Dr. Winters Kolumne
Ein Vogel und ein Stock
Liebe Freunde, wenn der Februar kommt, verstelle ich mich immer und tue so, als wäre schon Frühling. Dann sitze ich häufig - wenn nicht sogar, wie von vielen behauptet wird: immer - auf einer der Bänke an der Zentralhaltestelle und denke darüber nach, wie vorteilhaft es wäre, einen Spazierstock zu besitzen, wie komfortabel es sich anfühlen würde, den Oberkörper nach vorn zu beugen, das Kinn auf meine beiden, den Stockknauf umfassenden Hände zu legen, und von dieser Position aus meine Umgebung zu betrachten. 'Mit einem Stock', habe ich erst vor kurzem gedacht, 'könnte ich ganz prima anderen Leuten auf die Brust klopfen, wunderbar in der Luft herumfuchteln oder auf mir zu nahe kommende Tiere einschlagen.'
Aber dann ist etwas Seltsames geschehen: In dem Moment, als ich das mit den Tieren gedacht habe, hat plötzlich, wie aus heiterem Himmel, so, als ob er bei H&M eine Tarnkappe gekauft hätte, ein Vogel über dem Rathaus in einer Art Gleitflug einen Bogen gedreht und ist mit leicht ausgebreiteten Flügeln nur wenige Meter vor mir auf einer Betonplatte gelandet. Es war ein extrem hässlicher Vogel, eine Kreuzung aus Rabe und Taube mit überaus muskulösen Schenkeln und einem entsetzlich bohrenden Blick aus einem gefährlich wackelnden Kopf. Der Vogel trampelte ein wenig hin und her und hockte sich dann vor mich hin. Weil ich mich von ihm, insbesondere von seinen muskulösen Schenkeln, sofort belästigt fühlte, habe ich versucht, ihn mit einigen drohenden Handbewegungen zu verscheuchen. Aber Vögel scheinen Menschen, die keinen Stock bei sich tragen, nicht besonders ernst zu nehmen. Dieses gefiederte Monstrum bewegte sich keinen Meter weg von mir und starrte mich auf eine Weise an, als ob er etwas über mich wüsste, etwas, das ihm das Recht gab, mich derart ungeniert zu beobachten. Und noch was: Wenn ich meinen Kopf bewegte, oder zur Seite drehte, tat das der Vogel ebenfalls. Wenn ich meine Beine ausstreckte, streckte auch er seine Krallen weit von sich. Ich befürchtete, dass mir, sollte ich jetzt aufstehen und weglaufen, der Vogel, ohne mich aus den Augen zu lassen, zu Fuß folgen würde. Deswegen blieb ich sitzen - um mich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, um nicht mit einem im Abstand von einem Meter mir zu Fuß folgenden Vogel durch die Innenstadt zu laufen. 'Ein Stock', dachte ich, 'jetzt einen Stock haben, um nach dem Vogel zu schlagen.'
Aber ich hatte keinen Stock, und der Vogel bewegte sich keinen Zentimeter weg von mir. Ich begann, um ihn zum Wegfliegen zu animieren, mit einer Art Flügelschlagen. Der Vogel ahmte mich nach, flog aber ebenso wenig wie ich davon. Er kam sogar noch einen Schritt näher. Ich konnte jetzt das irre Flackern in seinen Augen sehen und bekam es langsam mit der Angst. In einem horrenden Tempo sprang ich auf und sprintete davon, der Vogel raste, immer noch zu Fuß, mit enorm großen Schritten hinter mir her. Die Treppe zur Stadthalle nach oben. Der Vogel mir nach. Die rote Ampel in Richtung Marxkopf ignorierend quer über die Fahrbahn. Der Vogel blieb an meine Fersen geheftet. Erst an der Bushaltestelle gelang es mir, ihn durch einen beherzten Sprung in die Linie 21 abzuschütteln. Widerlich krächzend blieb er am Straßenrand zurück, und ich hätte ihm zu gern mit einem Stock durch das Busfenster gedroht. Aber ich hatte ja keinen Stock, und Frühling war es auch noch nicht. Aber mit der Zeit wird das alles schon werden! Verlasst Euch darauf!
Euer Doktor C. Cryptoleucus C. Palumboides Winter

