelige
Temperaturen brachte. Insgesamt ein kleines Haus auf Rädern!
Österreich war schnell durchquert, und wir erreichten über den
Reschenpass den idyllischen Reschensee mit seiner versunkenen
Kirche, deren Turm aus dem Wasser grüßt. Südtirol als nördlicher
Abschluss Italiens ist voller Sehenswürdigkeiten sowie voll
wunderschöner Zeltplätze und anderer Stellmöglichkeiten für
Wohnmobile; für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei.
Immer wieder erkundeten wir mit unseren Fahrrädern die Umgebung.
Empfehlenswert ist beispielsweise der Etschtal-Radweg von Reschen
nach Meran, der von Burgen, Schlössern, beschaulichen Orten oder
einfach von der Natur geprägt ist. Da scheint die Welt noch in
Ordnung. Gern wollten wir all unsere Urlaubstage hier verbringen -
aber auch weiter. Nach Meran, der Stadt mit Mittelmeerflair,
eingerahmt von hohen Bergen; dieser Stadt war schon die legendäre
Kaiserin Sis(s)i verfallen. Ins Vinschgau, Eisacktal, Grödnertal mit
Seiser Alm. Die kannten wir vom Winter und Skifahren, doch nicht
minder schön war sie im Sommer. Ein Rausch aus Farben und Düften.
Die Luft weit und klar. Hier musste man einfach wandern und die
Natur genießen. Natürlich mit Jause in einer der urigen Hütten, mit
Speck und Käse, frischer Milch, Wein aus der Region und zwanglosen
Gesprächen mit den herzlichen Südtirolern.
Unser nächstes Ziel war die mittelalterliche Stadt Bozen mit ihren
berühmten Laubengängen. Hier kann, wer mag, gut bummeln gehen, aber
auch ein Besuch im Ötzi-Museum, auf der Burg Runkelstein oder den
vielen Kneipen und Restaurants ist empfehlenswert. Wir fuhren weiter
zum Kalterer See. Wegen seiner guten Rotweine und Bademöglichkeiten
ist der nicht nur in Italien bekannt und beliebt. Durch das Wasser
auf den Geschmack gekommen, wollten wir noch weiter nach Süden. Der
Gardasee war nah, auch der Comer See. Badefreuden und Dolce Vita,
Italien wie das deutsche Herz es liebt. Zelt- und
Wohnmobilstandplätze fanden wir viele. Allerdings waren diese in der
Hochsaison irgendwann mal voll. Wir mussten sowieso zurück ...
Wenn man die Karte nicht richtig anschaut oder vergisst, dass ein
Wohnmobil etwas größer und länger als ein Auto ist, kann man dann
doch Blut und Wasser schwitzen. Falls auf einem Straßenschild der
Hinweis Pass oder Joch auftaucht, solltet Ihr überlegen, ob Ihr dort
wirklich langfahren wollt. Das Stilfser Joch beispielsweise ist mit
2.757 Metern der höchste Gebirgspass Italiens, und den zu befahren,
mit seinen schmalen Tunneln und engen Spitzkehren, macht - von der
grandiosen Aussicht einmal abgesehen - nur Motorrad-Fans oder
masochistisch veranlagten Radfahrern Freude. Aber auch den haben wir
mit einigen neu ergrauten Haaren bezwungen.
Das Ganze war eine gelungene Reise, die wir auf herkömmliche Weise
so nicht erlebt hätten. Wir sind uns sicher, dass dieser Fahrt mit
einem Wohnmobil viele andere folgen werden.
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