G.F. Händel, Pastell von Luzie Schneider, 1983, nach einer Miniatur von Christoph Platzer, 1710 G.F. Händel, Pastell von Luzie Schneider, 1983, nach einer Miniatur von Christoph Platzer, 1710

Händel-Festspiele

Händel im Interview


Gerade jetzt, wo zwei deutsche Mannschaften im Finale der Champions League stehen, wird die dazugehörige Hymne rauf und runter gespielt. Auch in Halle wird sie demnächst zu hören sein, live gespielt, und aus der ganzen Welt werden deshalb Gäste anreisen. Doch nicht wegen des Fußballs, sondern wegen Georg Friedrich Händel, der diese Melodie komponierte, reisen sie an. Ihm zu Ehren gibt es jedes Jahr die Händel-Festspiele - so auch in diesem (vom 6. bis zum 16. Juni). Für ein Interview mit dem großen Sohn unserer Stadt kamen wir circa 300 Jahre zu spät. Oder doch nicht ...

BLITZ!: Herr Händel, schön, dass Sie sich kurz Zeit nehmen. Wenn Sie auch noch die Zeit hätten, eine Aufführung Ihrer diesjährigen Festspiele zu besuchen, wo würde man Sie treffen?
G.F. Händel: Also, zu den Händel-Festspielen würde ich auf jeden Fall die Opern besuchen, natürlich "Almira", meine allererste, bei der mir Reinhard Keiser noch kräftig unter die Arme gegriffen hat, aber auch "Alcina" und "Alessandro" und - heute mein größter Erfolg - "Giulio Cesare in Egitto". Natürlich interessieren mich dabei immer die Sänger, die ja auch in eigenen Konzerten zu hören sein werden. Ich würde aber außerdem auch gern das Konzert besuchen, in dem mein Te Deum und Jubilate gesungen wird, das ich vor 300 Jahren zur Feier des Friedens von Utrecht geschrieben habe. Das war mein erster offizieller Staatsauftrag für das englische Königshaus, noch zu Königin Annas Zeiten. "Macht und Musik" ist überhaupt ein spannendes Thema für die Festspiele.

BLITZ!: Und die Orgelnacht und das Abschlusskonzert mit Feuerwerk?
G.F.H.: Bei der Orgelnacht würde ich, ehrlich gesagt, am liebsten selbst mitmachen, vielleicht auf der Reichelorgel; die kenne ich noch von früher. Und für die Freiluftveranstaltungen mit Feuerwerk wünsche ich viel Glück mit dem Wetter. Bei der Uraufführung meiner Feuerwerksmusik ist ja damals Einiges schiefgelaufen, weil der Nieselregen alles vermasselt hat und die schöne Dekoration abbrannte.

BLITZ!: Unabhängig vom Festspielprogramm, welches Ihrer eigenen Stücke gefällt Ihnen am besten?
G.F.H.: Ich habe mal "Theodora" als mein Lieblingsoratorium bezeichnet, aber weniger wegen der Musik, als deswegen, weil mir die Textvorlage so gut gefallen hat. Dass mein Oratorium "Messiah" mal so erfolgreich werden würde, habe ich anfangs gar nicht vermutet. In Dublin, wo die Uraufführung stattfand, hatte sich der damals allerdings schon ziemlich demenzkranke Dekan der Kathedrale (Jonathan Swift, der Autor von "Gullivers Reisen" - d.A.) mächtig aufgeregt, weil er die Figur des Christus auf einer Konzertbühne unpassend fand. Bei den Aufführungen später in London haben wir den Titel vorsichtshalber erstmal verschwiegen, was aber erst recht nichts gebracht hat. Erst als wir mit dem Londoner Waisenhaus zusammen einige Aufführungen in der dortigen Kapelle veranstalteten, begann der Erfolg. Wir haben dieses Oratorium dann immer und immer wieder aufgeführt; daran sehen Sie schon, dass es zu meinen Lieblingsstücken gehört.

BLITZ!: Von welchem zeitgenössischen Musiker oder Komponisten wären Sie heute ein großer Fan?
G.F.H.: Schwer zu sagen; vielleicht wäre es Ennio Morricone oder ein anderer Komponist von Filmmusik, wie zum Beispiel Klaus Badelt. Den Namen habe ich gerade erst "gegoogelt", aber die Musik zum "Fluch der Karibik" kenne ich natürlich; so ist das wohl oft mit wirklich populärer Musik. Filmmusik zu schreiben, hätte mich auch gereizt, aber dieses Medium gab es zu meiner Zeit noch nicht.

BLITZ!: Ab wann wussten Sie, dass Sie einer der größten Musiker aller Zeiten werden könnten oder sein würden?
G.F.H.: Ich hatte das große Glück, schon sehr früh berühmt zu sein. Jedenfalls als Musiker, vielleicht noch nicht so sehr als Komponist. Das fing schon in Halle an, wo Georg Philipp Telemann mich, den angeblich "damals schon berühmten Herrn Händel", auf der Durchreise von Magdeburg nach Leipzig das erste Mal aufsuchte. Damals war ich gerade 16. Als ich dann mit Anfang 20 durch Italien reiste und Cembalo und Orgel spielte, dass es nur so krachte, wurde ich immer als der "berühmte Herr Händel von Halle" angepriesen, was ich durchaus schmeichelhaft fand. Und Johann Mattheson nennt mich sogar "weltberühmt". Sie wissen schon: Das ist der, den ich von Hamburg her kenne und der immer behauptet, mein Freund zu sein, obwohl er mich im Duell beinahe getötet hätte.

BLITZ!: Wenn Sie zurück nach Halle kommen, wo zieht es Sie hier hin?
G.F.H.: Ja, in mein Geburtshaus zieht es mich natürlich immer wieder; hier war ich gern in meiner Kindheit und Jugend und später auch zu Besuch. Natürlich würde ich auch mal in die Marktkirche gehen, die immerhin meine Taufkirche ist. Hier hatte ich bei meinem verehrten Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow Unterricht und habe so ziemlich alles bei ihm gelernt, was ich für meinen späteren Beruf brauchte. Es freut mich, dass es die kleine Orgel über dem Altar noch gibt, auf der ich damals auch gespielt habe. Auch in den Dom würde ich gern nochmal hineinschauen; dort habe ich mein erstes selbstverdientes Geld als Organist erhalten. Die Förnerorgel, auf der ich spielen durfte, gibt es zwar nicht mehr, aber das Altargemälde mit Herzog August und seiner Familie, auf das mein Blick von der Orgelempore aus immer fiel, ist noch da. Mein Vater war ja sehr lange für die herzogliche Familie als Leibchirurg tätig, auch als Herzog August schon tot war und seine Nachkommen in Weißenfels residierten. Vorher war die Neue Residenz seine Wirkungsstätte ...

BLITZ!: Mal angenommen, Sie träfen Ihre Ur-Ur-Ur-Ur-(und so weiter)-Ur-Enkel, allesamt auch Musiker. Der eine spielt Techno, der andere macht Schlager-Pop und einer spielt Klassik. Alle drei haben parallel ein Konzert, welches würden Sie besuchen?
G.F.H.: Ich wäre erst einmal skeptisch, was diese Personen betrifft. Da ich keine Kinder habe, können es wohl kaum meine Nachfahren sein. Aber wenn sie gute Musik machen, soll mir das letztlich egal sein. Ich würde bedauern, wenn ich mich zwischen diesen drei Konzerten entscheiden müsste, denn neugierig wäre ich auf alle drei. Aber wenn es denn sein muss, dann wäre wahrscheinlich das, was Sie Schlager-Pop nennen, am ehesten mein Metier. Ich hoffe allerdings, dass es gut gemacht ist und nicht zu seicht wird; da gibt es ja auch innerhalb der Stilrichtung durchaus Qualitätsunterschiede. Vielleicht wundern Sie sich, dass ich Pop-Musik der Klassik in diesem Fall vorziehe. Aber vor 300 Jahren habe ich eigentlich immer nur die damals aktuelle Musik gespielt; alte Musik wollte normalerweise niemand hören, jedenfalls nicht im Konzert. Ich habe aber manchmal auch Musik, die schon damals mehr als hundert Jahre alt war, in meine Kompositionen hineingeschmuggelt. Zum Beispiel enthält mein Funeral Anthem für die Königin Caroline einen Gesang aus dem 16. Jahrhundert, der von Jacobus Gallus (eigentlich Jacob Handl) stammt, mit dem ich mich schon wegen des Namens irgendwie seelenverwandt fühlte. Aber es war dann doch nie Alte Musik pur, sondern immer "neue" Musik, die zur Aufführung kam. Und es war - wie bei der Pop-Musik - meistens eben richtige Tanzmusik, allerdings mit den Tänzen und Rhythmen, die zu meiner Zeit in Mode waren, versteht sich. Daraus haben wir damals ganze Suiten zusammengestellt; vermutlich kennen Sie mindestens meine Wassermusik, um nur mal ein Beispiel zu nennen.

BLITZ!: Was denken Sie, war es damals schwieriger oder ist es heute schwieriger, mit Musik erfolgreich zu sein?
G.F.H.: Es war und ist zu allen Zeiten schwierig, mit Musik erfolgreich zu sein. Man muss nicht nur begabt sein und hart arbeiten, sondern auch die richtigen Leute kennen und darf sich nicht unter Wert verkaufen. Besorgte Eltern sind deshalb meistens gar nicht so begeistert, wenn sie von ihrem Sohn hören, dass er Musiker werden will. Die Mutter meines Freundes Telemann hat sich richtig Gedanken gemacht, dass ihr Sohn als Gaukler, Seiltänzer oder Murmeltierführer enden würde (jedenfalls hat mir der Spaßvogel das so geschildert). Aber ich weiß nicht, ob nicht vielleicht auch mein Vater versucht hätte, mich von meinem Wunsch abzubringen, wenn er nicht bereits gestorben wäre, als ich erst zwölf war.

BLITZ!: Welches ist Ihr Lieblingsinstrument?
G.F.H.: In meiner frühen Jugend war ich von der Oboe ganz begeistert und habe damals viel für dieses Instrument geschrieben. Es war gerade erst so richtig in Mode gekommen, und ich liebte diesen Klang, bin aber nie als Oboist tätig gewesen. Das Instrument, das ich selbst mit großer Leidenschaft immer gern gespielt habe, ist die Orgel, die auch als die Königin der Instrumente gilt. An der Orgel der Schlosskirche in Weißenfels wurde mein musikalisches Talent entdeckt, ich verdiente meine ersten Brötchen als Organist der reformierten Domgemeinde in Halle, beeindruckte und verblüffte mit meinem Spiel meine Zuhörer in Rom und in anderen europäischen Städten und wurde als Virtuose gefeiert. Später saß ich in London gern bei den Aufführungen meiner Oratorien an der Orgel und erfand schließlich eine neue Konzertform, bei der die Orgel als Soloinstrument im Wettstreit mit einem Orchester auftritt: die so genannten Orgelkonzerte.

BLITZ!: Ihre Musiken sind noch heute Superhits - wundert Sie das?
G.F.H.: Meine Musik kam schon zu meinen Zeiten meistens gut an, und das war auch so beabsichtigt. Ich habe beim Komponieren nie nur an mich und womöglich an meinen jeweiligen Seelenzustand oder meine "Selbstverwirklichung" (wie man das heute nennt) gedacht, sondern immer versucht, den Auftrag so gut wie möglich zu erledigen und dem Publikum gute Musik zu liefern. Dass der Erfolg nun schon 300 Jahre anhält, freut mich natürlich.

BLITZ!: Sie waren noch nie in Frankreich - warum?
G.F.H.: Das stimmt nicht ganz; seit 1888 wohne ich in Paris im Foyer der Opéra Garnier - nein, nicht als Phantom der Oper, sondern als steinernes Denkmal, und über meinem Kopf prangt das Stadtwappen meiner Geburtsstadt Halle. Aber zu meinen Lebzeiten, das muss ich einräumen, hat es sich für mich tatsächlich nie ergeben, nach Frankreich zu reisen. Dabei wäre die französische Sprache kein Hindernis gewesen; die habe ich locker beherrscht. Ich habe damals sogar mit Leuten französisch gesprochen, die selber gar keine Franzosen waren. Meinem Schwager nach Halle, zum Beispiel, habe ich Briefe in französisch geschrieben, weil das eben "in" war. Wenn ich von England auf den Kontinent fuhr, ging meine Route aber nicht über Frankreich, sondern über Holland (dort hatte ich sogar mal einen Verkehrsunfall mit der Kutsche). Die französische Musik hat mich aber immer sehr interessiert, ich habe sowohl Ouvertüren im französischen Stil komponiert (Denken Sie nur an meine Feuerwerksmusik!), als auch französische Tanzrhythmen in meine Musik übernommen. Und war es nicht eine gute Idee, die Chanson "La jeune Nanette" in meine Oratorien "Joshua" und "Judas Maccabaeus" einzubauen? Na ja, die kennen Sie wahrscheinlich eher als Weihnachtslied mit dem Text "Tochter Zion".

BLITZ!: Wenn Sie eine CD-Sammlung hätten, wären auch CDs von Johann Sebastian Bach dabei?
G.F.H.: Warum nicht; ich bin ja mit diesem Musikstil aufgewachsen und sehr gut vertraut. Wenn ich auch, wie Bach, Kirchenmusiker an einer evangelischen Kirche in Mitteldeutschland geworden wäre, hätte ich mich garantiert als Komponist mit dieser Art von Musik beschäftigen müssen. Aber mein Lebensweg nahm dann doch eher eine andere Richtung, und das spiegelt sich auch in meinem Werkspektrum: Bei mir stehen Bühnenwerke im Vordergrund, vor allem Opern (für die Bach offenbar ein Anlass gefehlt hat, sie zu komponieren), aber auch englische Oratorien. Auf dem Gebiet der Kirchenmusik sind es die Anthems für den anglikanischen Gottesdienst, wobei ich mir da allerdings hin und wieder auch mal erlaubt habe, einen protestantischen Choral mit einzubauen.

BLITZ!: Gab es zu Ihren Lebzeiten Kontakt oder gar einen Konkurrenzkampf zwischen Ihnen und Herrn Bach?
G.F.H.: Als ich 1729 meine Mutter zum letzten Mal in Halle besuchte, kam Bachs Sohn Wilhelm Friedemann von Leipzig zu mir herüber und überbrachte eine Einladung seines Vaters. Ich hatte von diesem Herrn schon gehört, und Leipzig kannte ich seit meiner Jugendzeit - klar, die berühmte Leipziger Messe! -, damals wurden da sogar Opern gespielt. Mein Freund Telemann studierte in Leipzig, und wir besuchten uns gegenseitig. Zu dieser Zeit war noch Johann Kuhnau Thomaskantor. Aber dass sein Nachfolger Bach mal so berühmt wird, hätte niemand gedacht. Ich bitte Sie: Eine wirkliche Konkurrenz war er für mich zu keiner Zeit; um nichts in der Welt hätte ich mit ihm tauschen mögen! Er lebte ja im Vergleich zu mir in eher bescheidenen Verhältnissen. Wenn in Leipzig eine neue Obrigkeit ihr Amt antrat, schrieb Herr Bach eine Ratswechselkantate für einen neuen Bürgermeister. In London hatte ich dagegen prachtvolle Anthems zu komponieren, die für die Krönung des englischen Königs bestimmt waren! Sie wurden zu den Feierlichkeiten in der Westminster Abbey vor hohen Würdenträgern aufgeführt und erklingen bis heute bei jeder Krönung, bei Krönungsjubiläen und sogar bei der Fußball-Champions-League. Sie sehen, das ist doch gar kein Vergleich! Wozu also sollte ich damals den Besuch bei meiner alten Mutter verkürzen und stattdessen nach Leipzig reisen?

BLITZ!: Eine große deutsche Zeitung schrieb: "Wer das Interessante, das Exzentrisch-Pikante sucht, wird Händel flau und leer finden", und wirft Ihnen vor, "kitschig" zu sein. Was sagen Sie dazu?
G.F.H.: Was das "Exzentrisch-Pikante" betrifft, so stand das bei mir wirklich nie im Vordergrund. Ich wollte lieber mit einfachen, klaren Mitteln eine möglichst große Wirkung erreichen. Was das mit Kitsch zu tun haben soll, weiß ich allerdings nicht. Das ist - obwohl man es der Musik nicht anmerkt oder zumindest nicht anmerken sollte - richtig harte Arbeit gewesen, so zu schreiben; das sollte man nicht unterschätzen. Ich musste mich genauso anstrengen wie ein Tänzer, der die Zuschauer die Anstrengung nicht spüren lassen darf und lächeln muss, als wäre alles ganz und gar mühelos und leicht - damit sich der Zuschauer (oder in meinem Fall der Zuhörer) wohlfühlen kann. Wer es allerdings lieber kompliziert haben möchte, sollte sich vielleicht mal mit meinen Kammerduetten und vor allem mit den beiden Kammerterzetten, die ich damals in meiner Zeit in Italien komponiert habe, beschäftigen. Da wird er geballte Kontrapunktik vom Feinsten vorfinden - will nur sagen, dass ich durchaus auch anders gekonnt hätte!

BLITZ!: Was ist Ihre schlechteste Eigenschaft?
G.F.H.: Ich habe überhaupt keine schlechten Eigenschaften; vielleicht ist es aber gerade dieses Selbstbewusstsein, das manche Leute an mir ärgert. Und noch etwas anderes fällt mir dazu ein: Angeblich soll ja - aus heutiger Sicht - meine Neigung zu übermäßigem Essen und Trinken eine schlechte Eigenschaft sein. Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Schließlich brauchte ich doch für mein immenses Arbeitspensum auch jede Menge Energie. Zu meiner Zeit galt Genussfähigkeit noch nicht als Makel, und viel Zeit für andere schöne Beschäftigungen blieb mir oft nicht. Dafür hatte ich aber einen Koch, der gut für mein leibliches Wohl sorgte und außerdem sogar sehr musikalisch war.

Die Antworten stellte uns Dr. Konstanze Musketa, Musikwissenschaftlerin und Leiterin des Bereichs Bibliothek / Archiv / Forschung der Stiftung Händel-Haus zusammen.


Wort: T.L. / Bild: Stiftung Händel-Haus






Parkbühne Leipzig Parkbühne Leipzig

Open-Air-Highlights

Sommer auf der Parkbühne


Auch in diesem Sommer ist wieder mächtig was los in Leipzigs Kulturschmuckstück im Grünen. Das Spektrum ist breit wie nie, da dürfte jeder fündig werden.

Das Stück Stadtgrün, in dem die Parkbühne 1955 gebaut wurde, hieß damals noch Albertpark. Gemeinsam mit dem Johannapark, dem Palmengarten und dem Scheibenholz wurde dieser im gleichen Jahr zum Clara-Zetkin-Park vereint, im Sozialismus hatte man es gerne etwas größer. Diese Zusammenlegung hat bis heute jeder Rückwärtsabwicklung getrotzt. Der Clara-Park ist einfach ins Denken der Leipziger eingegangen und das sollte nunmehr wohl auch so belassen bleiben. Ebenso fest verwurzelt ist die Bühne, die nach etlichen Jahren Dornröschenschlaf nach der Wende im neuen Jahrtausend wieder zum Leben erweckt wurde und seitdem Leipzigs schönste Sommer-Location ist: Citynah und trotzdem mitten im Grünen, das nach hinten sanft ansteigende Halbrund des Innenraums erlaubt optimale Sichtverhältnisse bei großer Bühnen-nähe von jedem Platz. Für viele Leipziger ist der Park rund um die Bühne inzwischen zum Picknickplatz während der Konzerte geworden.
Das Programm wird geschickt für alle Schichten und Altersgruppen gestrickt und kann sich auch in diesem Jahr wieder sehen lassen. Den Anfang macht das gegenwärtige Traumpaar der deutschen Schauspielerei, in dem beide auch deutlichen Affinitäten zur Pop-Musik nachgehen.
Silly Silly

Alex Clare Alex Clare

Helge Schneider Helge Schneider

Sophie Hunger Sophie Hunger

Reinhard Lakomy Ensemble Reinhard Lakomy Ensemble

Am 8. Juni startet Jan Josef Liefers mit seiner Band Oblivion. Liefers ist auch jenseits des "Tatorts" ein exzellenter Schauspieler, und er war das auch schon der DDR. Hier, konkret in Dresden, hat seine Kindheit stattgefunden - sein Konzert liefert uns den Soundtrack dazu. Ein wunderbarer Ausflug in vergangene musikalische Welten ohne jede peinliche Ostalgie, aber auch frei von dem noch peinlicheren Gejammer, wie sehr man uns doch alle beschissen habe.
Danach seine Frau, die vor ein paar Jahren den anspruchsvollsten, aber auch gefährlichsten vakanten Job in einer deutschen Band übernommen und verblüffend souverän ausgefüllt hat: Am 21. und 22. Juni gastieren Silly mit Anna Loos auf der Bühne. An zwei Abenden, weil der erste binnen Stunden ausverkauft war. Kein Wunder, schlug doch vor drei Jahren "Alles Rot", das erste Album mit ihr, unglaublich ein und führte die Band in einem Triumphzug in die Spitzengruppe des deutschen Rock 'n Roll. Eigentlich standen sie dort musikalisch seit den 1980ern. Es hat im Westen schlicht kaum jemand bemerkt (wie manches andere auch). Mit Anna hat die Band nun tatsächlich die große Loos gezogen. Okay, blöder Kalauer…
Kurz danach was Brandneues: Alex Clare aus London war ein Jahr mit Amy Winehouse zusammen (es wäre besser für Amy gewesen, wenn sie ein Paar geblieben wären) und stand genau vor einem Jahr mit seinem Track "Too Late" auf Platz Nummer 1. Was wiederum viel mit dem Clip für den Internet Explorer 9 zu tun hatte, zu dem das Stück die Musik lieferte. Das Debütalbum des Soul- und Dubstep-Sängers zeigt aber noch viel mehr Potenzial, eine der großen Stimmhoffnungen derzeit.
Hoffnung gibt's auch immer wieder, wo Olaf Schubert, das Wunder im Pullunder, der Rächer der Enterbten und der Beglücker der Witwen und Waisen, auftaucht und das Füllhorn seiner Weisheit über uns ergießt. "Eimer für alle" heißt am 27. Juni die launige Veralberung der Musketiere, bei der Degen und Zungen gar hurtig geführt werden und sich am Ende alle weidwund getroffen kichernd wälzen. Ähnliches ist ein paar Tage später bei Helge Schneiders Konzert, betitelt: "Bunte Sommerabende mit Musik und Quatsch" zu erwarten, wenn die singende Herrentorte uns wieder allerhand Nonsens zum Lachen auftischt.
Der 27. Juli wird ein Fest für die Fans einer der größten amerikanischen Bands: Foreigner sind die führende Combo des Adult Orientated Rock (Rock 'n Roll für Große eben) und kommen mit ihren großen Hits ins kleine Leipzig. Wer seine wilden Jahre in den Endsiebzigern und der ersten Hälfte der Achtziger verbrachte, kam an Hits wie "Cold As Ice", "Urgent", "Juke Box Hero", "Wai-ting For A Girl Like You" oder an der Über-Ballade "I Want To Know What Love Is" einfach nicht vorbei. Auch, wenn Sänger Lou Gramm schon lange nicht mehr dabei ist - alle versichern, dass Kelly Hansen ihn bestens ersetzt. Als Foreigner ihre größte Zeit hatten, wurde Sophie Hunger in der Schweiz geboren. Seit ein paar Jahren macht die eigenwillige Dame als Schauspielerin und auf der Bühne mit einem Mix aus Chanson, Pop und Jazz Furore. Ideal für so eine lange laue Parkbühnen-Nacht am 16. August.
Erinnert sich noch jemand an die B52s? Nein, der Name kommt nicht von dem amerikanischen Riesenbomber, dafür von den schrillen Riesenfrisuren der beiden Sängerinnen der Band aus Athens/ Georgia (zehn Jahre später wurden R.E.M. aus dem gleichen Nest Weltstars), die mit ihrem schrillen Gemisch aus Rock, Punk und New Wave Anfang der 80er ziemlich einschlugen. Ihren größten Hit "Love Shack" feierten sie aber erst 1989 und kurz danach waren sie mit dem Song "(Meet) The Flintstones", der Titelmelodie des Animations-Langfilms, endgültig weltweite Überflieger. Diese Legende kommt am 23. August auf die Parkbühne! Ein Nachsatz: Die Slang-Bezeichnung für die aufgetürmten Krähennestfrisuren dieser Zeit kommt natürlich von jenem amerikanischen Bomber …
Schließlich noch ein Konzert für Große und Kleine, das Freude und Trauer zugleich hervorruft. Reinhard Lakomy, dessen Platten in den 80ern die unangefochtene Lufthoheit in ostdeutschen Kinderzimmern hatten und heute von den Kindern und Kindeskindern derer geliebt werden, die damals diese Zimmer bewohnten, ist im März gestorben. Er hat seinen Krebs nicht behandeln lassen, aber dafür bis zum Schluss die Arrangements der Programme so umgeschrieben, dass sie auch ohne ihn aufzuführen sind. Er hat uns den Traumzauberbaum gepflanzt, und der wird noch lange für uns grünen. Am 8. September gastiert das Reinhard Lakomy Ensemble in Leipzig.


Internet:

www.mawi-concert.de 




Wort: F.W.
Bild: Tom, Jonny Soares, Jon Baker, kaka dopulus, Universal Music, P.D.

BLITZ! Halle

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