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Kudernatschs Kolumne

Dieser Zug hält nicht in Weimar


Unser Kolumnist zeigt sich wacker und weimarfreundlich. Er will der Goethestadt Halt geben, im Gegensatz zur Bahn.

Touristen bleiben in Weimar immerzu stehen - ob am Bratwurststand, an der Post oder an einer öffentlichen Toilette, um ganz entrückt zu rufen: "Ach, du meine Goethe!" Denn hier hat schon der Herr Geheimrat abgebissen, gesendet oder gepullert. So meint der Besucher und staunt. Dabei hat Weimar nicht nur verblichene Bewohner, sondern auch quicklebendige - mehr oder weniger.
Wer etwa die toten Dichter von heute nicht nur in der Fürstengruft sucht, sondern im wahren Leben, findet sie in der Schütze, wo sie besoffen unterm Tisch liegen.
In Weimar leben Ute Freudenberg und Dieter Althaus. Wer behauptet, sie lebten zusammen, ist ein Ferkel und sollte sich schämen. Denn die Beiden haben viel zu viel zu tun für so etwas. Ute singt immerzu von ihrer Jugendliebe und Dieter denkt pausenlos an die Zeit zurück, als er die Christine Lieberknecht war. Außerdem bevölkern bunte Bauhausstudenten die Stadt, und wenn sie es nicht zu bunt treiben, wird das Bauhaus auch nicht - wie einst - wieder aus Weimar vertrieben. Weimar hat einen großen Entertainer: Andreas Max Martin. Er hat schon als kleiner Junge immer gern an seiner Trompete gespielt und später in Weimar genau das studiert. Heute bläst und singt er, seine Hits heißen: "Meine Katze ist rasiert", "Draußen liegt Schnee, drinnen liegst du" oder "Immer wenn ich schwimme, hör ich eine Stimme". Das ist Weimar, das ist Hochkultur. Und wenn Andreas Max Martin ins Mon Ami zur Show einlädt, dann brummt der Laden. Wenn doch nur mehr ICE-Züge in Weimar hielten! Dann könnten noch viel mehr Leute dort aussteigen und es brummen lassen. 2015 soll hingegen gar kein ICE mehr in Weimar stoppen. Aber Weimar wehrt sich, voran das Bündnis "Nächster Halt Weimar".
Viele spektakuläre Aktionen wurden schon gestartet, um die Bahn von der Wichtigkeit des Stoppens zu überzeugen: Das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem DNT wurde verhüllt - vermutlich um den Klassikern den Anblick der vorbeirauschenden Züge zu ersparen. Aktivisten sangen auf dem Bahnsteig - das passt, es ist ja ein Kulturbahnhof - und sie belagerten die Kindereisenbahn auf dem Weihnachtsmarkt. Doch all das ließ den eisernen Vorstand der Deutschen Bahn AG kalt!
Zuletzt buken Weimarer Bäcker leckere Torten - für mehr ICE-Stopps. Vermutlich wollte man warten, bis die Torten hart werden, und sie dann zwischen die Weichen klemmen. Der Zweck heiligt die Mittel. Wie verzweifelt muss man für so einen letzten Schritt sein? Ich appelliere an die Erfurterinnen und Erfurter, Weimar zu retten. Lasst uns alle Touristen, die künftig im Zug bis Erfurt fahren müssen, nach Weimar transportieren! Im Schiller-Shuttle, im Goethe-Go-Kart!
Ja, lasst uns - wie die Wackeren dort - auch ein Aktionsbündnis gründen. Es könnte heißen "Dieser Zug hält nicht in Weimar, aber in Erfurt schon, weil es eben viel größer ist" oder "Erfurt höhnt nicht, Erfurt hilft" oder "Weimar, wein doch nicht, wenn der Zug ausfällt!" Ich denke, so leisten wir etwas, und die Grund-idee ist bei allen angekommen. Über den Namen für das Bündnis können wir ja nochmal diskutieren.


Vorhergegangene Kolumnen von André Kudernatsch könnt Ihr im Buch "Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena" nachlesen, das im Salier-Verlag erschienen ist.

www.kudi.de •  www.salierverlag.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC