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Johann Janus' Kolumne

Halle nachbauen


Ein Sportflugzeug ist auf der kleinen Insel gelandet, auf die ich mich selbst projiziert habe. So als fiktive Figur kann man das ja machen - und endlich passiert hier was.

Ich gehe zu dem kleinen Restaurant neben der Landebahn, dass gleichzeitig Flughafengelände, Hotel und Militärstützpunkt ist. Auf der Terrasse sitzt eine gepiercte, rauchende junge Frau und kritzelt in einem großen Notizbuch herum. "Geht's dir nicht gut?", begrüßt sie mich, ohne aufzusehen.
"Ich langweile mich zu Tode hier, habe seit Monaten weder meinen besten Freund noch meine Heimatstadt gesehen, habe eine ziemlich ausgeprägte Persönlichkeitsstörung und bin ein fiktiver Kolumnenautor. Ansonsten kann ich nicht klagen", antworte ich ironisch und setze mich ihr gegen-über.
"Warum bist du dann hier?", fragt die Frau, drückt ihre Kippe aus und zündet sich eine neue an, ohne den Bleistift aus der Hand zu legen.
"Was soll eine fiktive Person schon in der realen Welt? Und da ich keine Lust auf irgendeine dystopische Sci-Fi-Welt hatte, hab ich mir einen schöneren unwirklichen Ort gesucht", erkläre ich.
Unbemerkt hat sie ihre Zigarette schon wieder aufgeraucht. Ich weiß nicht, ob ich mir mehr Sorgen um ihre oder um meine Lunge machen soll. "Da kannst du doch auch gleich wieder nach Halle gehen, wenn du es dir schon aussuchen kannst."
Mir fällt auf, dass ich bisher noch gar nicht erwähnt habe, dass ich aus Halle komme. "Wer bist du?", frage ich misstrauisch.
"Biene", antwortet meine Gesprächspartnerin beiläufig und widmet sich wieder der Zeichnung in ihrem Buch.
"Hä?"
"Sabine. Aber du kannst mich Biene nennen. Und du bist Johann Janus, der gebürtige Hallunke", ergänzt sie lächelnd, drückt ihre aufgerauchte Kippe auf und zündet sich eine neue an (war das ein Déja-Vù oder ist das jetzt ihre vierte?).
Verdutzt starre ich sie an. Sie zieht zwei schwungvolle Striche nach und schiebt mir dann ihr Notizbuch herüber. Auf der aufgeschlagenen Seite sehe ich eine Bleistiftzeichnung von mir mit dem Notizbuch in der Hand. Ich bin ganz schön unrasiert, fällt mir auf. Ich schneide eine Grimasse, um zu sehen, ob ich vielleicht einen Spiegel in der Hand halte. "Ich bin deine Zeichnerin", sagt Biene und zieht so stark an ihrer Zigarette, dass diese sofort die Hälfte ihrer Länge verliert. So macht sie das also. "Wenn du nicht ins wirkliche Halle kannst, dann bau es dir doch nach. Du weißt, was dir dort wichtig ist. Hol es dir einfach dahin, wo du selbst bist und nenn es Halle. Lass die Arbeitslosigkeit und die HAVAG weg und bau dir ein bisschen Nachtleben dazu. Auch wenn das dann nicht mehr wirklich Halle wäre."
Ich schaue sie zweifelnd an.
"Das geht?"
"Warum denn nicht?" Biene schnippt ihre Kippe weg. Dann schlägt sie die nächste Seite in ihrem Notizbuch auf und zeigt mir ein feinkoloriertes Bild von mir auf der Unitreppe, in der Hand ein Sterni und eine BLITZ!-Ausgabe vom 15. Juni 2013.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner

BLITZ! Halle

BLITZ! HALLE

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